SENDETERMIN Mo., 27.06.22 | 23:05 Uhr | Das Erste

Die Story im Ersten: Immobilienpoker

Die dubiosen Geschäfte eines Wohnungskonzerns

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Immobilienpoker – Die dubiosen Geschäfte eines Wohnungskonzerns  | Video verfügbar bis 27.06.2023 | Bild: NDR

Die "Story im Ersten: Immobilienpoker" ist eine investigative Recherche über das Geschäftsgebaren eines großen deutschen Immobilienkonzerns. Deutschland braucht dringend mehr Wohnraum und zwar günstigen. Warum aber bleiben in vielen Städten Grundstücke in bester Lage unbebaut? Warum wird der Bau von Wohnungen immer wieder angekündigt, aber nicht verwirklicht? Die preisgekrönten Autoren Michael Richter und Christoph Twickel gehen dieser Frage nach. Sie sprechen mit Handwerkern, die auf horrenden Rechnungen sitzen bleiben, treffen Käuferinnen und Käufer, die jahrelang auf ihre Wohnungen warten und Kommunalpolitikerinnen und -politiker, die scheinbar hilflos zuschauen. Der Verdacht: Hinter der schleppenden Bautätigkeit steckt ein System. Statt zu bauen, wird mit Grundstücken spekuliert. Doch wem nutzt das? Hat Deutschland nach Wirecard den nächsten Betrugsfall mit Summen in Milliardenhöhe, diesmal in der Immobilienbranche?

Beispiel Hamburg: Halb abgerissene Hallen, Haufen von Schutt, zwei Bagger, die nicht arbeiten: Auf dem Gelände der früheren Holsten-Brauerei sollen 1.300 Wohnungen entstehen, mitten in einem begehrten Wohnviertel. Aber der Baubeginn ist seit Jahren überfällig. Das Grundstück ist zum Spekulationsobjekt verkommen: Seit 2016 hat es vier Mal die Besitzer gewechselt und jedes Mal wurde es teurer. Taxiert wurde das Holstenareal ursprünglich mal auf 100 Millionen Euro, - heute steht es mit 364 Millionen Euro in den Bilanzen des Immobilienkonzerns Adler Group. Das ist dreieinhalb Mal so viel wie der Schätzwert vor fünf Jahren.

Dubiose Immobiliendeals und Übernahmen

In anderen deutschen Großstädten gibt es ähnliche Fälle. Bei vielen der zeitweilig 47 Adler-Projekten könnte das Unternehmen längst mit dem Bau beginnen, ob in Düsseldorf, Offenbach oder Berlin. Stattdessen verwittern die Bauruinen und die ausgehobenen Baugruben wuchern zu. Was steckt dahinter? Wer profitiert davon? Und wieso greift niemand ein?

Drei Jahre lang hat der Journalist und ZEIT-Autor Christoph Twickel zu der Geschichte recherchiert. Er hat dubiose Immobiliendeals und Übernahmen nachverfolgt, um das komplizierte Firmengeflecht rund um die Adler Group zu entwirren. Im Herbst 2021 traf er einen Whistleblower und kam so an brisante Konzernunterlagen. Kurz darauf tat sich Twickel mit Grimme-Preisträger Michael Richter zusammen, um diesen Film zu machen. Aus einer Vielzahl von Indizien, Beweisen und Hintergrundinformationen setzen sie das Puzzle zusammen. Hat Deutschland nach Wirecard den nächsten milliardenschweren Euro-Betrugsfall, diesmal in der Immobilienbranche?

Der Verdacht: Die Adler Group und ihre Tochtergesellschaften verdienen ihr Geld womöglich nicht mit dem Bau von Immobilien, sondern durch Übernahmen, Fusionen und Verkäufen. So erweckt der Konzern den Eindruck, lukrative Projekte anzuschieben und schreibt sich wundersame Wertsteigerungen in die eigenen Bilanzen. Mit den aufgeblasenen Immobilienwerten hat sich Adler Milliarden Euro von Banken, Aktionären und Anleihekäufern zusammengeliehen, während auf den Baustellen kaum etwas passiert ist.

Wer schützt uns vor solchen Machenschaften?

Für diesen Film, den der NDR zusammen mit dem rbb produzierte, sprechen die Autoren mit Betroffenen, Expertinnen und Experten sowie einem Whistleblower. Deren Aussagen bestätigen den Verdacht, dass hinter der Adler Group eine Art Schneeballsystem steht. Lange bestritt das Management jedes Fehlverhalten. Vor zwei Monaten dann der Durchbruch: Ein Bericht der Wirtschaftsprüferinnen und -prüfer von KPMG erhärtet den Verdacht, dass ein dubioser Finanzmanager des Konzerns sich jahrelang bereichert hat. Mehrere Spitzenmanager mussten gehen, der Konzern steht am Abgrund.

Und die dringend benötigten Wohnungen? Ein Baubeginn auf den vielen Adler-Grundstücken scheint ungewisser denn je. Wer schützt uns vor solchen Machenschaften? Die Politik steht der Finanz- und Immobilienbranche oft machtlos gegenüber. Das war auch beim Holstenareal so: Hamburgs damaliger Bürgermeister Olaf Scholz fädelte den Verkauf des Grundstücks ein – danach schien die Politik hilflos dabei zuzusehen, wie es zum Spekulationsobjekt wurde. Auch das Bundesbauministerium oder Aufsichtsbehörden wie die BaFin, die Bundesaufsicht für Finanzdienstleister, haben keine Antworten, wie die Dreharbeiten zu dieser "Story im Ersten", die als NDR/rbb Koproduktion entstand, zeigen.

Der Autor der Doku hat zusammen mit Kolleg:innen vom Radio ein Podcast produziert, in dem er über weitere Hintergründe und auch seine Recherchewege spricht. Weitere Infos auf ndr.de/immobilienpoker oder in der ARD Audiothek unter: https://www.ardaudiothek.de/sendung/ndr-feature-box/31721354/

Ein Film von Michael Richter und Christoph Twickel

Diese Sendung ist nach der Ausstrahlung ein Jahr lang in der ARD Mediathek verfügbar.

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