SENDETERMIN Mo, 08.07.13 | 20:15 Uhr

Der Aldi-Check

Aldi – die Mutter aller Discounter. Aus dem alltäglichen Einkaufsleben vieler Menschen sind die Filialen der Gebrüder Albrecht nicht mehr wegzudenken. Laut einer Studie des Instituts für Handelsforschung schenken die Deutschen von allen Lebensmittelhändlern Aldi Nord und Aldi Süd das größte Vertrauen. Der Discounter steht für ordentliche Qualität und niedrige Preise. Doch wird dieses Vertrauen vielleicht ausgenutzt? Geht das "Prinzip billig" zu Lasten der Qualität? Und was ist der Preis, den die Mitarbeiter im Arbeitsalltag dafür zahlen? Wir haben den Check gemacht.

Pärchen mit Aldi-Kleidung, Pärchen mit Marken-Kleidung mit Reporterin Sejla Didic
Sieht man einem Aldi-Kleidung an? Ein Pärchen trägt Aldi, eines ein teures Marken-Outfit. | Bild: WDR / Klaus Görgen

Erster Check: Vertrauen

Der erste Gang einer Aldi-Filiale sieht fast überall gleich aus. So wolle Aldi Gewohnheit schaffen und dem Kunden das Gefühl geben, sich immer zurecht zu finden, erklärt uns der ehemalige Aldi-Geschäftsführer Eberhard Fedtke. Aldi setzt demnach auf Verlässlichkeit. Wir wollen wissen: Wie gut kennen sich die Kunden bei Aldi aus?

Weil wir keine Drehgenehmigung bekommen, bauen wir unseren ersten Versuch direkt vor einer Filiale auf. Auf einem Spielbrett sollen treue Aldi-Kunden nachbauen, wie die Produkte im ersten Gang angeordnet sind. Und tatsächlich: Über die Hälfte der Testpersonen macht nur einen oder zwei Fehler. Zwei schaffen es sogar fehlerfrei.

Unsere Testpersonen sind also sehr vertraut mit Aldi, viele könnten quasi blind einkaufen. Könnte der Discounter das ausnutzen? Um das zu checken, bauen wir vor der Filiale ein typisches Regal mit Aldi-Produkten nach. Allerdings gibt es eine Besonderheit: wir tauschen drei Artikel aus. Wir ersetzen die Mayonnaise von Aldi durch die Mayonnaise von Netto, den Reis und die Margarine von Aldi tauschen wir jeweils gegen die entsprechenden Konkurrenzprodukte von Lidl.

Unsere Testkunden sollen nun im nachgebauten Regal sieben Artikel "einkaufen", darunter die drei, die wir ausgetauscht haben. Die Testpersonen sind allesamt überzeugte Aldi-Kunden und trauen dem Discounter generell gute Qualität zu. Werden sie etwas bemerken? Das Ergebnis: Tatsächlich erkennt die Hälfte der Testpersonen unsere Täuschung nicht – sie greifen scheinbar blind ins Regal, erkennen die Konkurrenzprodukte nicht als solche. Aldi könnte ihnen wohl so manches unterjubeln.

Für Handelsforscher Thomas Roeb ist das keine Überraschung: "In der Regel kauft der Kunde, was er im Regal findet. Dabei ist egal, was draufsteht – einfach, weil er der Einkaufsstätte Aldi vertraut." Die allermeisten Kunden würden demnach auf Nachfrage nicht antworten "Ich habe den Rio-d’Oro-Saft gekauft“, sondern "Ich habe den Saft von Aldi gekauft!".

Bei unserem Check am nachgebauten Regal erläutern uns treue Aldi-Kunden, dass der Preis wichtiger sei als der Name des Produktes. Diese Aussagen führen uns zu der Frage, ob man dem Discounter in diesem Punkt wirklich blind vertrauen kann. Tatsächlich kündigt Aldi Preissenkungen jede Woche auf seiner Internetseite groß an. Erhöhungen werden dagegen nicht erwähnt. Nach Erhebungen des Preisportals "Discounter-Preisvergleich" hat etwa Aldi Süd im letzten Jahr die Preise bei 54 Artikeln gesenkt – bei 65 jedoch erhöht.

