SENDETERMIN Mo., 15.06.20 | 23:45 Uhr | Das Erste

Wir schicken ein Schiff

Seenotrettung im Auftrag der Kirche

PlayDer Ratspräsident im Gespräch mit den Seenotrettern von Sea Watch, persönliche Begegnungen haben seinen Blick auf die Geschehnisse auf dem Mittelmeer geschärft.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm steht an Deck des neuen Schiffs "Sea Watch 4". Es ist Februar 2020. Der Kirchenmann steht an der Seite von Seenotrettern auf dem 61 Meter langen Forschungsschiff, das nun eine neue Bestimmung erhalten soll. Im Namen der Evangelischen Kirche soll dieses Schiff umgebaut werden und schon bald im Mittelmeer Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten. Anschließend sollen die Geflüchteten in einen sicheren Hafen gebracht werden, so wollen es die Initiatoren des neuen Bündnisses "United4rescue", das neben der evangelischen Kirche von vielen gesellschaftlichen Gruppen getragen wird.

"Das ist unwürdig für Europa"   

Exemplarisch handeln, um Politik zu verändern, das ist aus Sicht des Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm die Zukunft der Evangelischen Kirche. Seine Worte klingen für manche ungewohnt deutlich: "Europa verliert seine Seele, wenn es an dieser Stelle nicht den eigenen Grundorientierungen gemäß handelt und dazu gehört eben, dass man sich nicht einfach abschottet und sagt, die Menschen in Not sollen von ganz anderen Ländern versorgt werden, unabhängig davon, wie dort die Menschenrechtssituation ist. ‚Hauptsache nicht bei uns`. Das ist keine christliche Haltung. Das ist unwürdig für Europa."   

Die Sea Watch 4 auf dem Weg durch die Nord-Ostseekanal. Das Ziel: Der Heimathafen Buriana in Spanien. Etwa zwei Wochen dauert die Überfahrt.
Die Sea Watch 4 auf dem Weg durch die Nord-Ostseekanal. Das Ziel: Der Heimathafen Buriana in Spanien. Etwa zwei Wochen dauert die Überfahrt.

Was der Ratsvorsitzende im Sommer 2019 auf Veranlassung einer Initiative auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund angestoßen hat, hat eine Gruppe Engagierter aus Kirche und Nichtregierungsorganisationen umgesetzt. Im November 2019 gründen sie den Verein "United4rescue".

Kontroverse Entscheidungen

Drei Monate später ist ein Schiff gekauft und wird auf den Namen "Sea Watch 4" getauft. Bis heute haben sich hunderte Vereine und große Organisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" oder der Deutsche Gewerkschaftsbund dem Bündnis angeschlossen. Die Filmemacher begleiteten die Initiatoren des Bündnises "United4rescue" unter der Federführung der Evangelischen Kirche von der ersten Idee bis zum Auslaufen des neuen Schiffs. Mit dabei ist auch Michael Schwickart aus Hamburg. Er ist Unternehmer und Aktivist bei Sea Watch. Er betont: "Wir haben ja nicht umsonst eine Genfer Flüchtlingskonvention und eine Menschenrechtskonvention unterschrieben. Wollen wir uns davon verabschieden? Da gibt es klare Regeln. Das sind Rechte für die unsere Vorfahren gekämpft haben. Dafür ist viel Blut vergossen worden und das bin ich nicht bereit einfach aufzugeben." 

Jedes ziviles Rettungsschiff braucht ein Bordhospital, denn häufig kommen die Geflüchteten dehydriert und entkräftet an Bord. Sofortige intensivmedizinische Behandlung muss sichergestellt sein. Manchmal bekommen Frauen auch ihr Kind auf dem Rettungsschiff.
Jedes ziviles Rettungsschiff braucht ein Bordhospital, denn häufig kommen die Geflüchteten dehydriert und entkräftet an Bord.

Der Film dokumentiert die kontroversen Entscheidungen rund um das neue Rettungsschiff und zeichnet nach, was gleichzeitig auf dem Mittelmeer passiert und wie die europäischen Behörden gegenüber den schiffbrüchigen Flüchtlingen agieren. Die Dokumente zeigen unter anderem, wie im Februar 2020 ein Boot mit etwa 90 Menschen auf dem Meer verschwindet, nachdem europäische Behörden trotz empfangener Notrufe eine Rettung unterlassen haben. Der renommierte Europarechtler Professor Jürgen Bast von der Universität Gießen kommt in seiner Bewertung zu einem klaren Ergebnis: "Mit dieser Politik verabschieden wir uns von einem wesentlichen Grundwert der Europäischen Union, nämlich der Achtung der Menschenrechte."

Der Film fragt nach, wie legitim es ist, dass gesellschaftliche und kirchliche Akteure die Seenotrettung übernehmen, wenn Europa die Menschenrechtskonvention und das Völkerrecht auf dem Mittelmeer nicht mehr wahrt.

Ein Film von Lara Straatmann

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