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China inside: Winterspiele mit Widersprüchen

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China inside: Winterspiele mit Widersprüchen | Video verfügbar bis 31.01.2023 | Bild: BR/NDR/Daniel Satra

Die aufstrebende Weltmacht China lädt zu den Olympischen Wettkämpfen ein. Nach den Sommerspielen 2008 in Peking folgen jetzt die Winterspiele 2022, das hat noch keine Stadt zuvor geschafft. Die Berge nahe Peking sind zwar nicht sonderlich hoch und schneien tut es dort auch nur selten, aber China sieht darin die Chance, aus dem Nichts ein renommiertes Skiresort aufzubauen. China möchte die Welt begeistern mit gut ausgebauten und zuverlässig beschneiten Skipisten, Skischanzen und einer neu gebauten Bobbahn. Auch das eigene Volk soll motiviert werden: Bis zum nächsten Jahr, so Staats- und Parteiführer Xi Jinping, sollen 300 Mio. Chinesen zu Wintersportlern werden.

Die Olympischen Spiele finden in einer streng abgeriegelten Bubble statt. Die Ein- und Ausgänge zum Skigebiet werden ebenso rigoros bewacht wie Staatsgrenzen, so die offizielle Ankündigung. Denn weiterhin fordert China bei jeder Einreise mindestens zwei Wochen überwachte Quarantäne. Die Volksrepublik ist inzwischen das einzige Land weltweit, das an einer strikten Null-Covid-Strategie festhält. Die große Mehrheit der Bevölkerung befürwortet dieses Vorgehen. Das durch die Staatspresse verbreitete Narrativ hat verfangen: Während die Welt unter den Folgen der Pandemie leidet, ist China der einzige sichere Ort.

Rufe nach einem Boykott der Olympischen Winterspiele

Doch politische Sicherheit gibt es in China nur für Menschen, die mit der kommunistischen Führung konformgehen. Das spüren vor allem die Einwohner von Hongkong und Xinjiang. Für die Sonderverwaltungszone Hongkong gilt nunmehr ein Sicherheitsgesetz, das jede Opposition unterdrückt, die völkerrechtlich garantierten Freiheitsrechte gelten nur noch auf dem Papier. In der Region Xinjiang hat Chinas Regierung einen Polizeistaat und ein Lagersystem errichtet und unterdrückt die muslimische Bevölkerung. Mehrere ausländische Regierungen werfen Peking einen schleichenden Völkermord an den Uiguren vor und fordern einen Boykott der Spiele. Möglicherweise verzichten einige westliche Staaten auf die Entsendung offizieller Delegationen.

Die Reportage wird mehrere Menschen in China begleiten: Lang Enge etwa wohnt im Austragungsort der Alpin-Ski-Rennen in Yanqing. Er war ein Schafswirt, doch den Ruf von Xi Jinping nach Begeisterung für die Olympischen Spiele hat er sich zu Herzen genommen. Er hat seine Schafe verkauft und andere Bauern motiviert, das Skifahren zu lernen. Inzwischen hat er ein Team zusammen, das im Sommer mit Trockenübungen, im Winter im Schnee den Mitgliedern vom Nachbarschaftskomitee der kommunistischen Partei aus seinem Ort das Skifahren beibringt.

Zwischen Olympia-Bubble und normalem China

Sun Weibo ist selbst Ski-Profi – allerdings auf der nationalen Ebene. Seit Oktober trainiert sie in Zhangjiakou, dem Austragungsort der meisten Skidisziplinen während Olympia. Sie nimmt den Zuschauer mit auf die Hütten im Ski-Ort, in denen es die typischen chinesischen Gerichte wie z.B. Nudelsuppe gibt. Abends geht es in die Karaoke-Bar – Après-Ski Gaudi auf Chinesisch. Mit Sun Weibo erlebt der Zuschauer auch die strikte Corona-Bekämpfung. Tägliche PCR-Tests, Reisebeschränkungen und Corona-App-Überwachung, zudem eine Grenze mitten durchs Dorf – zwischen Olympia-Bubble und normalem China.

Indoor-Skitraining
Skitrainining in der Halle | Bild: BR/NDR/Daniel Satra

Etwa 15 Mio. Ski-Sportler gibt es bereits in China. Die Zahl wächst rasant. Das Unternehmen SnowHow aus Südtirol will von dem Boom profitieren. In Einkaufszentren an den teuersten Orten der Großstädte haben sie Mini-Pisten aufgebaut und bereiten die Kinder der aufstrebenden Mittelschicht auf die ersten Schwünge im Schnee vor. SnowHow beschäftigt bereits 200 Indoor-Skilehrer in Vollzeit – und das Geschäft wächst. Mit von der Partie ist auch der Supervisor-Skilehrer Jan Holte aus Hamburg. Er erklärt den Unterschied zwischen alpiner und chinesischer Skikultur.

Kritik an Chinas Nachhaltigkeits-Konzept für Olympia

Genug Schnee zum Skifahren gibt es in Peking fast nie. Unmengen an Energie und etwa 185.000 Kubikmeter Wasser soll dafür verwendet werden, alle Pisten für Olympia künstlich zu beschneien. Die Südtiroler Firma TechnoAlpin liefert dafür das Equipment und das Know-how. Sie sind stolz darauf. Doch Experten kritisieren das Nachhaltigkeits-Konzept von Olympia. Zumal Teile der Abfahrten im Naturschutzgebiet liegen. Doch Artikel über dieses Thema sind in China zensiert.

Auch kritische Stimmen kommen in der Reportage zu Wort. Wie denken Menschen der uigurischen Region oder andere von der Polizei überwachte Chinesen darüber, dass ihr Land sich in der Weltöffentlichkeit in bestem Licht zeigen darf? Und wieviel Begeisterung für Olympia ist echt oder aus Opportunismus nur gespielt? In China gibt es keine Pressefreiheit. Ausländische Reporter werden ständig überwacht, ein Besuch an den Austragungsstätten ruft sofort die Behörden auf den Plan. Auch Interviewpartner werden unter Druck gesetzt, sich positiv über China zu äußern. Die Reportage macht die Arbeitsbedingungen in China transparent und zeigt auf, wie gefährlich es für Chinesen ist, sich zu einem harmlos scheinenden Thema wie Olympia kritisch zu äußern.

Ein Film von Tamara Anthony und Daniel Satra

Der Film ist eine Produktion des ARD-Studio Peking mit den beiden TV-Korrespondenten als Autoren.

Diese Sendung ist online first ab 29. Januar und ein Jahr lang in der ARD Mediathek verfügbar.

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