Wir starten ein weiteres Experiment: Dazu erhöhen wir alle Preise an unserem nachgebauten Regal um rund ein Drittel. Die treuen Aldi-Kunden bekommen von uns nun zehn Euro geschenkt. Damit dürfen sie Produkte aus unserem Regal einkaufen. Dabei stellt sich heraus: Drei Viertel der Test-Kunden bemerken unsere heimlichen Preisaufschläge gar nicht. Eberhard Fedtke, früher Geschäftsführer bei Aldi, erklärt:  "Wer sich bei Aldi einmal sozusagen 'eingekauft' hat, der macht nicht mehr diese Preisvergleiche. Der geht davon aus – und das ist gewachsen –, dass Aldi das preiswerteste Angebot hat." Solche Kunden wünscht man sich.

Unser Checkurteil: Das Vertrauen in Aldi ist übertrieben.

Zweiter Check: Frische

Früher gab es bei Aldi vor allem Konserven, heute bietet der Discounter Rundumversorgung mit viel Frischware an. Deshalb möchten wir bei unserem zweiten Check wissen, wie es um die Frische der Lebensmittel bei Aldi wirklich steht. Dafür kaufen wir erstmal Brote und Brötchen bei Aldi Süd und Aldi Nord, beim Discount-Bäcker und bei einer Bäckerei ein. Wir bezahlen bei Aldi Süd 85 Cent fürs Brot und 13 Cent fürs Brötchen, bei Aldi-Nord mit 1,15 Euro etwas mehr für das Brot, aber auch 13 Cent für das Brötchen. Beim Discount-Bäcker kostet das Brot 1,99 Euro und mit 15 Cent ist das Brötchen etwas teurer als bei Aldi. Deutlich mehr (2,95 Euro fürs Brot, 25 Cent fürs Brötchen) kosten die Backwaren in der Bäckerei. Dann lassen wir in einer Fußgängerzone Passanten Brot und Brötchen probieren.

Uns geht es darum, was ihnen am besten schmeckt. Dabei wissen die Testesser nicht, welche Backwaren von Aldi, vom Discount-Bäcker und von der Bäckerei sind.  Auf Platz vier landet am Ende der Discount-Bäcker. Aldi-Nord kommt auf Platz 3, Aldi-Süd schafft den 2. Platz. Am besten schmecken den Testern aber immer noch die Brote und Brötchen aus der Bäckerei.

Jetzt geht’s zu André Bach nach Brühl bei Köln. Der Koch hat ein Event-Restaurant – Aldi kommt ihm eigentlich nicht ins Haus. Für uns soll er nun für 15 Gäste je zwei Menüs kochen – eins mit Zutaten von Aldi, eins mit Zutaten vom Supermarkt. Bei Real und Kaiser’s kostete der Einkauf 136 Euro, bei Aldi Nord und Süd nur 101 Euro.

Die Produkte kommen nun bei André Bach auf den Küchentisch. Auf die eine Hälfte legen wir die Zutaten von Aldi, auf die andere Seite die vom Supermarkt. Unser Koch weiß natürlich nicht, welche Seite zu welchem Unternehmen gehört. Wir fragen ihn nun, welche Seite seiner Meinung nach besser aussieht. "Es sieht alles frisch aus. Ein kleiner Unterschied ist im Fleisch zu erkennen." Er glaubt, dass das besonders helle und rote Fleisch unter Schutzatmosphäre verpackt gewesen sei. Das dunklere Fleisch komme dagegen wahrscheinlich von der Kühltheke.

