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Vergiftet – Wie der Fall Nawalny Russland verändert

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Vergiftet – Wie der Fall Nawalny Russland verändert | Video verfügbar bis 02.08.2022 | Bild: WDR

Vor einem Jahr, im August 2020, wurde auf den russischen Oppositionspolitiker Aleksej Nawalny ein Giftanschlag verübt, mutmaßlich vom russischen Geheimdienst. Als Nawalny Monate später, nach seiner Behandlung in Deutschland, nach Moskau zurückkehrte, hielten ihn viele für verrückt. Denn es war nichts weniger als eine Kampfansage an den Kreml.

Mit ihrem Nawalny-Aufkleber auf dem Laptop ist Ksenija Fadejewa, 29, eine Außenseiterin im Stadtrat des sibirischen Tomsk. In ihrer Stadt wurde der Oppositionspolitiker vergiftet.
Mit ihrem Nawalny-Aufkleber auf dem Laptop ist Ksenija Fadejewa (29) eine Außenseiterin im Stadtrat des sibirischen Ortes Tomsk. In ihrer Stadt wurde der Oppositionspolitiker vergiftet.

Er wurde direkt bei seiner Einreise festgenommen. Seitdem sitzt Nawalny in Haft, und das wohl noch jahrelang. Das Urteil gegen ihn – offenbar politisch motiviert. Seine Organisationen wurden verboten, sein Name wird nicht mehr genannt.

Der Traum von einem demokratischen Land

Doch was ist aus seinen Anhängern geworden? Aus jenen vor allem jungen Menschen, die von einem demokratischen, offenen Land träumen? Aus den Zehntausenden, die im ganzen Land auf die Straße gegangen sind? Vielen von ihnen ging es gar nicht nur um Nawalny – sondern darum, dass überhaupt Opposition zugelassen wird, dass es freie Wahlen gibt, dass ihr Land endlich ein Rechtsstaat wird.

"Schweig oder stirb", steht auf einem Plakat.
"Schweig oder stirb", steht auf dem Plakat. Es hat den Geschichtslehrer Nikita Tuschkanow (26) den Job gekostet. Als einziger in seiner kleinen Stadt hat er für Nawalny demonstriert – und wurde entlassen.

Die Korrespondenten des Moskauer ARD-Studios haben drei von ihnen für diesen Film über die letzten zwölf Monate begleitet. Sergej, ein 28-jähriger Polizist aus der Provinzstadt Iwanowo, hat aus Protest gegen Nawalnys Verurteilung noch am Tag der Urteilsverkündung seinen Dienst gekündigt. Er nahm an Demos teil und wurde dafür vor Gericht gestellt. Doch jetzt will er selbst in die Politik – gegen alle Widerstände.

Zum ersten Mal im Leben wird Sergej Rimskij, 28 (M), selbst festgenommen. Dabei war er bis vor kurzem selbst Polizist. Nach der Verurteilung Nawalnys hat er gekündigt – und zählt sich zur Opposition.
Zum ersten Mal im Leben wird Sergej Rimskij (28) selbst festgenommen. Dabei war er bis vor kurzem auch Polizist. Nach der Verurteilung Nawalnys hat er gekündigt – und zählt sich zur Opposition.

Nikita, ein junger Lehrer, der sich getraut hatte, in seiner Kleinstadt gegen das Urteil und für Meinungsfreiheit zu protestieren, hat seinen Job verloren – und darf vielleicht nie wieder an einer Schule arbeiten. Und Ksenia, eine 28-jährige Kommunalpolitikerin, die auf der Welle der Oppositionsstimmung in ein sibirisches Stadtparlament gewählt wurde, steht plötzlich ganz allein da: Fast alle ihrer Mitstreiter sind mittlerweile verhaftet, in Hausarrest – oder mussten das Land verlassen.

Schwere Zeiten für Oppositionelle

Ohnehin sind diejenigen, die sich von Nawalny haben inspirieren lassen, nur eine Minderheit im Land. Die große Mehrheit der Menschen in Russland interessiert sich nicht für Politik – und erst recht nicht für Opposition, auch nicht kurz vor der Duma-Wahl, die für den September ansteht.

Und eins scheint ganz klar: Ein Jahr nach dem Giftanschlag auf Aleksej Nawalny ist es für Oppositionelle im Land schwerer geworden. Die Freiheit, von der viele Anfang des Jahres träumten, scheint in noch weitere Ferne gerückt.

Ein Film von Ina Ruck, Joachim Angerer, Demian von Osten

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