SENDETERMIN Mo, 08.10.18 | 20:15 Uhr | Das Erste

Virtuelle Tatorte in 3D: Ermittlungen via High-Tech

Mann mit 3-D-Brille
3-D-Brille | Bild: SWR

Es ist kurz vor 9 Uhr morgens, als Adnan Erdem (Name von der Redaktion geändert) in das Mannheimer Gewerbegebiet fährt. Wie fast jeden Morgen hat der türkische Geschäftsmann gerade seine Tochter auf dem Weg zur Firma zur Kita gebracht. Aber diesmal wird er an einer Kreuzung bereits erwartet.

Schüsse treffen Fahrzeug

Täter mit Waffe
Täter mit Waffe | Bild: SWR

Ein Mann zückt seine Pistole, geht auf den Wagen zu und feuert fünfmal aus nächster Nähe. Adnan Erdem gibt Vollgas. Er bleibt unverletzt, die Kugeln treffen nur seinen Wagen. Er erreicht seine Firma, ein paar hundert Meter entfernt.  Hier ruft er die Polizei und erzählt einem Mitarbeiter von den Schüssen. Die Polizei kann den mutmaßlichen Täter schnell stellen. Die Tatwaffe wird in einem Gebüsch gefunden. Die Sache scheint klar.

Aussage gegen Aussage

Der Festgenommene erzählt jedoch eine ganz andere Geschichte: Er behauptet, Adnan Erdem sei der eigentliche Täter: Erdem habe ihn aus dem Auto heraus erkannt, angehalten und mit der Waffe in der Hand attackiert. Im anschließenden Gerangel sei es ihm gelungen, Adnan Erdem die Waffe zu entreißen. In Notwehr habe er mehrmals auf den Boden geschossen. Die Beschädigungen am Fahrzeug erklärt er damit, dass Geschosse möglicherweise vom Boden abgeprallt seien und das Auto getroffen hätten.

Welche Version stimmt? Es gibt weder Zeugen noch Überwachungsvideos.

3D-Scan vom Tatort

3D-Scanner
Ein 3D-Scanner soll Bilder vom Tatort machen. | Bild: SWR

Um das herauszufinden vermisst das LKA Baden-Württemberg mit einem 3D-Scanner den Tatort. Das Gerät zeichnet Millionen Punkte innerhalb weniger Minuten auf und macht gleichzeitig hochauflösende Bilder der Umgebung. Mit diesen Daten erstellt 3D-Forensikerin Sandra Staiger ein dreidimensionales Modell des Tatorts. Zusammen mit einem Schusswaffensachverständigen kann sie am Computer anhand der Einschusswinkel und der Fahrstrecke den Tathergang virtuell rekonstruieren. Die Möglichkeiten im 3D-Modell sind fast grenzenlos.

Verschiedene Blickwinkel möglich

"In diesem kleinen 3D-Raum kann ich mich wie ein kleiner Helikopter über die Szenen hinwegbewegen, mich in jede Position begeben, den Blick des Täters einnehmen oder von Zeugen einnehmen", erklärt Sandra Staiger. Außerdem kann sie im Modell die Flugbahn von Geschossen sichtbar machen. 

Im Hochleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart wird bereits an der Zukunft des 3D-Tatorts geforscht. Hier steht einer der schnellsten Supercomputer der Welt. Die Forscher haben den begehbaren virtuellen Tatort entwickelt. Leiter Uwe Wössner kann sich mit einer speziellen Brille umschauen, als wäre er im realen Raum – beispielsweise am Tatort einer Kneipenschießerei.

Mittels spezieller Brille lassen sich Tatorte virtuell begehen.
Mittels spezieller Brille lassen sich Tatorte virtuell begehen. | Bild: SWR

"Hier wurde eine 3D-Rekonstruktion eines Tatorts gemacht, aus einem 3D-Scan", erklärt Wössner. "Zusätzlich können Informationen hinzugefügt werden wie die Position von Hülsen und Einschusslöchern." Mit diesen Daten können die Forscher zum Beispiel Schussbahnen sichtbar machen.

Virtuelle Obduktion

Sogar Obduktionen sind virtuell möglich
Sogar Obduktionen sind virtuell möglich | Bild: SWR

In diesem Raum können mehrere Personen auf einmal Tatorte begehen und ermitteln. In der Schweiz werden die 3D-Technologien auch für Obduktionen angewendet Zum Beispiel, wenn man bei einem Mordopfer einen Einschuss nachvollziehen möchte.
Dafür lassen sich beispielsweise CT-Scans und MRT-Scans nutzen, die per se dreidimensional sind, erklärt Uwe Wössner, Forschungsleiter vom Hochleistungsrechenzentrum. "Man kann diesen virtuellen Körper in jeder beliebigen Richtung aufschneiden. Man kann ihn sich in jedem Maßstab anschauen, das heißt, wenn man auf Details fokussieren will, kann man diese einfach beliebig groß machen."
In spätestens zwei Jahren wird das LKA Baden-Württemberg als eine der ersten Behörden in Deutschland mit dieser Technologie arbeiten.

3D-Ermittlung im Mannheimer Fall

Doch auch mit der Technik, die jetzt zur Verfügung steht, ist Sandra Staiger im Mannheimer Fall einen großen Schritt weiter. Mit einem Schusswaffensachverständigen analysiert sie ihr 3D-Modell. Anhand der Position der Patronenhülsen und dem vermuteten Täterstandort kommen sie zu dem Schluss, dass sich das Fahrzeug vorwärtsbewegt haben muss und der Täter ihm hinterherschoss. Die Tat ist also so abgelaufen, wie es der türkische Geschäftsmann Adnan Erdem geschildert hat. Der mutmaßliche Täter hat gezielt auf ihn geschossen.

Neuneinhalb Jahre wegen versuchten Mordes

Auch das Landgericht Mannheim ist von der Darstellung überzeugt und verurteilt den Täter zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren wegen versuchten Mordes. Der Grund für das Attentat, so fand der Ermittler heraus, war ein Streit unter Geschäftsleuten, der in der Türkei seinen Ursprung hatte. Der Schütze hatte den Auftrag, den Unternehmer Adnan Erdem zu erschießen.

Stand: 18.05.2019 10:49 Uhr

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mo, 08.10.18 | 20:15 Uhr
Das Erste

Produktion

Rundfunk Berlin-Brandenburg
Hessischer Rundfunk
Mitteldeutscher Rundfunk
Südwestrundfunk
für
DasErste