Faktencheck zu "Ärzte klagen an"

Sendung vom 11.09.2019

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Bernhard Albrecht, Eckart von Hirschhausen, Karin Maag, Jana Langer, Maike Manz, Gerald Gaß
Die Gäste (v.l.n.r.): Bernhard Albrecht, Eckart von Hirschhausen, Karin Maag, Jana Langer, Maike Manz, Gerald Gaß | Bild: WDR / Max Kohr

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Werden lukrative Operationen häufiger als nötig durchgeführt?
  • Werden Patienten aus wirtschaftlichen Gründen länger als nötig beatmet?

Werden lukrative Operationen häufiger als nötig durchgeführt?

Zentraler Streitpunkt unserer Sendung war die Frage, ob viele Operationen allein aufgrund wirtschaftlicher Anreize durchgeführt werden, obwohl sie aus medizinischer Sicht vermeidbar wären. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Gerald Gaß gab zu, dass die Zahl der Operationen in Deutschland zuletzt gestiegen sei. Auf wirtschaftliche Ursachen lasse sich diese Entwicklung jedoch nicht zurückführen. Der "stern"-Wissenschaftsredakteur Bernhard Albrecht widersprach und führte ein Gutachten an, welches einen Zusammenhang zwischen der Lukrativität eines Eingriffs und dessen Häufigkeit belege.

Finanzielle Anreize: Wird in Deutschland zu häufig operiert?

Gaß: "Es ist in der Tat so, wir haben etwas höhere Operationsraten in einigen Gebieten, die Sie aufgezählt haben. Das hat viele Gründe. Der erste Grund – und den halte ich medizinisch für absolut begründet – ist: Deutschland ist das zweitälteste Volk der Welt, nach Japan. Und mit Alter ist auch medizinischer Versorgungsbedarf verknüpft. Deswegen haben wir auch mehr Krankenhausfälle. (…) Wir haben einen sehr guten Zugang, wir haben kaum Wartezeiten. Man kann das kritisieren, dass wir zu viele Krankenhäuser oder vielleicht auch zu viele Ärzte haben. Aber das führt dazu in unserem System, dass Menschen – anders als beispielsweise in Großbritannien – auch im hohen Alter einen schnellen Zugang haben und in der Lage sind, auf Operationen zuzugreifen."

(…)

Albrecht: "Aber es gibt ja ein großes Gutachten, das Sie selber finanziert haben. Das sogenannte Mengengutachten. Das ist auch eine der größten Untersuchungen der vergangenen 19 oder 16 Jahre. Und in der wurde genau nachgewiesen, dass Operationen, die finanziell attraktiv sind, häufiger durchgeführt werden. (…) Ich habe heute früh extra noch in Vorbereitung auf dieses Gespräch mit den Autoren darüber gesprochen: Die DKG (Deutsche Krankenhausgesellschaft, Anm. d. Red.) hat dieses Gutachten nicht richtig interpretiert. Und die Krankenkassen haben es völlig anders interpretiert."

Stimmt das? Werden lukrative Operationen häufiger als nötig durchgeführt?

Nachdem die Fallzahlen in deutschen Krankenhäusern zwischen 2007 und 2012 nachweislich um etwa acht Prozent auf 18,6 Millionen angestiegen waren, forderte die damalige schwarz-gelbe Regierung die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) auf, ein Gutachten in Auftrag zu geben, das Erkenntnisse über die Ursachen liefern sollte. Wissenschaftler des Hamburg Center for Health Economics sowie der Technischen Universität Berlin führten diesen sogenannten "Forschungsauftrag zur Mengenentwicklung" durch. Im Juli 2014 lag das Ergebnis schließlich vor.