Uns fällt auf: Bei Aldi-Packungen steht auf der Rückseite: "Unter Schutzatmosphäre verpackt". Damit Fleisch bis zu zehn Tage haltbar ist, kommen die Schutzgase Kohlendioxid und Stickstoff zum Einsatz. Oft kommt auch Sauerstoff dazu. In hohen Konzentrationen lässt der das Fleisch rot aussehen, auch wenn es schon älter ist. Mit Haltbarkeit hat das aber wenig zu tun. Wir wollen wissen: Hilft auch Aldi mit Sauerstoff beim Frischeeindruck nach?

Wir lassen Aldi-Fleisch in der FH Münster untersuchen. Und schon bei der ersten Packung ein Volltreffer: Es werden 82 Prozent Sauerstoff gemessen. Professor Guido Ritter erklärt uns, dass man normalerweise versuche, Sauerstoff aus Lebensmitteln herauszuhalten: "Sauerstoff reagiert mit Fett, so dass es ranzig werden kann. Sauerstoff reagiert mit Eiweiß, so dass es zäh werden kann. Das sind alles Effekte, die mit dieser Verpackung passieren, so dass aus meiner Sicht die Optik mit der Frische auseinandergeht und wir eigentlich nur den optischen Effekt haben. Aus meiner Sicht ein Trick." In unserer Stichprobe finden wir überall Sauerstoff – oft mehr als 80 Prozent. Aldi sagt dazu, in Qualitätskontrollen sei keine Zähigkeit festgestellt worden. 

Zurück bei André Bach in Brühl. Die Test-Esser sind da. Sie wissen ebenso wenig wie der Koch, welches das Aldi- und welches das Supermarkt-Menü ist. Sie sollen nun beurteilen, welches ihnen besser schmeckt. Pro Gang dürfen die Gäste einen Punkt vergeben. Zur Vorspeise gibt es  Birnenschaumsüppchen. Das Hauptgericht ist Rinderhüftsteak mit Senfkruste an Spargel-Möhrengemüse mit überbackener Kartoffel. Abschließend wird noch ein Dessert serviert. Das Menü vom Supermarkt hat 9,01 Euro gekostet, das von Aldi 6,77 Euro. Der Supermarkt bekommt am Ende 34 Punkte, Aldi elf. Das sieht nach einem klaren Ergebnis aus. Aber viele Gäste haben lange überlegt, bis sie sich entschieden haben.

Unser Checkurteil: Die Frische bei Aldi ist alles in allem ordentlich.

Dritter Check: Schnäppchen

Wir machen eine Entdeckung: Ein Vertikutierer aus dem Aldi-Prospekt hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Markengerät des Herstellers Einhell. Dort kostet er knapp 120 Euro. Auf unsere Nachfrage bestätigt Einhell sogar, dass sie das Aldi-Gerät herstellen. Und nicht nur das: Das Discounterprodukt sei mindestens genauso gut wie das Original. Dabei kostet es bei Aldi nur knapp 90 Euro! Wir sind neugierig und wollen wissen, ob es bei Aldi wirklich Schnäppchen mit Markenqualität gibt – nur günstiger. Dafür lassen wir Aldi-Produkte gegen richtig teure Markenprodukte antreten. Wie lange kann der Discounter da mithalten?

Zuerst checken wir den besagten Vertikutierer von Aldi Süd für knapp 90 Euro. Sein Gegner: der Vertikutierer von Gardena. Preis hier: 220 Euro. Auf einem Campingplatz in Dortmund-Hohensyburg treffen wir Horst Eckey, unseren Mann fürs Vertikutieren. Der frühere Hausmeister pflegt heute als Rentner liebevoll seinen Rasen und soll nun für uns die beiden Produkte checken. Als erstes muss er sie zusammenbauen. Den Gardena-Vertikutierer hat Horst in zehn Minuten fertig aufgebaut. Für das Aldi-Produkt braucht er deutlich länger. Nun geht’s ans Vertikutieren. Die Schnittbreite ist beim Aldi-Gerät drei Zentimeter breiter, es hat zudem mehr Motorleistung als das Gardena-Gerät, ist dafür aber auch lauter. Beim Vertikutieren verliert das Aldi-Gerät im Eifer des Gefechts seinen Haltebügel. Das Fazit unseres Testers: Die Vertikutierleistung des Aldi-Geräts ist in Ordnung, das Markengerät sei aber leichter zu handhaben.

