SENDETERMIN So, 22.06.14 | 16:30 Uhr | Das Erste

Groundhopping: Stadiontouren für Fußballverrückte

Fans im Fußballstadion
Fans im Fußballstadion. | Bild: SR

„Groundhopping“: das war früher ein Hobby nur für Fußballbesessene, die in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Fußball und vor allem ganz viele Fußballplätze („Grounds“) erleben wollten. Ein Groundhopper sammelte Stadionbesuche wie andere Leute früher Briefmarken.  Seit diesem Jahr aber ist Groundhopping nicht mehr allein solchen Fanatikern vorbehalten, die ewig über Spielplänen und Stadionführern brüten müssen, um sich ihre Reisen zusammenzustellen. Fußballenthusiast Mark Mauderer aus Köln, ehemals PR-Fachmann bei einem Mittelständler, hat sich zum Jahreswechsel selbständig gemacht und bietet solche Fußball-Touren im Paket an – inklusive Planung, Spielticket, Bus oder Bahn und Übernachtung. Seine Reisen dauern meist zwei Tage und sind voll mit ganz viel Fußball. Meistens dauern sie ein Wochenende und starten in Mauderers Wahlheimat Köln.
Die Reisen konzentrieren sich auf Rheinland, Ruhrgebiet, Niederlande und Belgien – und damit auf Regionen, in denen es auf engem Raum zahlreiche sehenswerte Vereine und Stadien gibt. Für unseren Beitrag haben wir eine Tour am Ende der Spielsaison 2013/14 begleitet. Vier Spiele wurden besucht: Den Anfang machte das Köln-Derby der Regionalliga West, Viktoria gegen Fortuna (Endstand 1:1). Noch vor Spielende ging es weiter zu einem Erstligaspiel in den Niederlanden: PSV Eindhoven empfing den Abstiegskandidaten NAC Breda (Endstand 2:0). Übernachtet (und zuvor gefeiert) wurde in Eindhoven. Frühmorgens ging es zurück nach Deutschland, nach Mönchengladbach, erst mal zum alten Bökelberg.

Geisterspielstimmung auf dem Bökelberg

Hier stand bis Ende 2005 das Stadion der Borussia, hier fanden jahrzehntelang die Heimspiele des Vereins statt, auch in den 1970er Jahren, als die „Fohlenelf“ mit Günter Netzer, Jupp Heynckes, Berti Vogts und anderen zur Weltspitze gehörte. Heute sind nur noch der Teile der Tribünen erhalten, auf dem früheren Rasen stehen heute Wohnhäuser – ein ganz besonderer Fußball-Erinnerungsort. Doch auch gespielt wurde in Mönchengladbach: Im aktuellen Stadion, dem modernen Borussia-Park, das rund sieben Kilometer vom Bökelberg entfernt auf der „grünen Wiese“ steht, empfing die U19 die andere Borussia aus Dortmund. An diesem Sonntagvormittag verirrten sich nur wenige Fans in die große Arena, die entstehende „Geisterspiel“-Stimmung“ unterstreicht das vergleichsweise sterile Flair dieses modernen Bundesligastadions. Das Spiel dagegen konnte sich sehen lassen: am Ende stand es 1:1.

Wesentlich „erdiger“ ging es schließlich auf dem letzten „Ground“ dieser Reise zu, dem Mülheimer Ruhrstadion. Früher spielte hier der 1. FC Mülheim, in den 70ern sogar kurzzeitig in der zweiten Bundesliga. Dieser Club ist inzwischen in der Kreisliga A angekommen. Heimrecht hat hier der VfB Speldorf, ein Ortsteilclub von der anderen Ruhrseite aus der Oberliga Niederrhein – der Verein war zum Zeitpunkt des heutigen Spiels gegen Schwarzweiß Essen aber bereits in die Landesliga abgestiegen. Das Spiel geht mit 3:0 an die Gäste aus Essen, doch in Sachen „Stadionerlebnis“ wurden die Groundhopper hier nicht enttäuscht: Die hitzigen Gespräche der Spieler auf dem Platz sind für die Zuschauer deutlich zu hören, auch die wenigen hundert Fans sorgten lautstark für Stimmung.

Für viele mehr als ein Hobby

Die meisten Teilnehmer waren am Ende müde, aber zufrieden: Entspannt konnten sie in kurzer Zeit eine Menge Fußball erleben. Der Preis für dieses Wochenende: rund 220 Euro, „all inclusive“. Hätte man sich diesen Trip selbst organisiert, hätte man (einschließlich Tickets, Sprit und Übernachtung) etwa 150 Euro bezahlt.
Mark Mauderers Fußball-Reisen sind intensiv, doch nicht aus Sicht „echter“ Groundhopper, die auf eigene Faust von Platz zu Platz reisen: Für manche von ihnen ist es weit mehr als ein Hobby: Es ist ihr Leben, das deshalb kaum noch etwas zu tun hat mit einer bürgerlichen Existenz: Sie verzichten auf einen Lebenspartner, nehmen Kredite auf, um die langen Touren zu finanzieren und fahren tausende Kilometer, um entlegenste Fußballplätze zu besichtigen, sei es in Südamerika oder in unterklassigen Ligen Osteuropas.

Seinen Ursprung hat dieses „Hobby“ übrigens in England. 1978 wurde hier, auf Betreiben der Zeitschrift „Football League Review“, der „Club 92“ gegründet. In ihn aufgenommen wurde, wer nachweislich alle 92 Stadien der vier höchsten englischen Fußballligen besucht hatte. Seit der Weltmeisterschaft 1990 in Italien entstanden ähnliche „Bewegungen“in Deutschland.
Mark Mauderer plant bereits für die nächste Saison. Mittelfristig sollen auch Reisen nach England, Spanien und Italien folgen.

Weiterführende Links:

http://www.groundhopping-germany.de/
(Informationsportal zum Thema Groundhopping)
http://www.stadionfreund.de/links.html
(Hilfreiche Linksammlung)
http://stadionhopper.de/
(Seite von Mark Mauderer)


Stand: 22.06.2014 17:49 Uhr

Sendetermin

So, 22.06.14 | 16:30 Uhr
Das Erste