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Service: Umgang mit Ängsten

mit Silke Brand, Diplom-Psychologin

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Service: Umgang mit Ängsten | Video verfügbar bis 29.04.2021 | Bild: WDR

Viele Menschen haben Angst, sich mit dem Corona-Virus anzustecken. Durch die Lockerungen, die jetzt in vielen Bereichen in Deutschland gelten, kann sie noch wachsen. Die Corona-Krise löst auf der einen Seite bestimmte Ängste wie die vor Ansteckung aus, kann laut Psycho- logen andererseits aber auch andere Ängste oder Belastungen verringern, z.B. Stress durch Termindruck. Menschen, die unter psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, Hypochondrie (zwanghafte Angst vor Erkrankungen) oder Zwängen leiden, haben es jetzt besonders schwer.


In Deutschland sind laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe mehr als fünf Millionen Erwach- sene zwischen 18 und 79 Jahren (8,2 Prozent, 2016) innerhalb eines Jahres an einer De- pression erkrankt. Knapp 18 Millionen Erwachsene (fast 28 Prozent, 2019) sind in Deutsch- land insgesamt jedes Jahr von psychischen Erkrankungen betroffen, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, DGPPN. Mit am häufigsten seien Angst, gefolgt von affektiven Störungen wie Depressionen oder solche durch den Konsum von Alkohol oder Medikamente.

Hypochondrie und Angst vor Krankheiten

Zehn bis 15 Prozent der Weltbevölkerung erleben im Laufe ihres Lebens eine hypochondri- sche Phase. Rund fünf Prozent aller Patienten in einer Hausarztpraxis sind laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation Hypochonder. Vorherrschendes Kennzeichen ist demnach die andauernde Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren körper- lichen Krankheiten zu leiden. Die Leidensinhalte können jede Art von Erkrankungen betreffen, meist körperlicher, seltener seelischer Natur. Betroffene klagen über körperliche Beschwerden und beschäftigen sich beharrlich mit den körperlichen Empfindungen. Menschen, die unter Hypochondrie leiden, sind laut Experten häufig von Natur aus ängstlich und vorsichtig. In der Corona-Krise werden diese Ängste befördert.

Angsterkrankungen und Panikattacken

Angst ist zunächst ein wichtiges Signal, das vor Gefahren warnt und schützt. Allerdings wird diese eigentlich natürliche Reaktion bei etwa 15 Prozent der Menschen in Deutschland krankhaft, so die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychosomatik und Nervenheilkunde, DGPPN. Demnach gehören auch Angststörungen hier zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, betroffen laut DGPPN sind etwa 12 Millionen Menschen.

Treten Angstanfälle wiederholt in bestimmten Situationen, Orten oder Begegnungen auf, sind sie laut Fachleuten mit einer Phobie verbunden. Panikattacken können Betroffene aber auch aus heiterem Himmel und scheinbar völlig grundlos überfallen. Der allgemein erhöhte Stresspegel in der aktuellen Krisensituation erhöht die Wahrscheinlichkeit von Unruhe und Panikattacken.

Eine Angstreaktion tritt häufig anfallartig auf und ist zeitlich begrenzt – meist dauert sie nur wenige Minuten, kann aber auch Stunden anhalten. Sie wird von den Betroffenen als sehr unangenehm empfunden. Fast immer äußern sich Angstattacken gleichzeitig in körperlichen, emotionalen und gedanklichen Reaktionen, die sich gegenseitig verstärken. Ebenso treten Existenzängste auf, die aber auch bei Depressionen vorkommen können. Solche Ängste kön- nen durch eine Krisensituation wie die derzeitige verstärkt werden.

Depressionen

Eine Depression ist eine ernste oder gar lebensbedrohliche Erkrankung. Viele Erkrankte ha- ben den Eindruck, ihre Erkrankung sei derzeit, in der Corona-Krise nicht so wichtig. Patienten, die ihre krankheitsbedingte Depression als persönliches Versagen und nicht als Gehirnerkrankung verstehen, die konsequent behandelt werden muss, sind nach Einschätzung von Fachleuten derzeit besonders gefährdet.

