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Start-Stopp-Systeme

Wie viel Sprit sparen sie wirklich?

Start-Stopp-Automatik
Start-Stopp-Automatik | Bild: SWR

Axel Schulz fährt eine Mercedes-B-Klasse, schon seine zweite. Sie hat den gleichen Motor, diesmal aber mit Start-Stopp-Automatik. Er schaffte das Auto an, weil er Sprit sparen will. Deshalb führt er seit langem genau Buch, um zu ermitteln, was seine neue B-Klasse nun spart. Schließlich klingt die Theorie  einleuchtend: Ein Motor, der nicht läuft, verbraucht keinen Sprit.

Theorie und Praxis

Allerdings - gespart hat er in der Praxis keinen Milliliter, im Gegenteil. Er berichtet, dass er mit dem älteren Modell, ohne Start-Stopp, im Langzeitverbrauch auf 7,51 Liter je 100 Kilometer kam. Mit dem aktuellen verbrauche er 7,56 Liter auf 100 Kilometer. Das klingt erstaunlich, zumal die Motor-Aus-Technik als echte Spritsparwaffe gilt. Hersteller versprechen 10 bis 15 Prozent weniger Verbrauch im Stadtverkehr, weil  laufende Motoren eben Sprit vergeuden.

Rollenprüfstand
Test auf dem Prüfstand

Zusammen mit der Sachverständigenorganisation GTÜ machen wir einen Labor-Test auf einem Rollenprüfstand. Unser Testwagen: ein Audi Q5, schwer, viele PS, aber mit Start-Stopp. Wir fahren den europäischen Fahrzyklus, wobei uns nur die Stadtetappe interessiert. Audi verspricht dort am meisten Ersparnis: bis zu 1,5 Liter.  Wir  sparen aber nur 0,9 Liter. Unser Modell hat schwere Topausstattung, Winterreifen, normalen Luftdruck und so weiter. Das erklärt die Differenz.

Beim Fahrzyklus auf der Rolle steht das Auto jedoch kaum, etwa eine Minute mit Motor aus. Das entspricht im Alltag zwei Ampelphasen. Im realen Stadtverkehr steht man viel häufiger. Spart man auch mehr?

Stichprobe im Stadtverkehr mit einem Experten

Stichprobe mit einem Experten: Ralph Müller ist Fahrlehrer und Spritspartrainer. Er weiß, wie man beim Fahren Geld spart, vor allem in der Stadt. Unsere Route führt kreuz und quer durch die Stuttgarter City. 30 Kilometer mit allem was dazu gehört: Stopp and Go, rote Ampeln, Stau, der ganz normale Alltag.

Testrunde im Alltagstest
Alltagstest-Runde

Wir fahren zunächst ohne Start-Stopp, stellen es ab. Ein extra Computer ermittelt präzise den Verbrauch. Fahrlehrer Ralph Müller fährt wirtschaftlich, das heißt auch im Stadtverkehr vorausschauend. Denn wer viel bremst, braucht mehr Sprit.

Er erklärt dazu: "Am meisten sparen wir Kraftstoff, wenn man eine gleichbleibende Geschwindigkeit hat und durch diese vielen Starts und Stopps, dieses Anfahren, Anhalten, da verbrauch ich natürlich viel Energie." Im dichten Alltagsverkehr lässt sich das aber nur schwer vermeiden. Häufige Stopps bleiben auch dem Experten nicht erspart. Auf 30 Kilometern stehen wir rund 20 Minuten, mit laufendem Motor. Der Computer ermittelt 13,1 Liter Durchschnittsverbrauch.

Bei der nächsten Runde ist die serienmäßige Start-Stopp-Technik im Audi aktiv. Die Bedingungen sind fast identisch. Der Unterschied: Bei jedem Stopp geht der Motor aus. Wieder stehen wir fast 20 Minuten, allerdings ohne Sprit zu vergeuden. Die Technik müsste sich jetzt eigentlich voll auszahlen, aber sie tut es kaum.

Unser Verbrauch: 12,7 Liter. Mit Start-Stopp haben wir also nur 0,4 Liter eingespart, deutlich weniger als im Labor, obwohl der Motor im Verhältnis viel länger aus war.

Wie ist das möglich?

Spritspartrainer Ralph Müller hat eine  Vermutung. Er glaubt, dass die vielen Starts  die Ersparnis durch das "Motor Aus" reduzieren: "Mein Fazit aus diesem Resultat ist, dass in jedem Fall das Fahrzeug bei diesen Starts mehr Kraftstoff einspritzt als man eingespart hat, solange man eigentlich steht."

Das gelte, so Experten, vor allem bei vielen, sehr kurzen Motor-Aus-Phasen, wie sie im Alltag normal sind. Dazu kommt:  Verbrauchsvorteile auf dem Rollenprüfstand sind rein theoretische Werte. Im Alltag gibt es solche genormten Fahrten nicht. Dass heißt: Fehlen die Laborbedingungen, ist die Spritspartechnik längst nicht mehr so effizient wie versprochen, meinen Experten. Hermann Schenk von der GTÜ erläutert die möglichen Ursachen: "Ich fahre mit dem Verkehrsfluss auf eine Ampel zu, bremse leicht ab, meine Start-Stopp-Automatik reagiert beispielsweise überhaupt nicht, hier im Test reagiert sie, weil ich definiert abbremse. Ich hab dann wieder eine längere Standphase oder kurze Standphasen und im Test hab ich immer genau definierte Phasen und so kommt zu einer höheren Ersparnis im theoretischen Test."

Für eine Bewertung zählen aber die theoretischen Werte auf dem Rollenprüfstand. Gut für die Hersteller: Sie können mit Start-Stopp-Systemen ihre CO2-Bilanzen aufmöbeln - wohl weit mehr, als der Alltagsbetrieb her gibt.

Mercedes-Fahrer Axel Schulz will trotz seiner Enttäuschung im Alltag auch seinen Nächsten mit Start-Stopp. Er spare zwar keinen Sprit ein, aber wenn er an der Kreuzung stehe, habe er keinen Abgasausstoß und tue dem Fußgänger neben oder dem Radfahrer hinter sich etwas Gutes. Das sei für ihn aber der einzige Vorteil, den die ganze Sache habe.

Den Mehrpreis für Start-Stopp-Systeme fährt man bei der geringen Einsparung in der Praxis wohl tatsächlich nur schwer wieder herein - hochgerechnet auf alle Autos in Deutschland ist aber klar: Für die Umwelt lohnt sich die Technik trotzdem.

Stand: 18.06.2013 15:58 Uhr

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