SENDETERMIN Mo., 02.03.20 | 22:45 Uhr

Die Story im Ersten: Treuhand – Ein deutsches Drama

PlaySiemens-Werk in Görlitz
Treuhand - ein deutsches Drama | Video verfügbar bis 02.03.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Treuhand - das Wort ist bis heute emotionsgeladen: im Osten mehr wegen vermeintlich durch sie erfahrener Ungerechtigkeiten, im Westen wegen vermeintlich verschleuderter Milliarden. Wann immer heute Ost-Westvergleiche in Wahlergebnissen, Wirtschaftskraft oder Lebensbedingungen angestellt werden – die Treuhandanstalt soll für diese Unterschiede verantwortlich sein. Und tatsächlich offenbart sich bei genauer Betrachtung ein durchaus erstaunlicher Einfluss der vor 30 Jahren entstandenen Institution auf das heutige Ost-West-Klima.

Axel Aumueller
Axel Aumueller, Vorstand des zum Teil aus ehemaligen "Volkseigenen Betrieben" bestehenden Nordzucker-Konzerns. | Bild: MDR/Hoferichter&Jacobs

Der Film führt in die höchsten Etagen der Frankfurter Skyline, aber auch tief in die Berge der Treuhandakten im Bundesarchiv. Die sollen endlich Aufschluss geben, ob die Institution ihren Ruf zurecht verdient. Einen Teil dieser Akten, die heute nach langjähriger Schutzfrist zugänglich sind, können die Filmemacher erstmals analysieren. Sie helfen, dem Mythos Treuhand auf die Spur zu kommen.

Deutschland im Jahr 2020 - von der Treuhand geprägt?

Wie sehr wird Deutschland im Jahr 2020 tatsächlich noch von der Treuhand geprägt? Ist die gefühlte Spaltung im Land tatsächlich von der Einrichtung angelegt, die vor genau 30 Jahren zum Hauptakteur und Maschinenraum der wirtschaftlichen Wiedervereinigung wurde?

Bettina Degner
Professorin Bettina Degner lehrt Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik. Sie hat sich dafür eingesetzt, die Ausstellung "Schicksal Treuhand – Treuhand-Schicksale" auch in die alten Bundesländer zu holen. | Bild: MDR/Hoferichter&Jacob

Vier Jahre existierte die Treuhand von 1990 an. Sie sollte mit großer Geschwindigkeit die ostdeutsche Wirtschaft von der Plan- in die Marktwirtschaft überführen. Mit jedem Jahr ihrer kurzen Existenz verschlechterte sich ihr Image und nach ihrem Ende hat sich diese Entwicklung offenbar noch verstärkt. Dabei hat die Treuhand trotz erheblicher Skandale und Betrügereien die ihr gestellte Aufgabe in kürzester Zeit erfolgreich abgeschlossen.

Ein gesamtdeutsches Thema

Negative Erfahrungen haben dabei vor allem ältere Ostdeutsche, während die meisten jüngeren Westdeutschen die Treuhand nicht einmal kennen. Dabei ist die Treuhand bei Weitem kein ostdeutsches Thema. Scharen von Beamten, Juristen, Gutachtern und Insolvenzverwaltern leisteten damals "Aufbauarbeit" im Osten und starteten ihre Karrieren in der einstmals größten Staatsholding.

Protest gegen die Treuhand in Berlin
Thüringen im Jahr 1992: Knapp 1500 Beschäftigte der Hermsdorfer Tridelta AG protestieren wie viele Arbeitnehmer im Osten in dieser Zeit gegen die Privatisierungspolitik der Treuhandanstalt. | Bild: dpa-Bildarchiv / Jan-Peter Kasper

Die Treuhandanstalt war ein einmaliges Versuchslabor der deutschen Wirtschaft, dominiert von westdeutschen Strukturen und Netzwerken mit politischen Vorgaben, die vor allem den westdeutschen Markt im Blick hatten. Ostdeutsche Spezifik über die Maßen zu berücksichtigen oder zu erhalten war nicht vorgesehen und zeitlich schlichtweg unmöglich.

Noch heute ist die Treuhand Wahlkampfthema im Osten

Und genau jenes Tempo scheint sich in der Nachbetrachtung zu rächen und ein Teil der Erklärung zu sein, warum die Treuhand bis heute "ein deutsches Drama" geblieben ist. Sie wird zum Wahlkampfthema in ostdeutschen Regionen, die sich bis heute nicht von den wirtschaftlichen Folgen der Abwanderung erholt haben und auch Beteiligte fragen sich heute, ob es nicht auch andere Wege gegeben hätte.

Heute, 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, gehen Tom Fröhlich und Michael Schönherr auf Spurensuche in ganz Deutschland: in Unternehmen, die bis heute von der Treuhand profitieren und in die Regionen, die nach der Abwicklungen der alten DDR-Betriebe bis heute wirtschaftlich abgehängt sind und wo viele das Vertrauen in Marktwirtschaft und Demokratie verloren haben.

Ein Film von Tom Fröhlich und Michael Schönherr

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