Zwangsstörungen

Zwangsgedanken sind wiederkehrend, mit unangenehmem Inhalt, die sich Betroffenen auf- drängen und die sie zu unterdrücken versuchen. Zwangsgedanken können beispielsweise sein, dass man befürchtet, sich selbst oder andere mit dem Coronavirus angesteckt zu haben
Zwangshandlungen sind ursprünglich zweckmäßige Verhaltensweisen, die Betroffene wieder- holt oder ritualisiert durchführen. Damit hoffen sie, vermeintliche Gefahren abzuwenden. Bei- spiele sind wiederholtes Kontrollieren von Elektrogeräten (Ein- oder ausgeschaltet?), Türen oder Fenstern (Geschlossen oder noch geöffnet?) sowie übermäßig häufiges Händewaschen.

Allgemeine Tipps gegen Angst vor Corona

Der Corona-Krise einen Sinn geben. Sich in die Zeit nach Corona hineinversetzen und auf diese Phase zurückschauen. Sich fragen: Was war das Gute im Schlechten?

  • Sich eine feste Tagesstruktur schaffen.
  • Sich auf dieThemen konzentrieren,die zur Zeit beeinflussbar sind:gesundeErnährung,
  • regelmäßige Bewegung, frische Luft tanken.
  • Sicherheit kann man sich auch in Ritualen, Bewährtem, Kontakt oder Meditation finden.
  • Sich mit sachlichen Informationen und neutralen, angenehmen oder tröstlichen Aspekten der Lebenssituation beschäftigen: Je nachdem, worauf wir die Aufmerksamkeit len- ken, entstehen Gefühle und Empfindungen.
  • Sich einen professionellen Begleiter suchen, wenn es einem schlecht geht. Psycholo- gische Beratung ist auch über Video und Telefon möglich.

Hilfsangebote

• Infotelefon der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: 0800 / 33 44 533 (Mo, Di, Do 13 – 17 Uhr, Mi und Fr 8:30 – 12:30 Uhr; kostenfreie Nummer)

• Kostenfreie Nummern der Telefonseelsorge der beiden christlichen Kirchen in Deutschland: 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222 oder 116 123 (rund um die Uhr)


• Verein „Nummer gegen Kummer“ (Dachorganisation des größten, kostenfreien, tele- fonischen Beratungsangebotes für Kinder, Jugendliche und Eltern in Deutschland): 116 111 (für Kinder und Jugendliche, Mo - Sa 14-20 Uhr), 0800 - 111 0 550 (für El- tern, Mo – Fr 9-11 Uhr, Di und Do 17-19 Uhr)

• Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen BDP: Kostenfreie Corona-Hotline 0800 777 22 44 (täglich 8-20 Uhr)

• Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim (ZI): Psychiatrische und psycholo- gische Telefonberatung für Menschen über 65, die durch die Corona-Pandemie ver- unsichert sind. Tel. 0621 1703-3030, Mo-Fr 9-17 Uhr.

• Online-Selbsthilfegruppe des Vereins Diskussionsforum Depression: fachlich mode- riertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch: https://www.diskussionsforum-depression.de

• E-Mail-Beratung des Deutschen Caritasverbands für Menschen unter 25
https://www.u25-deutschland.de

• Beratungsangebot des Vereins Jugendnotmail: https://www.jugendnotmail.de

Weitere Informationen

• Bundesministerium für Gesundheit: „Zusammen gegen Corona: Psychische Gesundheit"
https://www.zusammengegencorona.de/informieren/psychische-gesundheit/

• Poliklinische Institutsambulanz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Selbsttest zu Krankheitsangst
http://www.psychotherapie-mainz.de/krankheitsangst_test.html

• HR 1: Meditations-Apps im Überblick (26.4.19)
https://www.hr1.de/programm/besser- leben/tiefenentspannt-dank-smartphone,meditations-apps-100.html

• Selbstmanagement-Programm der Stiftung Deutsche Depressionshilfe
https://www.deutsche-depressionshilfe.de/unsere-angebote/fuer-betroffene-und-an- gehoerige/ifightdepression-tool 

• SWR rundum gesund Extra - Corona: Wie schaffen wir Nähe, ohne uns nah zu kommen (23.3.20)
https://www.ardmediathek.de/swr/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEyMTcwMzg/rundum-gesund- extra-corona-wie-schaffen-wir-naehe-ohne-uns-nah-zu-kommen

• HR die Ratgeber: Stresstest für die Psyche - Wie wir mit der Coronakrise umzugehen lernen können (23.3.20)
https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS84OTYwMg/stresstest-fuer-die-psyche-wie-wir-mit-der-coronakrise-umzugehen-lernen-koennen

Stand: 29.04.2020 07:06 Uhr

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