Die Verteilung der Löhne und Gehälter in Deutschland

Interview mit einem Experten des Statistischen Bundesamtes

Roland Günther
Roland Günther ist der Zahlen-Experte für die Gehälter und Löhne in Deutschland | Bild: SR

Roland Günther vom Statistischen Bundesamt ist der Zahlen-Experte für die Gehälter und Löhne in Deutschland. Im Interview erklärt er, in welchen Berufen man wie viel verdient und wie groß der Gehaltsunterschied bei Mann und Frau ist.

Was ist der Medianwert und wie wird er ermittelt?

Der Median ist die ideale Statistik, um den Zustand in der Mitte der Gesellschaft zu beschreiben. Auf Deutsch kann man Median auch als den Zentralwert übersetzen, also den Wert, der für das Zentrum, für die Mitte festgestellt wird. Der Median kann ganz einfach berechnet werden, indem man sich vorstellt, dass man die Menschen in Deutschland nach ihrer Verdiensthöhe in eine Reihe aufstellt. Wir beginnen mit der Person, die den höchsten Verdienst hat und dann geht es Schritt für Schritt weiter bis zu der Person, die den niedrigsten Verdienst hat. Wenn wir jetzt genau die Person, die in der Mitte steht, befragen, wieviel sie verdient, dann antwortet sie uns mit dem Median. Und das ist zuletzt etwa ein Betrag von 3000 Euro brutto monatlich.

Woher bekommen Sie die Zahlen für die Berechnungen?

Wir führen alle vier Jahre eine sehr umfangreiche Statistik durch, gemeinsam mit den Statistischen Landesämtern, macht das das Statistische Bundesamt. Wir sammeln in dieser Statistik circa eine Million Datensätze ein. Wir fragen 60.000 Arbeitgeber in Deutschland aus allen Branchen, von der Landwirtschaft, über den Öffentlichen Dienst, die Industrie bis hin zu den Frisören, über die aktuelle Lohnsituation in Deutschland aus. Und die berichten uns Zahlen direkt aus der Lohnabrechnung der Beschäftigten. Das bedeutet, dass die Zahlen sehr genau sind. Also, man kann im Grunde auf seinem eigenen Gehaltszettel nachschauen, ob die Zahl übereinstimmt mit der Zahl, die uns zur Statistik gemeldet wird. Und wir haben dann auch ein sehr repräsentatives Bild über die Gesamtwirtschaft.

Warum beantworten die Unternehmen die Fragen des Statistischen Bundesamtes überhaupt, sind sie dazu verpflichtet?

Das ist ein eigenes Gesetz, das der Deutsche Bundestag beschlossen hat, das besteht auch schon seit vielen Jahrzehnten, das sicherstellen soll, dass die Politik, aber auch die Öffentlichkeit, mit qualitativ hochwertigen Daten ausgerüstet wird. Und deshalb hat auch der Gesetzgeber, weil es ja auch die Firmen, die Arbeitgeber belastet, festgelegt, dass diese Statistik nur alle vier Jahre durchgeführt wird.

Hat sich die Schere zwischen Niedrigverdienern und Spitzenverdienern in den letzten Jahren weiter geöffnet?

Das ist eine Frage, die uns am meisten interessiert aus dieser Statistik heraus. Das ist auch das, was wir als Erstes auswerten und beobachten. Und hier können wir feststellen, dass sich überraschenderweise etwas an dem langfristigen Trend geändert hat. In den vergangenen Jahrzehnten war es immer so, dass die Verdienste immer weiter auseinandergetrieben wurden. Der Anteil der Beschäftigten mit sehr niedrigen Verdiensten nahm zu aber auch der Anteil der Beschäftigten mit sehr hohen Verdiensten, sodass die Mitte immer mehr schrumpfte. Wir können jetzt auf Basis der neuen Zahlen feststellen, dass das zwischen 2010 und 2014 nicht mehr der Fall war. Die Mitte ist nicht geschrumpft, sie ist aber auch nicht gewachsen. Sie ist konstant geblieben. Ob sich nun dieser Sachverhalt fortsetzen wird, das muss die Zukunft zeigen. Es kann sein, dass der Trend nur eine Pause macht. Es kann aber auch sein, dass wir eine Trendumkehr beobachten, dass also in Zukunft die Mitte vielleicht wieder wächst.

Können Sie schon etwas über die Ursachen dieser Entwicklung sagen?

