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Deutschland, deine Künstler: Katrin Sass

Katrin Sass
Katrin Sass | Bild: MDR/WDR

Frauen, die Katrin Sass spielt, vergisst man nicht so schnell. Obwohl es nie jene sind, die auf Anhieb gefallen wollen. Sie heißen Sonja, Nina, Heidi – wie die Namen sind oft deren Leben: einfach, alltäglich. Aber dieser Alltäglichkeit vermag Katrin Sass stets eine große Spannung zu verleihen – und ein Geheimnis.

In ihrer ersten Hauptrolle war sie Sonja ("Bis dass der Tod euch scheidet", 1979, Regie: Heiner Carow). Und alle anderen Frauen, die sie spielte, waren dieser Sonja ähnlich. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, weil sie Angst vor sich selbst haben. Sie gehen daran kaputt oder sie gehen weiter.

Regisseur Wolfgang Becker: "Bei ihr ist es so, dass sie sehr genau guckt, wie sagen Menschen in ihrem Umfeld,  in unserem Leben, wie sprechen die. Und Leute, die das sehen, erkennen sich wieder. Und haben nicht das Gefühl, dass ist jemand ganz anderes, der so tut, als wäre er wie wir. Der ist so wie wir."

In der Regie von Wolfgang Becker entsteht 2003 der Film "Good Bye, Lenin!". Katrin Sass spielt eine Frau, die die meiste Zeit im Bett liegt. Und sie glaubt, dass diese Rolle etwas klein, schmal und eher unbedeutend ist. Doch diese Frau, die die Wende verschläft und in einem neuen Land wieder aufwacht, hat ihren wundersamen unvergesslichen Auftritt. "Good bye, Lenin!" wird Katrin Sass' größter Erfolg. Bis heute wird sie auf diese Rolle angesprochen: "Ich war im Fahrstuhl, und neben mir stand eine Frau, die wollte in die Sauna mit ihrem Mann, die war auch im Bademantel und sah auch so aus. Ungeschminkt stand ich da so. 'Guten Tag, sind sie nicht die Mutter von Lenin?' Ich sage: 'Nein, die bin ich noch nicht.' Aber das fand ich urkomisch."

Dreharbeiten

Nova Scotia, Kanada, Herbst 2016, Dreharbeiten zum ARD-Film "Harrys Insel". Katrin Sass spielt Susan, die auf einem einsamen Eiland an der kanadischen Atlantikküste lebt. Und diese Frau muss schießen können.

Denn plötzlich taucht Harry auf, der ebenfalls Anspruch auf das idyllische Plätzchen erhebt. Wolfgang Stumph und Katrin Sass spielen zwei starrköpfige Kontrahenten, die sich ein erbittertes Duell um den Besitz der Insel liefern.

Wolfgang Stumph stand schon einmal mit Katrin Sass vor der Kamera, 2007 in dem Fernsehfilm "Heimweh nach Drüben". "Mit ihr kann man herrlich lachen, aber auch herrlich streiten", sagt er über Katrin Sass. Und über die aktuelle Arbeit mit ihr: "Wir haben ja jetzt schon 11 Drehtage hinter uns. Das ist genau die richtige Frau für die richtige Rolle. Da gibt es höchstens zwei in Deutschland, wo man sagt: Da kommt’s und da passt's."

Gefühle

Für Katrin Sass wäre es eine Absurdität sich vor den Spiegel zu stellen und eine Geste oder einen Gesichtsausdruck zu üben. "Gefühle", sagt sie, "kann man nicht üben. Sie entstehen beim Spielen. Alles entsteht in dem Moment, sobald die Kamera angeht." Sie spielt nicht, was sie sich angelesen oder recherchiert hat, sie spielt, was in ihr steckt.

Schauspielkollege Michael Gwisdek: "Ich kann mich täuschen, aber ich würde sie einschätzen als eine Instinkt- und Bauchschauspielerin. Und nicht so sehr als eine, die sich was ausdenkt. Weil sie das aus einer Ecke holt, die eh für sie stimmen muss. Und nicht: Auf was muss ich alles achten. Scheiß drauf, das spielt die, die kann das."

Musicbox

"Die Sass ist wie eine Musicbox", hat mal ein Freund über sie gesagt, "Groschen rein und los." Der Held ihrer Kindheit ist Frank Schöbel, ein Schlagersänger in der DDR. Als Schauspielstudentin zieht sie nachts durch die Straßen und singt, was ihr gerade einfällt, Schlager von Frank Schöbel und Mireille Mathieu. Die Anwohner fühlen sich in ihrer Ruhe gestört und rufen die Polizei.

Lange behielt sie ihre Liebe für Schlager für sich, heute bekennt sie sich dazu: "Es gibt doch tolle Schlager!" Nach dem Erfolg von "Good Bye, Lenin!" konnte sie sich einen Traum erfüllen: auf eine Bühne gehen und singen.

Ihr Debüt gab sie 2005 in der Berliner "Bar jeder Vernunft". Sie singt Lieder aus ihrem "Weißensee"-Repertoire als Dunja Hausmann, Lieder die ihr Leben begleiteten, wie "Sag mir, wo die Blumen sind", den "Mackie-Messer"-Song aus der Dreigroschenoper, das einstige DDR-Pionierlied "Unsere Heimat", die "Karat"-Ballade "Über sieben Brücken". 2013 veröffentlichte sie eine CD mit diesen Liedern.

Charakter

Katrin Sass hat eine starke Abneigung gegen den Satz "Das macht man aber nicht!". Freunde, die ihr raten, so etwas macht man aber nicht, setzen ihre Freundschaft aufs Spiel.

Katrin Sass ist nicht abgebrüht, aber gerne direkt, Ehrlichkeit liegt ihr mehr als Diplomatie, lieber ist sie verletzend als verlogen: "Ich gehöre nicht zu den Menschen, die etwas verdrängen, sonst wäre ich längst krank. Ich bin dafür bekannt, dass ich vieles rauslasse und dies manchmal auch sehr unüberlegt. Dann wird es mitunter hart, aber ich sage mir trotzdem: 'Du hast es gemacht, also ist es richtig.'"

Nichtstun

"Man lebt nur noch, um zu kämpfen", sagt Katrin Sass und das will sie nicht mehr mitmachen, dieses Rotieren im Hamsterrad der Eitelkeiten und des Ruhms. Früher war ihr die Arbeit wichtig, sagt sie, heute ist es das Leben. Sie meidet Empfänge, dem flüchtigen Treiben des Filmgeschäfts kann sie nichts mehr abgewinnen. Aber auf ihrer Wiese vor dem Haus sitzen und auf das Wasser schauen, stundenlang, ohne schlechtes Gewissen und ohne zu hoffen, dass jetzt gleich jemand anruft, um ihr eine neue Rolle vorzuschlagen. Manchmal sitzt sie noch am Nachmittag im Schlafanzug – und hat kein Problem damit.

Alle Infos zur Serie "Weissensee"

Ein Film von Lutz Pehnert