Unser nächster Check zur Markenqualität von Aldi-Schnäppchen ist ein Spezialauftrag – für eine sechsköpfige Pfadfindertruppe. Drei von ihnen sollen im knapp 50 Euro teuren Iglu-Zelt von Aldi Nord campen, drei im Markenzelt. Das ist von Jack Wolfskin und hat rund 300 Euro gekostet. Genau wie beim Vertikutierer checken wir zunächst den Aufbau. Und auch hier gewinnt die Marke. Das Discounterzelt steht erst nach 30 Minuten. Da waren die Pfadfinder mit dem Markenzelt schon längst fertig.

Laut Aldi ist das Iglu-Zelt wetterfest und wasserabweisend. Das wollen wir ausprobieren und unterziehen das Zelt mit einem überdimensionalen Haartrockner einem Belastungscheck. Von außen pustet das Gerät Luft gegen die beiden Zelte. Das Ergebnis: Jack Wolfskin hält dicht. Beim Aldi-Zelt monieren die Pfadfinder jedoch, dass die Luft quasi komplett durchkomme. Der nächste Check soll zeigen, wie es um die versprochene wasserabweisende Beschaffenheit der Zelte steht. Wir sprühen mit einem Wasserschlauch gegen die Zelte. Die Jack Wolfskin-Tester bleiben trocken: "Wir haben zwischen der Innenschicht und der Außenschicht einen großen Abstand und da kann die Feuchtigkeit gar nicht bis zur Innenschicht kommen. Man sieht das Wasser richtig abperlen", erklärt einer der Pfadfinder. Die Aldi-Tester hingegen merken eine Art "Sprühregen", der durch die Zeltwand kommt.

Sieht bis jetzt nicht gut aus für Aldi. Wir lassen die Pfadfinder nun alleine – sie sollen die Zelte ein ganzes Wochenende lang nutzen und dabei Videotagebuch führen. Das Ergebnis: Das Aldi-Zelt schneidet bei ihnen im Praxischeck nicht besonders gut ab. In einer verregneten Nacht hätten sie das Aldi-Zelt evakuieren müssen, erzählen die Pfadfinder – es stand voller Wasserpfützen. Die Jack Wolfskin-Tester hingegen sind zufrieden: "Für Taschen ist leider kein Platz, das ist schade – aber sonst war es sehr trocken, sehr warm, man hat den Wind nicht gemerkt." Das Aldi-Zelt ist bei uns damit durchgefallen.

Dritter Schnäppchencheck: Kleidung. Zwei Studenten bekommen dafür von uns ein Aldi-Outfit. Sie treten damit gegen ein Pärchen an, das wir mit Kleidung von Tommy Hilfiger ausgestattet haben. In dieser Montur geht es dann für die Vier ins Nachtleben. Der WDR-Radiosender 1Live hat in Bonn aufs Partyschiff geladen – und unsere "Models" mischen sich unters hippe Volk. Für die Hilfiger-Outfits haben wir insgesamt zehnmal so viel bezahlt wie für die zwei Aldi-Outfits. Aber kommen sie bei der Partygemeinde auch besser an? Wir lassen die Gäste bewerten, welches Outfit sie besser finden. Ohne zu wissen, woher die Kleidung kommt, fällt das Urteil eindeutig aus: 28 zu 3. Für Aldi!

Für unsere letzte Schnäppchen-Recherche durchforsten wir Ausgaben von Stiftung Warentest. Auch dort werden immer wieder Aldi-Produkte unter die Lupe genommen. Und auch bei den Bewertungen von Stiftung Warentest gab es für Aldi Licht und Schatten. Die Aldi Nord-Angebote der letzten fünf Jahre kommen so zu einer Durchschnittsnote von 2,9, die von Aldi Süd zu einer 3,0.

