SENDETERMIN So, 25.08.13 | 16:30 Uhr

Verkehrskonzept – gleicher Raum für alle

Kommunen ohne Verkehrsschilder, geht das überhaupt?
Kommunen ohne Verkehrsschilder, geht das überhaupt?  | Bild: SR

Das Örtchen Bohmte hat es 2008 vorgemacht: im Zentrum wurden Fußgängerinseln, Verkehrsschilder, Ampeln und Bürgersteige beseitigt. "Shared Space" heißt das Konzept. Wir haben geprüft, ob es erfolgreich ist.

1906 wurden in Deutschland sieben allgemein gültige „Warnungszeichen“, also Verkehrsschilder, eingeführt. Heute gibt es ein paar mehr. Und jede kleine Stadt hat inzwischen so rund eintausend Schilder montiert und Deutschlandweit sollen es 20 Millionen sein. Dabei geben viele Verkehrszeichen nur die ohnehin geltenden Regeln wieder. Ein Konzept aus den Niederlanden, "Shared Space", sieht vor alle Schilder abzubauen, und dadurch alle Verkehrsteilnehmer zu rücksichtsvollerem und vorsichtigerem Handeln zu zwingen. Doch die Tücke steckt im Detail.

Mehr Umsicht im öffentlichen Raum

Die deutsche Keimzelle für das Konzept befindet sich im niedersächsischen Bohmte. Hier wurde vor fünf Jahren das EU-Projekt „Shared Space“ umgesetzt. Verkehrsschilder, Fußgängerinseln, Ampeln wurden abgebaut. Auch andere Barrieren sollten nicht mehr nötig sein. Die herkömmliche Trennung von Straße und Fußgängerweg wurde im Ortskern auf knapp 500 Metern aufgehoben. Bürgermeister Klaus Goedejohann ist noch heute begeistert. „Wir hatten hier früher eine große Ampelkreuzung mit Staubildung und dergleichen. Ich glaube der Bereich hat wirklich gewonnen. Wir können ihn für Veranstaltungen besser nutzen als vorher, weil wir hier sozusagen einen kleinen Platzcharakter entstehen lassen haben. Es ist schon spürbar, dass etwas mehr Umsicht herrscht. Kein Mensch drängt auf seine Vorfahrt, weil keiner weiß, ob der andere Verkehrsteilnehmer versteht wie es funktioniert. Alle fahren etwas zurückhaltender und umsichtiger und das ist ja durchaus eine gute Qualität im öffentlichen Raum.“

Doch bei genauer Betrachtung verhalten sich eben nicht alle viel rücksichtsvoller, nur weil die Schilder verschwunden sind. Zwar gibt es sehr viele Autofahrer, die sich vorsichtig verhalten, aber gerade die schwächsten Verkehrsteilnehmer stoßen auf Schwierigkeiten, was die Anwohner in Bohmte immer wieder bemerken. „Die Autofahrer, die gucken nicht immer so und dann stehen die Kinder zum Teil ganz lange an der Straße, bis endlich jemand anhält. Das war ja vorher klar, auch mit der Ampel“, hört man; oder: „Fußgänger können ja an der Seite gehen und dazwischen durch- huschen, aber Radfahrer sind sehr unsicher und man muss einfach Mut haben zu fahren.“

Kein Verkehrsberuhigungs-Projekt

Für Bürgermeister Klaus Goedejohann sowie den Verkehrsexperten Wolfgang Bode, von der Hochschule Osnabrück, kommt die Kritik der Anwohner nicht überraschend. Die gewollte Verunsicherung irritiert zwar, aber Verkehrsrowdys verschwinden nicht so einfach. Zudem wurde eine erhoffte Umgehungsstraße nicht gebaut.  Die Zahl der durchfahrenden PkW’s und Laster ist gleich geblieben. "Shared space" sei halt auch kein reines Verkehrsberuhigungsprojekt. Prof. Wolfgang Bode: „Wenn man das so plant, dann ist es schon fast zum Scheitern verurteilt. Da kann es auch richtig gefährlich werden, wenn man nur einfach irgendwelche Blumenkübel auf die Straße stellt, damit die Leute drum herum fahren, aber leider einen Fahrradfahrer übersehen und dann wird er eingequetscht. Das ist alles schon in anderen Städten passiert, aber es geht um mehr, es geht um dieses Prinzip mehr Sicherheit durch Unsicherheit, durch Verlangsamung durch mehr Aufmerksamkeit, durch mehr Miteinander, dass Autofahrer auch mal anhalten müssen und untereinander regeln müssen, wer jetzt Vorfahrt hat, wer fahren darf und wer nicht.“

Trotz aller Kritik: Mehr Unfälle gab es durch die Umgestaltung in Bohmte nicht.

Auch größere Städte können etwas gegen den Schilderwald unternehmen. Beispiel Ulm: Direkt in der neugestalteten Stadtmitte wurden fast alle Verkehrsschilder abgebaut. Aus einer stark befahrenen Straße wurde zwar keine Ruhezone, aber es geht merklich langsamer und vorsichtiger voran. Stadtplaner Volker Jeschek sieht Vorteile bei "Shared Space", aber mit Einschränkungen. Die Einhaltung von  Verkehrsregeln wie Rechts vor Links oder Parken nur auf ausgewiesenen Flächen wird kontrolliert und: „Es ist ein öffentlicher Raum, in dem schon noch die Flächen zugewiesen sind, aber der Autoverkehr extrem gebändigt ist. Die Gestaltung der Fahrbahn, insbesondere mit Metallbändern, zeigt hier ist keine normale Straße, du musst dich hier anders verhalten, du musst  hier langsam fahren und das geschieht dann auch “

Am Rathaus von Ulm gilt jetzt Tempo 20 und mobile Blitzer sind oft vor Ort. Früher sind hier 30.000 Fahrzeuge am Tag durchgefahren, jetzt sind es etwas mehr als die Hälfte. Ein Konzept von dem Volker Jescheck glaubt, dass es alle Städte realisieren könnten: „Es geht heute nicht darum  komplizierte Systeme zu bauen, hier war ja mal ein Tunnel geplant, sondern es kommt darauf an den Stadtverkehr zu bändigen. Nicht das Auto an sich ist schlecht, sondern die Geschwindigkeit. So im Bereich bei Tempo 30 brauchen sie keine Radwege, dann brauchen sie schon weniger Flächen. Sie müssen sehen, dass der Unterschied zwischen gefahrenen und gegangenen Geschwindigkeiten möglichst gering wird, dann passiert am allerwenigsten, und der schnelle Verkehr, der gehört auf große Straßen um die Stadt herum.“

"Shared Space" ist vor allem für Straßen mit vielen Fußgängern geeignet, und da nach dem Abbau der Schilder nicht alle Verkehrsteilnehmer automatisch rücksichtsvoll und vernünftig agieren, gibt es weiterhin auch Verkehrskontrollen.

Stand: 26.08.2013 21:30 Uhr