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Beweismittel – was bringt die Cockpitkamera?

Cockpitkameras finden immer mehr Verbreitung in Deutschland. Sie sollen im Fall eines Unfalls als Beweismittel dienen. Doch werden solche Videobilder vor Gericht überhaupt zugelassen? Experten für Verkehrsrecht geben Auskunft.

Dashcams – Trumpfkarte vor dem Verkehrsgericht oder teures Spielzeug?

Auf Videoportalen wie Youtube kursieren schon länger spektakuläre Videos aus dem Straßenverkehr, gefilmt mit einer Kamera, die direkt auf die Fahrbahn filmt: Da gibt es Kollisionen, Handgemenge unter Fahrern, Unfälle mit Fußgängern, spektakuläre LKW-Crashs oder auch Skurriles wie Meteoritenregen und Fußgänger, die bei Glatteis auf der Straße herumrutschen. Gefilmt wurden diese Szenen mit „Dashcams“, Kameras von der Größe eines Handydisplays, die extra für die Anbringung hinter der Windschutzscheibe konstruiert sind. Fast alle diese Videos stammen aus Russland, wo diese Kameras weit verbreitet sind – zum Schutz gegen unehrliche Unfallgegner und korrupte Behörden.

Dashcams auf dem Vormarsch?

Zurzeit werden diese Kameras, genannt Dashcams (Cockpitkameras), in vielen Presseartikeln behandelt und im Internet sowie in einschlägigen Automagazinen beworben. Versprochen wird oft, man könne sich mit den Filmclips dieser Kameras den entscheidenden Unschuldsbeweis verschaffen, wenn man wegen eines Verkehrszwischenfalls vor Gericht zitiert wird. Ein mögliches Einsatzgebiet: der fingierte Auffahrunfall an der Ampel, bei dem der Vordermann auf einmal zurücksetzt und dann versucht, seinem Opfer die Schuld in die Schuhe zu schieben. Anderes Beispiel: Ein Fußgänger springt an der Kreuzung gegen das eigene Auto und behauptet dann, man habe ihn angefahren.

Rechtliches: Man darf, aber...

Ob man Dashcams in Deutschland verwenden sollte oder darf, ist noch nicht klar zu beantworten. Die Chance, dass ein Gericht Dashcam-Aufnahmen als Beweis zulässt, liegt derzeit bei etwa 50:50, Urteile gab es bislang wenige, und die sind auch noch nicht rechtskräftig. Eines dieser Urteile erging beim Amtsgericht München. Die Aufnahmen stammten von einem Radfahrer, der behauptete, ein Autofahrer habe ihn zu Fall gebracht. Das Gericht ließ die Videoclips zu: Die Aufnahmen anzufertigen sah es als genauso zulässig an wie zum Beispiel Urlaubsvideos, bei denen auch fremde Menschen vors Objektiv laufen können, ohne dass dies die Persönlichkeitsrechte beeinträchtigt. Die Bilder nachher als Beweis zu verwenden, erachtete die Richterin ebenfalls als legitim, da jeder das Recht habe, nach einem Unfall mögliche Beweise zu sichern und dies nicht aufgrund der Persönlichkeitsrechte des Unfallgegners untersagt werden könne. Allerdings hatte der Radfahrer letztlich Pech: Das Gericht entnahm dem Video, dass der Radfahrer selbst schuld war an dem Sturz, die Klage wurde deshalb abgewiesen.

Nach aktuellem Stand der Rechtssprechung ist es also erlaubt, Dashcam-Aufnahmen zu machen und sie einem Gericht vorzulegen. Nur gibt es eben keine Garantie, dass sie auch angenommen werden. Auf jeden Fall aber ist es wegen der Persönlichkeitsrechte gezeigter Personen ungesetzlich, Aufnahmen mit fremden Personen oder lesbaren Autokennzeichen ungefragt ins Netz zu stellen!

Qualität hat ihren Preis

Um in einem möglichen Verkehrsprozess zumindest eine Chance auf brauchbare Beweisvideos zu haben, sollte man beim Kauf einer Dashcam unbedingt auf Qualität achten. Besonders heftig beworbene günstige Modelle für 50 bis 60 Euro liefern derartig unscharfes Bildmaterial, dass entscheidende Bildinformationen verloren gehen. Der Grund: Diese Geräte werben zwar mit der „HD-Qualität“ ihrer Aufnahmen, doch ist das leider nur die halbe Wahrheit: Sie zeichnen zwar HD-Clips auf, doch arbeitet intern ein niedrig auflösender SD-Sensor – das Material wird also nur „hochgerechnet“. Die Folge: Die Aufnahmen sind „grisselig“ und an den Rändern oft verzerrt. In unserem Test war das Kennzeichen eines anderen Autos im Video solch einer günstigen Kamera schon auf geringe Entfernung nicht mehr lesbar, während ein besseres Modell mit „echtem“ HD jede Zahl und jeden Buchstaben scharf und deutlich wiedergab. Diese Qualität aber hat ihren Preis: Gute Geräte mit intuitiver Bedienbarkeit, verbunden mit brauchbarer Bild- und Tonqualität, kosten bei einer Dashcam derzeit rund 200 Euro.