Unser Checkurteil: Die Schnäppchen von Aldi sind Glückssache.

Vierter Check: Fairness

Wir wollen wissen, was ein Karriere-Versprechen bei Aldi wirklich wert ist. Ein ehemaliger Aldi Süd-Manager erzählt uns: "Bei Aldi gilt das Prinzip 'Jeder Mitarbeiter ist grundsätzlich verdächtig' und man geht davon aus, dass die Mitarbeiter faul sind, nicht arbeiten wollen, Geld unterschlagen wollen, Geld klauen wollen, sich auf irgendwelche Weise bereichern wollen." Der ehemalige Manager sagt, er sei direkt nach seinem Universitätsabschluss zu Aldi gegangen. Er habe mehr als 80.000 Euro im Jahr verdient, nach zwei Jahren aber gekündigt. Denn was er bei Aldi erlebt hätte, habe ihn schockiert: "Die Aufgabe aller Führungskräfte, aller Ebenen, besteht darin die Mitarbeiter zu kontrollieren und am arbeiten zu halten", erinnert er sich.

Dabei scheint Aldi bei der Ausbildung auf den ersten Blick vorbildlich. Aldi Süd trommelt mit aufwändig gestalteten Filmen für die "Azubi-Filiale". Und Aldi Nord spricht vom "Azubi-Camp", einem "Trainingslager für eine spannende Zukunft". Aldi Nord sagt uns, junge Leute würden in der Tat recht bald Verantwortung übernehmen, dabei aber von erfahrenen Kollegen unterstützt. 

Wir treffen Tanja M., 2008 hat sie ihre Ausbildung bei Aldi Nord begonnen. Sie gehörte zu den Besten ihres Jahrgangs und meint, die Ausbildung habe mit den Versprechen in den Aldi-Werbebroschüren nichts zu tun gehabt: "Man zählt nach zwei Wochen praktisch als vollwertiger Mitarbeiter. Man muss alles machen, von Kasse bis Einräumen, von Putzen bis Kundenbedienen. Im Endeffekt fast dieselben Sachen wie der Filialleiter, nur viel schlechter bezahlt", so Tanja.

Aldi-Führungskräfte und Gewerkschafter erklären uns unabhängig voneinander, dass Auszubildende oft mit nur einem weiteren Mitarbeiter den Laden schmeißen müssten. Eine Antwort auf diesen Vorwurf bleibt Aldi Nord schuldig. Dazu gibt es noch einen weiteren Vorwurf: unbezahlte Mehrarbeit. Tanja M. erzählt: "Wir haben immer mindestens eine halbe Stunde zu früh angefangen, immer mindestens eine Pause nicht gemacht. Wenn man das nicht mitmacht, ist man ein Kollegenschwein." Wir hören immer wieder von Mehrarbeit bei Aldi Nord. Das Unternehmen verweist auf eine Pauschale für ein gewisses Maß an Mehrarbeit –  bei Verkäuferinnen bis zu drei Stunden die Woche. Doch von Aldi-Managern, Mitarbeitern und Gewerkschaftern hören wir: Dieses Maß werde häufig überschritten; aus Angst vor Repressalien würde das aber in Kauf genommen. Die Lösung wäre eine elektronische Arbeitszeiterfassung. Doch die will Aldi nicht. Man fragt sich, warum?

Und wie sieht es mit den Azubis bei Aldi Süd aus? Der ehemalige Manager behauptet, dass Auszubildende bei Aldi primär genutzt würden, weil sie konkurrenzlos günstig seien. Tatsächlich hat Aldi-Süd überraschend viele Auszubildende. Im Branchendurchschnitt sind 8 Prozent der Mitarbeiter einer Filiale Azubis. Bei Aldi-Süd sind es doppelt so viele: 16 Prozent. Wir bekommen interne Dokumente einer Aldi-Regionalgesellschaft – sie zeigen: In manchen Filialen gab es sogar vier Azubis.

