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Die Story im Ersten: Tödliches Erbe

PlayNoch immer werden Giftgasgranaten in Deutschland gefunden. Ihre tödliche Gefahr haben sie auch 75 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg nicht eingebüßt.
Tödliches Erbe | Video verfügbar bis 17.08.2021 | Bild: Radio Bremen

Tabun, Sarin, Phosgen, Senfgas: erfunden, um grausam zu töten. Sorglos entsorgt, als die großen Kriege verloren waren. Bis heute gibt es mindestens 200 Orte in Deutschland, an denen chemische Kampfstoffe lagern, sagen Kampfmittelräumer. Einfach verscharrt oder versenkt, werden sie zur korrodierenden Zeitbombe. Denn die vergangenen 100 Jahre seit dem Ende des Ersten Weltkriegs hat die Politik vor allem eines getan: das tödliche Erbe verdrängt. Denn dieses Erbe zu bergen, das würde Milliarden verschlingen.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg war Deutschland einer der größten Chemiewaffenhersteller der Welt. Beängstigende Stoffe mit Namen wie Tabun, Sarin, Phosgen, Clark oder S-Lost (Senfgas) wurden in riesigen Stückzahlen produziert. Das Ziel: den Feind auf besonders grausame Art und Weise zu töten oder zu demoralisieren. Nach den Kriegen sollten die chemischen Kampfstoffe sowie Fabriken und Füllstellen möglichst schnell beiseitegeschafft werden. Was genau geschah, wurde in den chaotischen Nachwirren der Weltkriege an vielen Orten häufig nicht schriftlich festgehalten oder fotografisch dokumentiert.

Ein Polizeikonvoi begleitet die geborgenen Giftgasgranaten zur Entschärfung durch die niedersächsischen Wälder.
Ein Polizeikonvoi begleitet die geborgenen Giftgasgranaten zur Entschärfung durch die niedersächsischen Wälder. | Bild: Radio Bremen

Das vermutlich "giftigste Loch der Welt" liegt in der Lüneburger Heide

Einer der unheimlichsten Orte ist der Dethlinger Teich bei Munster in der Lüneburger Heide. Er gilt unter Fachleuten als das vermutlich "giftigste Loch der Welt." Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von den britischen Besatzern, aber auch von deutschen Behörden, einfach alles wahllos in den Teich geworfen, was im Umkreis der dortigen Chemiewaffenfabriken und des sogenannten Beutelagers zu finden war. Wie viele chemische Waffen versenkt wurden, ist bis heute unbekannt. Fest steht nur: Es waren viele Tausende. Dokumentiert wurde fast nichts. Später wurde der Teich einfach zugeschüttet. Erst jetzt – 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – haben Behörden, auch aufgrund von Protesten, den Mut und die Entschlossenheit, den Teich unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zu öffnen. Schon nach kurzer Zeit zeigt sich: Es ist noch weit schlimmer als befürchtet.

Doch der Dethlinger Teich ist nur einer von vielen bedrückenden Orten, die in Deutschland noch immer ein dunkles, hochgiftiges, oft gefährliches Geheimnis bergen. Denn man findet die Reste der todbringenden chemischen Rüstungsindustrie noch im gesamten Bundesgebiet. Wer glaubt, dass diese Orte alle bewacht oder behördlich geschützt sind, irrt.

Unzählige LKW-Ladungen mit chemischen Kampfstoffen wurden nach dem zweiten Weltkrieg in den Dethlinger Teich gekippt.
Unzählige LKW-Ladungen mit chemischen Kampfstoffen wurden nach dem zweiten Weltkrieg in den Dethlinger Teich gekippt. | Bild: Radio Bremen

Der Film zeigt Orte, an denen mehr als nur kleine Spuren der weltweit geächteten Waffen bis heute zu finden sind. Dazu gehören einsame Ruinen in verlassenen Wäldern genauso wie Wohngebiete mitten in deutschen Großstädten. Oft wurden auf kontaminierte Flächen nämlich einfach Häuser oder andere Gebäude gebaut. Und auch heute scheint das nicht ausgeschlossen.

Es gibt kein flächendeckendes Lösungskonzept

Eindrücklich zeigt der Film, dass es kein klares Konzept gibt, wie das Problem flächendeckend und umfassend gelöst werden kann. Der Bund schiebt die Verantwortung den Ländern zu. Vielversprechende Ansätze, die es im Laufe der Zeit immer mal wieder gibt, verlaufen am Ende im Sande.

Die wenigen kritischen Stimmen, die das Problem anprangern, werden nicht gehört. Die Politik möchte von alledem nämlich eigentlich gar nichts wissen. Dennoch, die Fachleute sind sich einig: Wenn wir das Problem jetzt nicht angehen, wird es immer gefährlicher und noch viele zukünftige Generationen beschäftigen.

Ein Film von Frido Essen

Eine Bremedia Produktion von Radio Bremen für Das Erste

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