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Göhrde-Morde – Der schlimmste Serientäter der deutschen Nachkriegszeit?

30.07.1989: Polizeibeamte einer Hundertschaft durchsuchen den Wald in der Göhrde nach Spuren des Täters, der ein Hamburger Ehepaar getötet hatte.
30.07.1989: Polizeibeamte einer Hundertschaft durchsuchen den Wald in der Göhrde nach Spuren des Täters, der ein Hamburger Ehepaar getötet hatte.  | Bild: dpa

Es geht um einen Serienmörder, der möglicherweise für Morde in ganz Deutschland verantwortlich ist und dessen Taten die Polizei in Lüneburg  jetzt vollständig aufklären will. Inzwischen werden mehr als 100 Mordfälle überprüft.       

In Mai 1989 wird ein Ehepaar in der Göhrde, einem Waldgebiet nahe Lüneburg, getötet. Nur wenige hundert Meter vom ersten Tatort entfernt werden im Juli die beiden Leichen eines weiteren Paares entdeckt. Die Opfer: erschlagen oder erschossen. Die Menschen in der Region leben in Angst.

Aufgrund seiner Vorstrafen gerät der Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann aus Adendorf in den Fokus der Polizei – unter anderem wegen einer Vergewaltigung aus dem Jahr 1970. Er wird zu den Göhrde-Morden vernommen, aber nicht verhaftet – auch weil er dem Phantombild des Täters überhaupt nicht ähnlich sieht.

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Kurt Werner Wichmann | Bild: SWR

Frau verschwindet kurz nach Göhrde-Morden

Kurz nach den Göhrde-Morden verschwindet im August 1989 Birgit M. spurlos. Sie wohnte nur wenige Kilometer von Wichmanns Haus in Adendorf entfernt, die beiden kannten sich. Wieder gerät er in den Fokus der Ermittler. Doch er bekommt ein Alibi von seiner damaligen Frau. 

Vier Jahre später hat die Polizei neue Anhaltspunkte und will das Haus von Wichmann durchsuchen. Er flieht. Bei der Hausdurchsuchung finden die Ermittler ein schallisoliertes Geheimzimmer, darin unter anderem Elektroschocker, ein Kleinkalibergewehr, Beruhigungs- und Schlaftabletten sowie Handschellen.

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Das ehemalige Wohnhaus von Wichmann | Bild: SWR

Im Garten des Grundstücks findet die Polizei ein vergrabenes Auto: Wichmanns neues Sportcoupé. Auf dem Rücksitz klebt Blut. Ein Leichenspürhund schlägt bei der Durchsuchung des Wagens an. Aber sie finden keine Leiche von Birgit M.

Kurz nach der Durchsuchung wird der flüchtige Wichmann verhaftet. Die Taten gesteht er nicht. Im April 1993 begeht er im Gefängnis Selbstmord. Damit hat die Polizei keinen Verdächtigen mehr. Die Ermittlungen stecken in einer Sackgasse.

DNA-Tests überführen ihn

Doch 10 Jahre später werden Handschellen aus dem Besitz Wichmanns auf DNA-Spuren untersucht. Tatsächlich wird DNA von Birgit M. daran nachgewiesen. Im Herbst 2017 wird Wichmanns Garage durchsucht, ein Betonboden aufgebrochen. Und dort werden die sterblichen Überreste von Birgit M. gefunden.

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Kalle Schlobohm, ehemaliger Kriminalpolizist | Bild: SWR

Für die Polizei steht fest: Wichmann muss Birgit M. getötet haben. Durch eine neue DNA-Untersuchung kann die Polizei kurz darauf beweisen, dass Wichmann auch für die Göhrde-Morde verantwortlich ist.

Kommt als Täter in dutzenden Mordfällen in Frage

Bei einer erneuten Hausdurchsuchung im ehemaligen Wohnhaus von Wichmann wird auch Frauenbekleidung und Schmuck gefunden. Das ist der Anlass, alte ungeklärte Fälle neu zu betrachten. Es stellt sich heraus, dass Wichmann in dutzenden weiteren Mordfällen im ganzen Bundesgebiet als Täter in Frage kommen könnte.

So könnte Wichmann auch Ilse G. ermordet haben, die im Lüneburger Waldgebiet Tiergarten 1968 mit vier Schüssen in den Rücken getötet wurde. Die Täterbeschreibung von damals passt auf den jungen Kurt Werner Wichmann. Und auch Ulrike B. könnte ein Opfer von Wichmann sein. Ihre Leiche wurde 1969 nur 30 Kilometer entfernt von Wichmanns Wohnort gefunden. Auch eine Mordserie an Tramperinnen im Raum Heidelberg könnte auf sein Konto gehen. Dort hatte Wichmann nach der Verbüßung einer Gefängnisstrafe wegen Vergewaltigung gelebt.

Ermittler gehen von einem Mittäter aus

Und es gibt weitere, neue Spuren im Fall Wichmann: Ein Koffer mit Waffen und Führerschein, der Wichmann gehört hat, wurde im Oktober 2018 von einem Autohändler aus Lüneburg bei der Polizei abgegeben. Er soll aus Wichmanns Haus stammen. Ist das der Schlüssel zur Klärung weiterer Morde?

Hatte der Mörder einen Mittäter, der noch lebt und noch immer frei herumläuft? Die Ermittler gehen davon aus, dass Wichmann einen Mittäter hatte, und sind aus ermittlungstaktischen Gründen mit weiteren Informationen sehr zurückhaltend.

Stand: 13.12.2018 16:35 Uhr

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