Und was passiert nach der Ausbildung? Aldi Süd erklärt stolz, um die 80 Prozent der Azubis würden übernommen. Klingt erst einmal gut. Doch der ehemalige Aldi-Manager sagt, auch damit wolle Aldi vor allem Personalkosten sparen. "Die Azubis, die übernommen werden, werden seit einigen Jahren in neue Verträge überführt, wo sie aber auch verflixt wenig Geld verdienen und den älteren Mitarbeitern wiederum Konkurrenz machen", so der ehemalige Manager. Aldi Süd bestätigt spezielle Anschlussverträge, man zahle aber übertariflich.

Den Druck auf lang gediente Mitarbeiter? Den gibt es offenbar schon lange. Heinrich Birrenbach war Chef einer Aldi-Filiale bei München. Zu ihm und anderen Fällen möchte Aldi aus Datenschutzgründen keine Stellung beziehen. Heinrich Birrenbach erzählt, er habe etwas Seltsames erlebt. Zum 25-jährigen Dienstjubiläum bei Aldi habe man sich noch bei ihm für die gute und partnerschaftliche Zusammenarbeit bedankt, ein halbes Jahr später habe dann ein systematisches Mobbing begonnen. Birrenbach glaubt, seine Vorgesetzten hätten plötzlich Gründe für Abmahnungen gesammelt. Einmal habe man ihn angewiesen, die Tür zum Notausgang abzuschließen. Birrenbach sagt, er habe sich geweigert, denn es seien noch Kunden im Laden gewesen. Auch laut Aldis Sicherheitsrichtlinien müssten Fluchtwege offen bleiben. Doch zum Schluss bekommt er deswegen eine Abmahnung. Am Ende schickt ihm Aldi die Kündigung – ohne Begründung.

Wir hören: Gut verdienende Filialleiter sind für ihre Vorgesetzten oft ein Problem. Denn die Vorgesetzten stehen intern permanent unter Wettbewerbsdruck. Auf Ranglisten können sie ablesen, wie ihre Filialen gegen die ihrer Kollegen abschneiden, auch bei den Personalkosten. Andreas Straub war Manager bei Aldi Süd. Er erinnert sich, dass eine Möglichkeit, die Zahlen zu verbessern, diese gewesen sei: bei den Mitarbeitern sparen. "Zum Beispiel wird das erreicht, indem man teurere Mitarbeiter durch günstige ersetzt. Indem man zum Beispiel einen Filialleiter durch einen Stellvertreter ersetzt, der nur die Hälfte verdient. Je länger jemand dabei ist, desto teurer wird er für das Unternehmen und desto eher wird dann auch geschaut: Welche Fehler macht der eigentlich? Und wie kann man den auch mal auf Sicht gesehen loswerden?", so Straub. Aldi Süd bestreitet diese Darstellung entschieden.

Hubert Buffler erzählt, er war über 20 Jahre Chef einer Aldi-Filiale im Allgäu. War er am Ende zu teuer? Er sei mindestens jeden zweiten Tag mit Kritikpunkten mürbe gemacht worden, erzählt Buffler. Seine Vorgesetzten hätten zudem monatelang gezielt Gründe für Abmahnungen gesammelt. Irgendwann sei es zu einem Showdown gekommen, erinnert er sich: "Um 9 Uhr kamen die Bereichsleiterin und mein Verkaufsleiter, überfallartig, und sagten: 'So, Sie fahren jetzt mit mir in die Zentrale'", so Buffler. Da habe er einen Verhandlungsmarathon von sieben bis acht Stunden gehabt. Buffler sagt, der Verkaufsleiter sei aufgestanden und habe ihn angeschrien: "Ich will von ihnen absolute Kapitulation!" Am Ende habe Buffler einen Aufhebungsvertrag unterschrieben, erzählt er.

