SENDETERMIN Mo., 20.07.20 | 23:00 Uhr | Das Erste

Story im Ersten: Tiertransporte gnadenlos

PlayTiertransporte oft über tausende Kilometer, unter qualvollen Bedingungen.
Tiertransporte gnadenlos (ab 12 Jahren) - Viehhandel ohne Grenzen | Video verfügbar bis 20.07.2021 | Bild: Animal Welfare Foundation

Eisiger Wind bläst unzählige Schneefäden über die russische Winterlandschaft. Es ist acht Uhr früh, die Sonne schiebt sich langsam durch die Wolken, als zwei Lastwagen eine Sammelstelle bei Smolensk an der weißrussisch-russischen Grenze verlassen. An Bord jeweils mehr als 30 deutsche Kühe aus Brandenburg – hochträchtig. Der Export soll angeblich dem Aufbau einer Zucht dienen. Ziel der Reise: Usbekistan. Bis dahin sind es noch mehr als 4000 Kilometer. Was die Fahrer nicht wissen: Die Lkw werden von Tierschützern der deutschen Organisation Animals Angels begleitet. Helana Bauer und ihre Mitstreiter sind auf solche Einsätze spezialisiert. Tagelang werden sie den Lkw folgen. Und auch dieses Mal feststellen, dass die Fahrer nicht anhalten, an Versorgungsstellen vorbeifahren bis zu ihrem Ziel in Usbekistan. Am Ende stehen die Tiere in ihren eigenen Exkrementen, vollkommen erschöpft.

Ein „Abfallprodukt“ der Milchwirtschaft: Männliche Kälber, die ins Ausland exportiert werden.
Ein "Abfallprodukt" der Milchwirtschaft: Männliche Kälber, die ins Ausland exportiert werden. | Bild: Animal Welfare Foundation

Auch in Marokko wird eine deutsche Kuh verkauft – und grausam geschlachtet

Ein ähnlicher Fall Wochen später, diesmal sind die Tierschützer in Marokko unterwegs. Sie besuchen Viehmärkte bei Marrakesch und Casablanca. Hier werden Kühe verkauft, vor allem Schlachtvieh. Auch hier werden die Aktivisten von Animals Angels fündig. Sie entdecken eine Kuh, deren Ohrmarke auf einen Hof bei Hannover verweist. Vor wenigen  Monaten wurde sie nach Marokko exportiert und wird nun auf dem Viehmarkt in Marrakesch verkauft. Noch am gleichen Tag landet sie in einem nahen Schlachthof, wo sie auf grausame Weise geschächtet wird: die Halsschlagader wird aufgeschnitten, bei vollem Bewusstsein des Tieres. Eine grausame und in Marokko übliche Praxis. Die Leute von Animals Angels sind empört. Sie vermuten: Die Kuh war nicht zur Zucht, sondern von vornherein als Schlachttier vorgesehen.  

Viehmarkt in Marokko.
Viehmarkt in Marokko: Hier haben Tierschützer eine Kuh aus Hannover entdeckt, die später qualvoll geschlachtet wird. | Bild: SWR

Die Dokumentation konfrontiert Politiker in Berlin und Brüssel

Mehr als 30.000 Rinder werden jedes Jahr angeblich zu Zuchtzwecken in Länder außerhalb der EU exportiert. Tierschutzexperten wie Iris Baumgärtner von der Organisation Animal Welfare Foundation beklagen, dass der Tierschutz bei solchen Exporten kaum zu überprüfen sei. Und darum finde er so gut wie nicht statt. Wie kann das sein? ARD-Filmemacher Edgar Verheyen hat solche Transporte gemeinsam mit Tierschützern nach Asien, nach Nordafrika und quer durch Europa begleitet. Er hat nicht nur grausame Zustände dokumentiert, er fragt auch nach den Ursachen, konfrontiert Politiker in Brüssel und Berlin sowie Verantwortliche in Industrie und Landwirtschaft.

Sein Fazit: Hier werden auf grausame Weise, ohne Rücksicht auf die Kreatur bei großer Hitze und extremer Kälte Tiertransporte durchgeführt, bei denen sich Spediteure und Viehhändler vielfach über geltendes Recht einfach hinwegsetzen. Eine aufrüttelnde Reportage. 

Ein Film von Edgar Verheyen

NRW stoppt Tiertransporte
Das nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerium untersagt vorerst, Langstrecken-Transporte von Rindern in Länder außerhalb der EU. Das Ministerium teilte mit, derzeit sei nicht sicher, dass bei den Transporten der Tierschutz eingehalten werde. Die Entscheidung steht offenbar in Zusammenhang mit der ARD-Dokumentation "Tiertransporte gnadenlos".
(Stand: 22.7.2020)

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