Nein, das ist uns im Moment nicht möglich. Wir haben diese Zahlen jetzt frisch ausgerechnet. Das Einzige, was wir noch ergänzend angeben können, ist, dass sich der Trend aus zwei Bereichen zusammensetzt. Der eine Trend hält nach wie vor ungebrochen an. Wir beobachten immer noch, dass es mehr Beschäftigte gibt, die sehr gut verdienen. Dieser Trend hält an. Aber es gab eine Umkehr beim Trend in der gering bezahlten Beschäftigung. Wir stellten fest, dass zwischen 2010 und 2014 ein kleinerer Anteil der Menschen gering bezahlt wurde, was dazu führte, dass die Mitte insgesamt stabil blieb.

Banknoten
In welchen Berufen verdient man in Deutschland am meisten? | Bild: dpa

Wie verteilen sich die Einkommen, wer gehört zu den Gering-, wer zu den Spitzenverdienern?

Da kann man feststellen, dass aktuell alle Verdienste bis etwa 2000 Euro als Niedriglohnbereich anzusehen sind. Das sind insgesamt circa sechzehn Prozent aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland. Das Gegenstück zum Niedriglohnbereich ist der sogenannte Hochlohnbereich oder auch die Gutverdienenden. Hier können wir sagen, dass ab 4500 Euro brutto monatlich der Bereich des guten Verdienstes beginnt. Das macht in Deutschland etwa neunzehn Prozent aller Vollzeitbeschäftigten aus. Der Bereich des guten Verdienstes ist in Deutschland etwas höher als der Niedriglohnbereich. In Summe ergeben sie etwa 35 Prozent, das heißt, dass der mittlere Bereich bei zwei Drittel aller Beschäftigten liegt.

Was verdienen die Beamten in Deutschland im Vergleich zu allen anderen Arbeitnehmern?

Wenn man schaut, wieviel Beamte im Mittel verdienen, dann kommen wir auf etwa 4000 Euro brutto im Monat. Das ist ein deutlicher Abstand zum Median von 3000 Euro brutto. Aber man muss berücksichtigen, dass die Beamten im Durchschnitt höhere Bildungsabschlüsse und höhere Ausbildungsabschlüsse besitzen als die Nichtbeamten. Wenn man hier Beamte und Nichtbeamte vergleicht, die gleiche Bildungshintergründe haben, gleiche Ausbildungsabschlüsse, dann stellt man fest, dass dieser Unterschied verschwindet und Beamte und Nichtbeamte etwa auf demselben Niveau brutto liegen.

Werden die Einkommen von Selbständigen und Freiberuflern genauso erfasst wie jene der abhängig Beschäftigten?

Das Gesetz, auf dessen Basis wir die Statistik durchführen sieht nicht vor, dass wir selbständige Tätigkeiten abdecken. Etwa zehn Prozent der Erwerbstätigen sind selbständig tätig. Das sind über vier Millionen Personen. Aber darüber gibt es relativ wenige Statistiken. Außerdem ist es auch so, dass die Einkommen der Selbständigen sehr unterschiedlich ausfallen und auch nicht gut vergleichbar sind mit denen der abhängig Beschäftigten. Denn man muss bedenken, dass selbständige Tätigkeiten oft neben einem anderen Job ausgeübt werden, in Teilzeit auch ausgeübt werden oder sich nicht auf ein ganzes Kalenderjahr erstrecken. Wir haben sehr gute Statistiken aus der Einkommensteuerstatistik, zuletzt zum Jahr 2012. Und hier werden die freien Berufe, also ein Teil der Selbständigen abgebildet.

Die Einkommen von Selbständigen erstrecken  sich im Grunde wie bei den abhängig Beschäftigten auch über den gesamten Einkommensbereich. Wir haben freie Berufe, die sich im mittleren Bereich wiederfinden, das sind zum Beispiel Fahrlehrer. Da wird im Durchschnitt im Jahr etwa 36 000 Euro verdient. Also monatlich 3000 Euro, unser Medianwert. Wir haben Berufe im Niedriglohnbereich, etwa die Heilpraktiker, die verdienen im Durchschnitt laut Einkommensteuerstatistik 20 000 Euro im Jahr. Das wäre eher Niedriglohn. Und wir haben aber auch sehr, sehr gut bezahlte selbständige Tätigkeiten, die im Spitzenbereich dann liegen. Zum Beispiel Zahnärzte mit etwa 147 000 Euro im Jahr und ganz in der Spitze Notare und Notarinnen mit 272 000 Euro im Jahr.

Was wissen Sie über die Einkommen angestellter Spitzenverdiener?