Aldi Süd sagt auf unsere Anfrage, Mobbing werde nicht geduldet. Andreas Straub hingegen sagt, er habe das als Aldi-Manager ganz anders erlebt. "Da wird man angehalten, dass jeder Mitarbeiter ein paar Schriftstücke in seiner Akte haben sollte, so dass – wenn es mal zu einer Auseinandersetzung kommt – Aldi auf jeden Fall etwas vorweisen kann", so Straub. Straub sagt, Aldi setze dazu Profis ein. Profis wie Wolfgang Paul. Jahrelang war er als Laden-Detektiv für Aldi Süd tätig, erzählt Paul. Er habe auch versteckte Kameras eingebaut. Kameras seien nur zum Schutz der Mitarbeiter da – und um Ladendiebstahl einzudämmen, sagt Aldi Süd. Wolfgang Paul erinnert sich anders: Er habe gezielt Mitarbeiter überwachen sollen. Der Detektiv sagt, die Aufträge seien mündlich erteilt worden. Nachts auf dem Parkplatz habe er sich mit dem Bereichsleiter getroffen. Paul erinnert sich so: "Der Bereichsleiter ruft mich an, dann macht man einen Termin aus, zum Beispiel nach Geschäftsschluss. Dann geht man rein, baut die Kameras ein, ab 22 oder 23 Uhr, quasi nachts, wenn keiner mehr da ist." Kann das alles sein? Aldi weicht aus und verweist allgemein auf das heutige – mit dem Datenschutzbeauftragten abgestimmte – Videoüberwachungskonzept.

Eine seiner Aufgaben, so erzählt uns der Detektiv, waren so genannte Testkäufe. Eigentlich solle damit überprüft werden, ob Kassiererinnen korrekt arbeiten. Doch oft sollten damit Gründe für Abmahnungen gefunden werden – sagt er. Aldi Süd bestreitet, dass mit Testkäufen Mitarbeiter schikaniert werden sollten.

Und was ist mit Testkäufen bei Aldi Nord? Eine langjährige Mitarbeiterin erhebt ähnliche Vorwürfe: "Es gab Zeiten, in denen ich jede Woche einen Testkauf hatte, der ganz gezielt für mich war. Das habe ich dann festgestellt, als ich mal nicht an der Kasse saß, sondern eine Kollegin. Da ist der Testkäufer wohl reingegangen, hat bei der Kollegin bezahlt, und dann kam der Bezirksleiter rein und hat ihm gesagt, den Testkauf könne er vergessen – der wäre nicht für die Kollegin gedacht, sondern für mich", so die langjährige Mitarbeiterin.

Laut Aldi Nord dienen Testkäufe vor allem dem Schutz der Kunden vor Fehlbuchungen. Außerdem würden alte Mitarbeiter nicht durch jüngere ersetzt, um Kosten zu sparen. Wir treffen jedoch einen stellvertretenden Filialleiter, der behauptet: "Überwiegend ältere Mitarbeiter möchte man loswerden, weil die zu teuer sind. Denn nach sieben Berufsjahren hat man die Höchststufe erreicht und ist praktisch der teuerste – und dann stellen sie lieber Leute dafür ein als Teilzeitkraft, die dann noch billiger sind. Man ist wie ein Wegwerfartikel – brauchen wir jetzt nicht, weg damit. Das Menschliche zählt nicht."

Dabei hatte die Karriere bei Aldi für viele so vielversprechend angefangen. Doch: Sind viele Auszubildende vor allem nur billige Arbeitskräfte? Beide Unternehmen konnten unabhängig voneinander gemachte Vorwürfe für uns nicht glaubwürdig entkräften. Und eine erfolgreiche Karriere bis ins Rentenalter erscheint vor allem bei Aldi Süd eher eine Seltenheit.

Der ehemalige Aldi-Manager Andreas Straub erzählt, es sei selten vorgekommen, dass ein Mitarbeiter bei Aldi Süd in den Ruhestand verabschiedet worden wäre. Aldi-Süd sagt uns, im Schnitt gingen jährlich 64 Mitarbeiter aus dem Verkauf in den Ruhestand.

64. Bei 25.500 Mitarbeitern.

Unser viertes Checkurteil: Die Fairness ist unzureichend.

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