SENDETERMIN Di, 17.09.19 | 05:30 Uhr | Das Erste

Service: Problem Alkohol

mit Dr. Christine Hutterer, Biologin und Medizinjournalistin

PlayDr. Christine Hutterer, Biologin und Medizinjournalistin
Service: Problem Alkohol | Video verfügbar bis 17.09.2020 | Bild: WDR

In Deutschland sind über 1,7 Millionen Menschen alkoholabhängig, weitere 1,6 Millionen missbrauchen Alkohol. Das bedeutet: ein von der Norm abweichender Konsum, der einmalig oder wiederholt in übermäßiger Dosierung erfolgt. Hinter jedem Abhängigen stehen mehrere Angehörige. Etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland haben Angehörige mit einer Suchterkrankung, und sind oft hilflos und überfordert damit konfrontiert.

Wann wird Alkohol zum Problem?

Aus medizinischer Sicht gibt es keinen gefahrlosen oder "gesunden" Alkoholkonsum. Wenn Alkoholkonsum eine Funktion erfüllt – als Einschlafhilfe, zum Entspannen oder zum Vergessen – wird es problematisch.

Falsch ist die Annahme, dass nur eine Alkoholabhängigkeit zu schweren gesundheitlichen Schäden führen kann. Andererseits trifft es nicht zu, dass jeder, der viel trinkt, automatisch alkoholabhängig ist. Dennoch steigt das Risiko körperlich oder seelisch zu erkranken, mit zunehmender Konsummenge an.

Angehörige haben häufig ein ungutes Gefühl, machen sich Sorgen wegen des Trinkverhaltens oder rechtfertigen den Konsum einer anderen Person. Das sind Anzeichen für ein Alkoholproblem.

Wer ist betroffen?

Bei einer Abhängigkeitserkrankung gibt es immer auch Angehörige, die sich in der Hilfe für den Suchtkranken verstricken und aufreiben. Das kann der Lebenspartner sein, aber auch Eltern, Kinder, Geschwister oder Freunde.

Alkoholprobleme sind in unserer Gesellschaft noch immer schambehaftet. Angehörige versuchen daher, das Problem vor dem Umfeld zu verstecken. Dadurch geraten sie in einen Teufelskreis der Mitbetroffenheit. Immer stärker wird das ganze Leben auf die alkoholkranke Person ausgerichtet.

Was können Angehörige und Freunde tun?

Für Angehörige ist es wichtig zu erkennen, welche Rolle sie in der Beziehung zu der trinkenden Person einnehmen und wie sehr sie selbst belastet sind. Häufig führt der intensive Wunsch zu helfen dazu, dass Angehörige die Verantwortung für Aufgaben des Betroffenen übernehmen. Dann kann der sein Trinkverhalten aufrechterhalten kann, ohne dass er negative Folgen spürt, oder Verantwortung für seine Fehler übernehmen muss. Unbewusst wird der Konsum unterstützt.

Es ist notwendig, sich vom Konsum abzugrenzen und unterstützendes Verhalten zu beenden. Angehörigen tut Unterstützung durch andere Menschen gut, die ähnliche Erfahrungen, Ziele oder Interessen haben und die sie in ihrem Vorhaben positiv bestärken.

Hilfsangebote

Wenn Sie sich entschieden haben Ihre Situation zu ändern, müssen Sie diesen Weg nicht alleine gehen. Hilfe zu suchen, ist ein Zeichen von Stärke. Es gibt verschiedene Hilfsangebote in der Suchthilfe. Welche Form am besten zu Ihnen und zu Ihrer Situation passt, hängt von Ihrer individuellen Situation ab.

Für die meisten Angehörigen und Betroffenen ist die erste Anlaufstelle eine Alkohol- oder Drogenberatung. Auch Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker, die zu Beginn allein den Betroffenen zugänglich waren, haben erkannt, dass auch Angehörige dringend Hilfe brauchen.

Ein weiterer möglicher Ansprechpartner für Sie als Angehöriger kann auch Ihr Hausarzt sein. Wenn Sie sehr stark belastet sind, kann eine ambulante Psychotherapie sinnvoll sein. Die Kosten dafür übernimmt bei Bedarf die Krankenkasse. Als hilfreich hat sich das CRAFT-Modell erwiesen. Das ist ein Therapiekonzept speziell für Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen.

Wenn Kinder in Haushalt sind

Kinder nehmen deutlich wahr, dass zu Hause etwas nicht in Ordnung ist. Wechselnde Stimmungen, eventuell aggressives Verhalten und Verlustängste bedeuten großen Stress. Eine Familie mit Alkoholvergangenheit kann das ganze weitere Leben beeinflussen: Etwa ein Drittel der Kinder gerät im Erwachsenenalter selbst in eine stoffliche Abhängigkeit (Alkohol, Drogen). Die Wahrscheinlichkeit dafür ist etwa drei- bis viermal höher als bei Kindern ohne Abhängigkeitserkrankung in der Familie.

Weitere Informationen

Stiftung Warentest, Ratgeber für Angehörige und Freunde, Dr. Christine Hutterer: Problem: Alkohol - Wege aus der Hilflosigkeit!
175 Seiten, ISBN 978-3-7471-0111-7, Preis 19,90 Euro

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS)
https://www.dhs.de

Anonyme Alkoholiker (AA) Interessengemeinschaft e.V.
Regionale Kontaktstellen sind unter der bundesweiten einheitlichen Rufnummer
(Ortsvorwahl) + 19295
zu erreichen
https://www.anonyme-alkoholiker.de

Al-Anon Familiengruppen
Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freunde von Alkoholikern
Telefon: 033878/907440
https://al-anon.de

Vollständige Reportage: Tochter eines Alkoholikers:
https://www.youtube.com/watch?v=6bKKcOcTQw8

Stand: 18.09.2019 11:00 Uhr

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