In der Spitzengruppe liegen Berufe wie Piloten, Chefärzte oder Leiter von Entwicklungsabteilungen. Bei den Piloten haben wir festgestellt, dass da im Mittel etwa 13 000 Euro im Monat verdient wird. Das bezieht sich aber auf Piloten mit Führungsverantwortung, also nicht auf alle Piloten, sondern auf einen Bereich mit besonderen Eigenschaften. Bei den Chefärzten sind es etwa 10 000 Euro und bei den Entwicklungsleitern sind es 8000 Euro brutto monatlich.

Wie viel verdient man in den untersten Gehaltsgruppen?

Im unteren Verdienstbereich finden wir als Berufe mit sehr niedrigen Verdiensten im Durchschnitt zum Beispiel die Taxifahrer, aber auch Zimmermädchen und Küchenhilfen. Man muss daran denken, bei den Taxifahrern sind das dann keine Selbständigen, sondern die abhängig beschäftigten Taxifahrer. Und in diesen Berufen verdient man im Durchschnitt etwa 1600 Euro brutto im Monat. Das ist dann schon sehr nah am gesetzlichen Mindestlohn dran. Wenn man bedenkt, dass der Mindestlohn brutto 8,50 Euro pro Stunde beträgt, kommt man bei vierzig Stunden in der Woche im Monat etwa auf 1500 Euro brutto.

Wie groß ist der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern?

Frauen liegen beim Gehalt niedriger als die Männer. Das gilt für die meisten Berufe und auch über alle Altersklassen hinweg. Aktuell liegen wir beim sogenannten Gender-pay-gap, also beim Verdienstabstand zwischen Männern und Frauen, bei 22 Prozent. Das bedeutet, dass Frauen im Durchschnitt 22 Prozent weniger Gehalt bekommen, pro Stunde gerechnet, als Männer. Dieser Gender-pay-gap ist über die Zeit relativ stabil. Also hier ist noch sehr wenig Bewegung zu verzeichnen. Er sinkt nur sehr langsam. Zuletzt brachte aber die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns etwas, denn Frauen waren von der Einführung des Mindestlohnes stärker betroffen als Männer, weil sie auch in schlechter bezahlten Berufen häufiger zu finden sind.

Wie erklären Sie sich diese enorme Gehaltsdifferenz zwischen Männern und Frauen?

Für etwa zwei Drittel dieses Abstandes von 22 Prozent wissen wir sehr genau, woran es liegt. Das sind primär strukturelle Gründe, die mit den Tätigkeiten von Frauen und Männern zu tun haben. Frauen arbeiten in Berufen und in Branchen, die tendenziell schlechter bezahlt werden als die Berufe und Branchen, in denen Männer überwiegend tätig sind. Zudem sind Frauen häufiger in Minijobs beschäftigt und sie haben seltener Führungsverantwortung als die Männer. Wenn man diese Unterschiede herausrechnet, verbleibt ein Verdienstunterschied von etwa sieben Prozent.

Neuere Studien zeigen außerdem, dass auch in diesem Restabstand von sieben Prozent noch Erklärungspotenzial steckt. Und zwar, weil Männer und Frauen unterschiedliche lange Erwerbsunterbrechungen aufweisen. Frauen unterbrechen ihre Karriere häufiger, um Kinder zu erziehen oder um Angehörige zu pflegen. Das führt letztendlich zu weniger Berufserfahrung und letztendlich schlägt sich das in einem Abschlag im Lohn nieder.

Manche Arbeitgeber bestreiten, dass es diesen eklatanten Unterschied in der Bezahlung überhaupt gibt. Was sagen Sie als Statistiker?

Also, dass der Abstand in etwa 22 Prozent beträgt, daran, denke ich, gibt es keine Zweifel.

Welche Bereiche werden in der Einkommensstatistik überhaupt nicht erfasst?

Der einzige Wirtschaftszweig, der da ausgeblendet wurde, sind die sogenannten privaten Haushalte. Das sind Jobs  bei Privatleuten, zum Beispiel Putzhilfen in privaten Haushalten. Das ist die einzige Lücke, die nicht abgedeckt wird. Das ist so, weil das der Gesetzgeber so festgelegt hat. Alle unsere Statistiken, auch diese Verdienststatistik, beruht auf einem Gesetz des Deutschen Bundestages. Und der Deutsche Bundestag hat festgelegt, dass die privaten Haushalte ausgespart werden, damit dort keine Privatleute mit dieser Statistik, die ja auch Mühe macht, belastet werden.

Regierungsdirektor Roland Günther ist Leiter des Referats E 109 (Verdienststruktur-, Arbeitskostenerhebung) im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Er ist der Zahlen-Experte für die Gehälter und Löhne in Deutschland. In seinem Referat wird der sogenannte Median berechnet.