SENDETERMIN Mo, 11.06.18 | 22:45 Uhr | Das Erste

Unter Pädophilen

Folge 6

PlayRabiat-Reporter Manuel Möglich (links) unterhält sich mit dem Arzt Hannes Gieseler
Unter Pädophilen | Video verfügbar bis 11.06.2019 | Bild: Radio Bremen / Matthias Bär

Rund 250.000 Männer in Deutschland sind pädophil, so die Weltgesundheitsorganisation. Sie stuft Pädophilie als Störung der Sexualpräferenz ein. Andere Stimmen sprechen von einer sexuellen Neigung. Auf jeden Fall ist es ein Thema, das extrem emotional ist. Und es ist ein Tabu, bei dem schnelle Antworten Konjunktur haben.

Rabiat-Autor Manuel Möglich stellt die Frage, wie kann, soll, muss die Gesellschaft mit Pädophilen umgehen, und macht sich in der Reportage "Unter Pädophilen" auf eine herausfordernde Reise, um herauszufinden, wie Pädophile denken, fühlen. Dabei lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer den 60-jährigen Georg kennen. Er bekennt sich zu seiner Pädophilie, will sich nicht länger verstecken, denn er will etwas gegen die Stigmatisierung von Pädophilen unternehmen, dem Diskurs ein Gesicht geben und aufklären. Nicht jeder Pädophile wird zwangsläufig zum "Kinderschänder", so Georg. Dabei waren seine Handlungen nicht immer frei von Schuld: Vor etlichen Jahren wurde Georg wegen des Besitzes von Kinderpornographie zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung und zu einer Geldstrafe verurteilt. Es war ein Urteil, das heftig wehtat, sagt Georg. Doch in Anbetracht der Bilder, die er auf seinem Rechner hatte, sei seine Strafe zu milde gewesen. Er weiß heute: Er war Täter. Er weiß heute: Der Konsum von Missbrauchsabbildungen ist Missbrauch. Und er weiß auch: Er ist kein Opfer, Georg sucht nicht nach Mitleid.

Was bedeutet Pädophilie

Rabiat-Reporter Manuel Möglich spricht mit Chris, einem von drei Pädophilen in der Reportage
Rabiat-Reporter Manuel Möglich spricht mit Chris, einem von drei Pädophilen in der Reportage. | Bild: Radio Bremen / Matthias Bär

Pädophile sind per se keine Kindermissbraucher – zu dem Ergebnis kommt die Psychologin Dr. Janina Neutze von der Abteilung für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Regensburg. Sie leitet die MIKADO-Studie (Missbrauch von Kindern: Aetiologie, Dunkelfeld, Opfer) und weiß, dass zwar in der Wahrnehmung der meisten Menschen die Begriffe Pädophilie und Kindesmissbrauch unmittelbar verknüpft sind, doch faktisch betrachtet handelt es sich um zwei unterschiedliche Phänomene. "In den MIKADO-Studien haben wir bestätigen können, dass ungefähr die Hälfte derer, die Kindesmissbrauch begehen, keine Phantasien mit Kindern haben. Umgekehrt haben viele von denen, die Phantasien haben, noch lange keinen Kindesmissbrauch begangen."

Nicht die Neigung, sondern das Verhalten kann verurteilt werden. Dennoch: Männer, die ausschließlich Phantasien mit Kindern haben, sind deutlich risikobehafteter, ihre Phantasien tatsächlich umzusetzen. An der Berliner Charité kann beim Präventionsprojekt "Kein Täter werden" niemand verbindlich Antwort geben, ob Pädophilie angeboren, vererbbar ist oder ob sie aus Erfahrungen in der Kindheit der Betroffenen herrührt. Seit der Gründung des Präventionsprojektes im Jahr 2005 haben sich ca. 9.500 Menschen aus dem Bundesgebiet an das Netzwerk gewendet; 3.000 haben diagnostische Gespräche geführt und sich auf Pädophilie untersuchen lassen. Auch Rabiat-Reporter Manuel Möglich macht bei Hannes Gieseler von der Charité den Test und bekommt einen Einblick, welchen Fragen sich Männer bei dem Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" stellen.

"Kein Täter werden"

Max (17) hatte im Alter von 13 Jahren Missbrauchsabbildungen runtergeladen. Zusammen mit seinem Vater trifft er Rabiat-Reporter Manuel Möglich.
Manuel Möglich spricht mit Max. | Bild: Radio Bremen / Andy Lehmann

Max, für den das Charité-Angebot für Jugendliche "Du träumst von ihnen" eine essentielle Hilfe darstellt, um den Alltag zu ordnen, hätte ohne Therapie vermutlich nur schwer Klarheit über seine Sexualität und Lebensrealität bekommen. Die Diagnose Pädophil wird jungen Menschen frühestens im Alter von 16 Jahren erteilt. Die Behörden wurden auf den damals 13-Jährigen aufmerksam, weil er sich Missbrauchsabbildungen im Internet heruntergeladen hatte. Max und sein Vater, der als erstes verdächtigt wurde, erzählen, was es mit einer Familie macht, wenn sich ein Teenager von deutlich jüngeren Kindern sexuell erregt fühlt. "So wie die Präferenz nicht heilbar ist", sagt Max "ist auch das Risiko nicht völlig ausschließbar. Das weiß ich, aber ich gebe mir Mühe, dass es dazu nicht kommt."

Chris, Anfang 30, ist sich seiner pädophilen Neigung bewusst, steht Therapieangeboten allerdings kritisch gegenüber. Er wisse, sich so zu verhalten, wie es die Gesellschaft verlange: "Wer sich nicht benehmen kann und nicht vernünftig im Kopf ist, der wird – auch wenn er heterosexuell ist – Mist bauen und Menschen Schaden zufügen. Ich bin kein Arschloch!" Ein Sex-Angebot mit einem Kind in Deutschland, das ihm einst unterbreitet wurde, lehnte er vehement ab. Seine Phantasie muss ihm genügen, er sei sich dessen auch ohne eine einzige Therapiestunde äußerst bewusst, er lebe mit sich und seiner Neigung im Reinen.

Ein schwieriges Thema

"Unter Pädophilen" ist eine 45-minütige Begegnung mit Pädophilen und Experten. Kann man so ein Thema differenzieren, mehr Nuancen als weiß und schwarz ausmachen? Ob nun Störung oder Neigung, keiner der drei betroffenen Protagonisten in der Reportage hat sich bewusst dafür entschieden, pädophil zu werden. Die letzte Folge der ersten Rabiat-Staffel ist eine Reportage, in der das eigene Unvermögen des Autors Manuel Möglich im Umgang mit diesem Thema spürbar ist. Die Frage, die am Ende offen bleibt: Wie soll eine Gesellschaft mit Pädophilen umgehen?

Ein Film von Manuel Möglich

Andere Sendungen

59 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.