SENDETERMIN Mo, 17.12.18 | 23:30 Uhr | Das Erste

Die Story im Ersten: Kinderfotos im Netz

PlayPosieren auf dem Kinderbett, Posten bei Instagram: Tausende solcher unbedarft ins Netz gestellter Alltagsbilder werden von Tätern gezielt gesucht und in sexualisiertem Kontext missbraucht. Weiteres Bildmaterial finden Sie unter www.br-foto.de.
Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht | Video verfügbar bis 17.12.2019 | Bild: BR/Peter Janssen / Spiegel TV GmbH

Unbedarft gepostete Alltagsbilder bei Instagram landen unbeobachtet in Fotoblogs von Männern, die sexuelle Fantasien mit Kindern haben und werden dort abscheulich kommentiert; in Chats beliebter Online-Spiele wie "Clash of Clans" bahnen Erwachsene ungehindert sexuelle Kontakte mit Zehnjährigen an.

"Kinder- und Jugendschutz findet derzeit im Internet nicht statt"

Kinder und Jugendliche sind im Internet immer häufiger sexualisierter Gewalt ausgesetzt, ohne dass Industrie und Politik etwas dagegen unternehmen. In der Dokumentation "Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht" hält der Missbrauchsbeauftrage der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig frustriert fest: "Kinder- und Jugendschutz findet derzeit im Internet nicht statt." Gesetzliche Regelungen, die für mehr Schutz sorgen könnten, stammen aus dem Jahr 2003 und sind "der tatsächlichen Entwicklung Jahrzehnte hinterher."

Autor Sebastian Bellwinkel zeigt in seiner 45-minütigen Bestandsaufnahme einen ernüchternden Befund. Es scheint, als habe der große Aufschrei über massive Missbrauchsfälle vor acht Jahren an Canisius-Kolleg, Odenwaldschule und anderen Einrichtungen nichts bewirkt. Aktuell entsteht in der digitalen Welt die nächste Generation Betroffener. Nach einer Studie der Universität Regensburg geben rund 730.000 Erwachsene zu, sexuelle Onlinekontakte zu Kindern unter 14 Jahren zu haben. "Rechnet man konservativ mit zwei bis fünf Kontakten pro Täter, reden wir über weit mehr als drei Millionen betroffene Kinder und Jugendliche", sagt die Psychologin Julia von Weiler vom Verein "Innocence in Danger."

Eltern müssen genauer hinschauen

Die Dokumentation macht deutlich, dass insbesondere Eltern genauer hinschauen und verstehen müssen, wo ihre Kinder im Internet unterwegs sind und wer ihnen dort begegnen kann. Doch oft fehle Eltern die Medienkompetenz. Eine fatale Entwicklung, wie mehrere Experten warnen. Stattdessen posten viele Eltern selbst Fotos ihrer Kinder in sozialen Medien und bieten pädosexuellen Tätern so gratis Bildernachschub.

Ein Beispiel für das Wegsehen von Industrie und Politik ist das Zustandekommen des Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG). Das hatte Justizminister Heiko Maas in der vergangenen Legislatur-Periode auf den Weg gebracht, um Betreiber sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter zu einem aktiveren Vorgehen gegen hetzerische Aussagen zu bringen. Nach dem Referentenentwurf dieses Gesetzes sollten auch Anbieter vieler Online-Spiele dazu gehören. "Das hätte dazu führen können, dass in den Chats geschulte Moderatoren eingesetzt werden, die auch stärker gegen sexuelle Anmache hätten vorgehen müssen", sagt der renommierte Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger. Mit einem Jahresumsatz von zuletzt 3,3 Milliarden Euro verfügt die Games-Branche eigentlich auch über die finanziellen Mittel, sollte man meinen. Die Dokumentation zeigt, wie die Lobby der Onlinespiele-Betreiber Druck gemacht hat, so dass sie schließlich aus dem Gesetz ausgenommen worden sind.

"Ein völlig unterschätztes Problem"

"Cybergrooming (also die Anbahnung sexueller Online-Kontakte von Erwachsenen mit Kindern) spielt im Gaming nicht so eine starke Rolle", behauptet Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbandes. Dem widersprechen zahlreiche Experten, u.a. der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig: "Es ist ein Riesenproblem und es ist ein völlig unterschätztes Problem."

Die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD hat im Koalitionsvertrag zwar angekündigt, pädokriminelle Täter, die im Netz aktiv sind, konsequent zu verfolgen. Doch getan wird dafür bislang nichts. Verantwortliche Ministerinnen wie Katharina Barley (Justiz) und Dorothee Bär (Digitalisierung) verweigerten Interviews für die Dokumentation.

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