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Service: Sorgen um die Kinder

mit Karella Easwaran, Kinderärztin

PlayMutter mit Handy und Laptop, Tochter
Service: Sorgen um die Kinder  | Video verfügbar bis 14.09.2021 | Bild: WDR

Schon unter normalen Umständen managen Mütter mit viel Einsatz Beruf, Kindererziehung, Hausarbeit, Familienorganisation und manchmal die Pflege von Angehörigen. Mit der Corona-Krise kamen zum Homeoffice noch die Betreuung von Kita-Kindern und Homeschooling hinzu. Diese massive Belastung führte in manchen Familien zu enormem Stress – besonders für Mütter –, der sich dann auch auf die Kinder übertrug. Junge Menschen lernen, indem sie ihre Eltern und Mitmenschen beobachten und gewisse Verhaltensweisen übernehmen.

Die Kinderärztin und Buchautorin Karella Easwaran hat deshalb ihre Beobachtungen rund um das Thema zusammengestellt. Hier ihre wichtigsten Thesen:

Kinder sehen die Unsicherheit und Sorgen der Eltern und bekommen Angst

Corona hat Sorgen und Ängste verstärkt, vieles wurde unberechenbar, vermeintliche Gewissheiten brachen weg: Betreuungsstrukturen, Kontakt zu älteren Familienangehörigen, zu Freunden. Es entstanden neue Probleme: die Ungewissheit über die Dauer der Maßnahmen, Betreuungsengpässe – ohne Kita, Ganztagsschule, Mittagessen, Mensa mussten Kinder zu Hause versorgt und betreut werden. Mütter können seither selten abschalten, oft fehlt auch der Fokus.

Kinder erfahren von den Existenzsorgen ihrer Eltern

Viele Menschen haben durch die Corona-Krise den Arbeitsplatz verloren oder haben Angst davor. Durch Kurzarbeit und Jobverlust verfügen viele Familien über weniger Einkommen. In der Corona-Pandemie befürchten Eltern eine Infektion nicht nur, weil die Kinder krank werden könnten, sondern auch, weil es die Existenz bedrohen kann, wenn sie nicht arbeiten. Sie erleben Angst oder Stress, weil die Betreuung der Kinder nicht gesichert ist, was wiederum ihre Jobsituation gefährdet.

Kinder leiden unter der sozialen Isolation

Soziale Isolation ist gerade für Kinder sehr nachteilig, denn für ihre psychosoziale Entwicklung sind Kontakte zu anderen Kindern unabdingbar. Viele Eltern hatten auch die Sorge, dass Kinder in der Schule den Anschluss verlieren und sich der Unterrichtsausfall negativ auf Schulabschluss, Ausbildungs- oder Studienplatz auswirkt. NAggressionen in der Familie sind vorprogrammiert. Auch Streit in der Familie, Aggression bis hin zu Kindesmisshandlung und häuslicher Gewalt sind Dinge, über die Kinderärzte besorgt sind. Gerade weniger intakte Familien stehen in der Krise vor besonders großen emotionalen Schwierigkeiten. Die soziale Isolation, das Gefühl des „Eingesperrtseins“, eventuell auf engem Raum, sorgen für Stress und Überforderung bei den Eltern, was sich ebenfalls auf die Kinder auswirkt.eurowissenschaftlich betrachtet kann die schulische und intellektuelle Entwicklung aber nachgeholt werden – die seelische Entwicklung, die aus dem Kontakt zu anderen Kindern entsteht, kann das jedoch nicht.

Kinder entwickeln psychische Probleme

Kinder erleben Ängste bis hin zu panischen Zuständen, wenn ihre Sicherheit und Geborgenheit zu schwanken beginnt. Die Gespräche, Nachrichten, Verschwörungstheorien und viele Unwahrheiten im Netz verursachen Sorgen und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen. Der Anteil an psychischen Erkrankungen steigt rapide. Das hat eine Untersuchung der Universitätsklinik Hamburg ergeben, die im Juli 2020 veröffentlicht wurde (COPSY-Studie der Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf). Kinder entwickeln ihre eigenen Ängste und Sorgen. Zusätzlich übertragen verunsicherte Eltern ihre Ängste und verstärken so die Emotionen der Kinder.

Armut verschlimmert die Belastungen

Laut einer Bertelsmann-Studie ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen, jedes siebte erhält Grundsicherung. Dadurch sind Bereiche wie Mobilität, Freizeit und soziale Teilhabe stark eingeschränkt. Gesundheit und Bildung werden vernachlässigt – auch beim Home-Schooling, da jeder vierten von Armut betroffenen Familie kein internetfähiger Computer zur Verfügung steht. Ruhige Arbeitsplätze und Rückzugsorte in den Wohnungen fehlen ebenso. Gerade Alleinerziehende sind oft betroffen; viele haben nur einen Minijob, wovon viele in der Corona-Krise weggefallen sind.

Was können Eltern tun, um die Situation ihrer Kinder zu verbessern?

  • Das Problem klar analysieren und definieren: Was ist das eigentliche gegenwärtige Problem? Worum mache ich mir Sorgen, was wäre eine mögliche Lösung?
  • Eine positive Einstellung entwickeln: Wir kommen nur Schritt für Schritt vorwärts. Wir ändern die Krise nicht, finden aber einen Weg heraus. Kinder empfinden das dann als eine Herausforderung. Die ganze Familie kann so aus der Stressspirale aussteigen.
  • Den Stresslevel senken: Eltern können ein Vielfaches für die Familie tun und ihre Kinder stärken, wenn sie ganz bewusst am eigenen Stresslevel arbeiten. Es gibt viele Übungen, mit denen Stress gesenkt und Stresshormone reduziert werden können.
  • An der eigenen Selbstwahrnehmung arbeiten: Das ist hilfreich, um eigene Reaktionen und Verhaltensmuster zu verstehen, um dann eigene Bedürfnisse besser formulieren und sich Ziele setzen zu können.
  • Klare Prioritäten setzen: Was ist unabänderlich, woran darf ich mich nicht abarbeiten, was muss wie perfekt sein oder kann auch anders gehen?
  • Ziele und Visionen klarstellen: Sich nicht den Tag verderben lassen, sondern den Blick auf die kommende Woche, den nächsten Monat, das Jahr richten. Den Weitblick bewahren, statt an einer kleinen Sache hängenzubleiben.
  • Gemeinsam Pläne schmieden: Die gesamte Familie entwirft einen konkreten Plan, was im Falle einer bestimmten Situation unternommen werden soll.
  • An der Kommunikation arbeiten: Eine klare, einfühlsame Kommunikation ist besonders in Krisenzeiten wichtig, da unter Stress vieles oft falsch verstanden werden kann.
  • Soziales Netzwerk: Wir alle brauchen ein soziales Netzwerk, ein funktionierendes Umfeld, in dem die alltäglichen Herausforderungen einfacher zu bewältigen sind. Das ist vor allem für Alleinerziehende wichtig. Die Umgebung wahrzunehmen und Unterstützung zu akzeptieren ist jetzt besonders wichtig. Eventuelle Hilfe zur gegenseitigen Kinderbetreuung kann es durch eine Familie in ähnlicher Situation geben.
  • Die Lebensfreude behalten: Trotz aller Schwierigkeiten sollte die Freude erhalten oder angeregt werden – es ist wichtig, dass der Kontakt zu anderen Familien, Freunden und Verwandten nicht abbricht.

Stand: 14.09.2020 07:27 Uhr

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Mo., 14.09.20 | 05:30 Uhr
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