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Leonora – Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor

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Leonora – Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor | Video verfügbar bis 09.09.2020 | Bild: NDR

"Dein eigenes Kind geht lieber zu Terroristen, als bei dir zu sein und findet das auch noch cool. Das zieht dir so den Boden unter den Füßen weg!" Als Maik Messings Tochter Leonora im Jahr 2015 plötzlich verschwunden ist, ändert sich alles für den Vater aus Sachsen-Anhalt. Der Film "Leonora – Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor" erzählt mit einer außergewöhnlichen Nähe den verzweifelten Kampf eines Vaters um seine Tochter, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien angeschlossen hat.

Vier Jahre lang weiß Maik Messing nicht, ob seine Tochter Leonora überleben wird. Vier Jahre begleiten Reporter des NDR den Vater – während er – der einfache Bäcker aus der Provinz – syrische Schleuser trifft, mit Terroristen verhandelt und gleichzeitig versucht, in Deutschland weiter ein normales Leben zu führen.

Die Radikalisierung der Tochter geschah unbemerkt 

Von der Radikalisierung seiner 15-jährigen Tochter hatte ihr Vater Maik nichts mitbekommen. Er wusste zwar, dass Leo sich für den Islam interessierte, nicht aber, dass sie bereits vor Monaten konvertiert war. Leo pflegte abgeschirmt ein virtuelles Islamisten-Leben im Internet, auf Facebook und in WhatsApp-Gruppen. "Islam war dann Trend, sag‘ ich mal" erzählt Leonora später den Reportern, "man hat gemerkt, in Deutschland und Großbritannien konvertieren viele zum Islam. Und dann bin ich in eine Facebook-Gruppe reingeraten".

Im analogen Leben las sie im Pflegeheim Seniorinnen und Senioren vor, war Klassensprecherin, hatte einen YouTube-Kanal mit Beauty-Tipps und tanzte als Funkenmariechen im knappen Röckchen auf der Fastnachtssitzung – eine Vorzeigetochter, die sich vor dem Gang in den Hühnerstall fürchtete, weil es dort Mäuse geben könnte. Vor dem Leben im Terrorstaat hatte sie keine Angst.

Nach ihrer Flucht aus Deutschland heiratet Leo den hochrangigen deutschen IS-Terroristen Martin Lemke, der beim IS-Geheimdienst Karriere macht. Über ihn wird ein anderer Rückkehrer später sagen: "Er foltert nicht selbst – er lässt foltern." 

Der Vater am Rand des Selbstmordes

Leos Vater versucht ab 2015 alles, um seine Tochter zurück nach Deutschland zu holen: "Das ist absolute Lebensgefahr. Das ist uns vollkommen klar". Die Rettungsversuche sind schwierig, weil der IS nicht nur die Stadt Rakka, sondern jeden Einzelnen unter Kontrolle hat. Die psychische Anspannung und Belastung führen Maik Messing zwischendurch an den Rand des Selbstmordes: "Du bist gedanklich auf der Leiter und da ist der Strick. Du schaffst das nicht. Und du bist dann einfach an einem Punkt, wo du dir sagst: Ich kann nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus."

Vater Maik Messing mit Leonora in Barcelona 2014.
Vater Maik Messing mit Leonora in Barcelona 2014. | Bild: NDR

Vater und Tochter verbunden durch Sprachnachrichten

Als Drittfrau des IS-Terroristen Lemke lebt Leonora im Zentrum der IS-Hauptstadt Rakka. Sie meldet sich regelmäßig in Audio-Nachrichten und Chats bei ihrer Familie in Deutschland und berichtet aus dem Alltag im selbsternannten Kalifat. "Hallo Papa, ich versuche euch jetzt ein Sprachmemo zu schicken. Und ja, also mir geht es sehr, sehr gut. Wir haben hier eine große Wohnung, sehr groß". Das ändert sich. "Gestern war so schrecklich und richtig viele Bomben. Über 12 Stück. Hatte so noch nie Angst und habe mich nur noch an der Matratze festgekrallt." So verbindet das Handy Tochter und Vater miteinander, und damit die beiden grundverschiedenen Welten: hier die deutsche Provinz, dort das Kriegsgebiet.

Der Film wirft ein Licht auf das Innenleben des Islamischen Staates. Manchmal brutal, manchmal aus der blauäugig-verschobenen Perspektive der Teenagerin Leonora, die auch mal mitten im umkämpften Rakka Helene Fischer hört. 

Ein Film von Volkmar Kabisch, Britta von der Heide, Amir Musawy

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