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Was Deutschland bewegt: Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln

Folge 3

PlayKind im Kinderzimmer
Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln | Video verfügbar bis 14.05.2019 | Bild[1]: dpa

Neun Rippenbrüche, Hämatome an Armen und Beinen – da war die kleine Lilly (Name geändert) keine drei Monate alt. Die Eltern konnten sich das angeblich nicht erklären. Für die Rechtsmediziner war es offensichtlich: Das Baby wurde schwer misshandelt. Das Jugendamt nahm Lilly sofort in Obhut. Lilly ist kein Einzelfall. Knochenbrüche, ausgeschlagene Zähne, Verbrennungen. Mehr als 20.000 schwere Misshandlungen von Kindern zählt die Kriminalstatistik jährlich. Für 143 Kinder endeten die Leiden im vergangenen Jahr tödlich. Das ist nur die Spitze des Eisberges, die Dunkelziffer ist hoch. Viele Misshandlungen bleiben unerkannt.

Schwachstellen im Kinderschutzsystem?

Und immer mehr Kinder werden zu Opfern ihrer gewalttätigen Eltern. Woran liegt das? Wo liegen die Schwachstellen im Kinderschutzsystem? Im Zentrum der Kritik stehen oft die Jugendämter. Was es am Ende für die Kinder heißt, wenn das Jugendamt zu spät kommt, stand in den Schlagzeilen über Zoe, Lara Mia oder Siri: Totgeprügelt, verhungert, zu Tode gequält. Wie aber sieht es im Innern der Behörde aus? Weil jede Kommune selbst entscheiden kann, wie sie ihr Jugendamt ausstattet, gibt es für den Kinderschutz keine Standards. Mitarbeiterinnen des Jugendamtes Berlin Mitte sahen keinen Ausweg, als weiße Laken aus den Fenstern zu hängen. Kapituliert der Kinderschutz?

Exklusiv wertet die Doku Ergebnisse einer Studie der Hochschule Koblenz aus, für die bundesweit Mitarbeiterinnen in Jugendämtern befragt wurden: Sind Arbeitsüberlastung und schlechte personelle, räumliche und technische Ausstattung die Ausnahme oder die Regel? Die Dokumentation zeigt, wie der Alltag im deutschen Kinderschutz aussieht. Montags häufen sich Notrufe beim Kinderschutzteam von Berlin Mitte. Die Polizei, übergibt die Misshandlungsanzeigen vom Wochenende an das Jugendamt. Jetzt sind schwerwiegende Entscheidungen zu treffen – immer unter Zeitdruck: Ist es richtig, ein Kind sofort aus der Familie zu nehmen, oder gibt es noch eine Chance, auf das Verhalten der Eltern einzuwirken? Um das Kind zu schützen, sehen sie eine Inobhutnahme immer als das letzte Mittel. Denn viele Kinder leiden trotz allem unter der Trennung. Aber Fehlentscheidungen, selbst ein aufgeschobener Hausbesuch, können Kinder das Leben kosten.

Einblicke in die Arbeit des Kinderschutzteams

Ein Druck, den viele Sozialarbeiterinnen nicht aushalten und die verantwortungsvolle Arbeit lieber aufgeben. Katrin Meyer und ihre Kolleginnen vom Kinderschutzteam gewähren offene Einblicke in ihre Arbeit mit den Familien: Blitzeinsätze, manchmal zusammen mit der Polizei um ein Kinderleben zu retten, aber auch regelmäßige Hausbesuche, Gespräche mit den Eltern, Hilfsangebote für die Erziehung. Kann das immer gut gehen, fragen sie, wenn eine Sozialarbeiterin bis zu 90 Familien gleichzeitig betreut? Für den Schutz der Kinder sind nicht die Jugendämter allein zuständig. Die Autorinnen sahen sich auch Kinderschutzambulanzen und Arztpraxen an, sie befragten Juristen, Rechtsmediziner und Polizeibeamte.

Wie lässt sich das Kinderschutzsystem verbessern?

Sehen Kinderärzte immer genau genug hin? Sind Familienrichter immer ausreichend qualifiziert, um über so lebensentscheidende Maßnahmen zu urteilen, wie die Rückkehr eines Kindes in die Familie oder den Verbleib bei Pflegeeltern? Nein, sagt Stefan Heilmann, Richter am Oberlandesgericht Frankfurt, und fordert verpflichtende Fortbildungen. Denn Eltern, die ihren Kindern Gewalt antun, sind Meister im Verdrängen und im Vertuschen.

Die Doku zeigt, dass Berlin Mitte kein Einzelfall ist. Auch in Wiesbaden zum Beispiel haben die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes mit mangelnder Ausstattung und fehlendem Personal zu kämpfen. Trotz aller Hindernisse aber bemühen sie sich um Unterstützung der gesamten Familien, denn selbst, wenn Eltern zu Tätern wurden, kann es im Einzelfall für die Kinder besser sein, sie nicht aus der Umgebung zu reißen. Am Beispiel von Frau W., die bereit ist, über ihr Versagen, ihre Überforderung und das Leid ihres Kindes zu sprechen, wird klar, welche Möglichkeiten zur Hilfe es gibt. Sie hatte sich total überfordert gefühlt und zugeschlagen, aber noch schlimmer war es, als das Jugendamt ihr das Kind wegnahm. Über das Jugendamt kann sie Kontakt zu ihrem Kind halten, das jetzt bei Pflegeeltern lebt. Sie kommt regelmäßig zur Beratung und hofft, ihrem Kind irgendwann selbst wieder den Schutz geben zu können, den es braucht.

Ein Film von Christine Rütten, Petra Boberg und Dominik Nourney

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