Einbau und Bedienung

Dashcams werden, ähnlich wie bei einem Handyhalter oder Navigationssystem, einfach mit einem Saugfuß an der Scheibe angebracht. Standardmäßig zeichnen sie endlos auf einer Speicherkarte auf und überschreiben sich immer wieder, wenn die Karte voll ist – bis man einen Clip, der wichtige Aufnahmen enthält, manuell sichert. Die Aufzeichnung beginnt per Bewegungs- und Erschütterungssensor, also immer dann, wenn das Auto losfährt, sich draußen etwas bewegt oder das Fahrzeug gerammt wird. Die Videoclips haben ein gängiges Format (wie Quicktime oder. avi) und lassen sich per USB-Kabel oder direkt von der Karte (mit Lesegerät) auf den Computer übertragen und dort abspielen.

Dashcams sind keine Parkwächter!

Mit einer Dashcam das geparkte Auto überwachen zu wollen hat wohl kaum einen Sinn: Erstens bräuchte man hier eigentlich mindestens vier Kameras - eine für jede Seite-, da sich sowohl Parkrempler als auch Autoknacker dem Wagen schließlich nicht nur von vorn nähern können. Außerdem ist diese Nutzungsart rechtlich mit der Videoüberwachung von Hauseingängen oder öffentlichen Plätzen vergleichbar. Die jedoch ist nicht erlaubt, ohne dass alle potenziell gefilmten Personen informiert werden – bei einem geparkten Auto lässt sich das aber kaum sicherstellen, somit würde man auch hier Gefahr laufen, die Persönlichkeitsrechte Fremder zu verletzen. Wie viel eine kleine, abnehmbare Kamera noch nützt, wenn ein Tunichtgut erst mal ins Fahrzeug eingedrungen ist und wertvolle Gegenstände einsammelt (vielleicht auch die Kamera selbst), beantwortet sich zudem wohl von allein.

Ein Mittel gegen Drängler? „Jein“

Wer sich auf der Autobahn gegen die berüchtigten Drängler wehren will, der könnte durchaus auf die Idee kommen, seine Dashcam durchs Heckfenster filmen zu lassen. Brauchbare Beweise jedoch produziert man damit wohl nur in besonders schweren Fällen, bei denen das nötigende Verhalten des Hintermannes offensichtlich ist. Die Beweiskraft polizeilicher Abstandsmessungen, mit denen auch leichtere Delikte dieser Art nachgewiesen werden, haben Dashcam-Aufnahmen hier natürlich nicht.

Dashcam mit GPS – eher Spielerei

Einige Dashcam-Modelle sind zusätzlich mit einem GPS-Sensor ausgestattet, der genau aufzeichnet, wo das Fahrzeug lang gefahren ist. Auch dies kann möglicherweise bei der Beweisführung helfen. Allerdings ist es bei den meisten Delikten wohl nicht nötig, den Ort eines Zwischenfalls so genau benennen zu können.

Fazit

Dashcams können vor Gericht theoretisch hilfreich sein. Wichtig dabei ist aber erstens, in gute technische Qualität zu investieren und zweitens, sich über rechtliche Risiken hinsichtlich des Filmens in der Öffentlichkeit und der Verwendung des Materials im Klaren zu sein. Und auch unter diesen Voraussetzungen gibt es immer noch keine Garantie, dass die Dashcam ihrem Besitzer und nicht dessen Prozessgegner hilft. Schließlich sollte sich jeder, der nicht nur aus Technikbegeisterung über eine solche Kamera nachdenkt, noch die Frage stellen, wie oft er in seinem bisherigen Autofahrerleben schon in Situationen gekommen ist, in denen er unbedingt ein Dashcam-Video gebraucht hätte. Den meisten ist das wahrscheinlich noch nie passiert.

Weiterführende Links:

Artikel zum Thema (rechtliche und technische Hintergründe):

Videos von Minikamera sind zulässig: http://www.ksta.de/service/-dashcam-videos-von-minikamera-im-auto-vor-gericht-beweismittel,16126596,23783876.html

Welchen Nutzen haben Dashcams im eigenen Auto?: http://detektor.fm/kultur/automobil-welchen-nutzen-haben-dashcams-im-eigenen-auto/

Die Späh-Kamera hinter der Frontscheibe: http://www.stern.de/auto/service/dashcams-im-auto-die-spaeh-kamera-hinter-der-frontscheibe-2041774.html

Videobeweis aus dem Auto hilft selten vor Gericht: http://www.zeit.de/mobilitaet/2013-07/autokamera-gericht-urteil

Vergleichstest hochwertiger Dashcams: http://www.videoaktiv.de/2013080410433/News/Camcorder/Mio-MiVue-338-358-388-Dash-Cams-furs-Auto.html

Stand: 23.09.2013 11:24 Uhr

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So, 22.09.13 | 16:30 Uhr
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