"Die in den Jahren von 2007 bis 2012 beobachtete Fallzahlentwicklung könnte durch eine Vielzahl von Einflüssen verursacht sein, die sich auf Veränderungen der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen sowie auf Veränderungen des Angebots von Gesundheitsleistungen zurückführen lassen", so das Fazit der Gutachter. Die Ursachen für den Anstieg der Fallzahlen seien komplex und nicht eindeutig voneinander zu trennen. Dass der Leistungszuwachs in den Kliniken eindeutig medizinisch begründet sei, wie die DKG das Resultat anschließend in einer Pressemitteilung deutete, bestätigt das Gutachten in dieser Deutlichkeit nicht. Tatsächlich erkannten die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen der Veränderung der DRG-Gewichte, also dem Wert einer erbrachten Krankenhausleistung, und der Veränderung der Fallzahlen: Erhöhte sich das DRG-Gewicht um einen Prozent, stiegen die Fallzahlen im Krankenhaus durchschnittlich um 0,2 Prozent pro Jahr an. Dies sei jedoch zunächst als normale Marktreaktion zu werten: Das Angebot reagiere üblicherweise auf eine Veränderung von Marktpreisen, was auch in anderen Branchen zu beo­bachten sei. Für genauere Erkenntnisse müssten weitere Analysen durchgeführt werden. Eine Aussage darüber, ob die Veränderung der Fallzahlen über das medizinisch notwendige Maß hinausgegangen sei oder nicht, sei auf Grundlage des Gutachtens letztlich nicht zulässig, so die Autoren.

Prof. Dr. Gerd Glaeske, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen
Prof. Dr. Gerd Glaeske, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen | Bild: Photothek / Raphael Huenerfauth

Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen betrachtet das Abrechnungssystem jedoch weiterhin kritisch. Er nennt ein Beispiel, das einen Zusammenhang zwischen finanziellem Anreiz und der Häufigkeit des Eingriffs nahelegt – gleichwohl er auch in diesem Fall nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann:

"Zum Beispiel Herzklappen-OPs am offenen Herzen oder als Katheter-gestützte OP, bei der der Brustkorb nicht eröffnet werden muss (TAVI). Für die offene OP werden rund 14 000 Euro bezahlt, für die TAVI 37 000 Euro. Und die letztgenannte OP wird immer häufiger durchgeführt, auch von Krankenhäusern, die nicht unbedingt eine hohe Kompetenz in diesem Bereich haben, sodass manche Patienten mit einem Herzschrittmacher entlassen werden müssen. Die finanziellen Anreize bestimmen zumindest die Entscheidungen für eine OP mit – und diese Anreize tragen auch dazu bei, dass die Indikationen für eine OP heute eher oder auch schneller gestellt werden."

Fazit: Werden in Deutschland zahlreiche Operationen aufgrund wirtschaftlicher Anreize durchgeführt, obwohl sie medizinisch vermeidbar wären? Das war eine der strittigen Fragen unserer Sendung. DKG-Präsident Gerald Gaß gab zu, dass die Fallzahlen in deutschen Krankenhäusern in den vergangenen Jahren gestiegen seien, ökonomische Beweggründe seien hier jedoch nicht ausschlaggebend. "stern"-Journalist Bernhard Albrecht entgegnete mit Bezug auf ein ausführliches Gutachten, dass ein Zusammenhang zwischen Lukrativität und Häufigkeit gewisser Eingriffe klar erkennbar sei. Tatsächlich hat die ehemalige schwarz-gelbe Bundesregierung angesichts gestiegener Fallzahlen ein solches Gutachten veranlasst. Im Ergebnis kann es die Ursachen für den Anstieg allerdings nicht eindeutig identifizieren. Zwar gebe es laut den Autoren einen Zusammenhang zwischen dem steigenden Wert einer Krankenhausleistung und deren Häufigkeit, doch hieraus ein medizinisch unangemessenes Handeln der Krankenhäuser abzuleiten, sei angesichts der vorliegenden Analysen nicht haltbar. Nichtsdestotrotz steht das System der Fallpauschalen bei Experten aufgrund möglicher wirtschaftlicher Anreize weiterhin in der Kritik.

Werden Patienten aus wirtschaftlichen Gründen länger als nötig beatmet?

Nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Länge bestimmter Krankenhausleistungen wurde in unserer Sendung vor dem Hintergrund des Fallpauschalensystems diskutiert. Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen nannte hier speziell Beatmungspatienten als Beispiel. Je länger ein Patient beatmet werde, so Hirschhausen, desto höher sei die Fallpauschale, die das Krankenhaus abrechnen könne. Aus diesem Grund würden viele Patienten länger künstlich beatmet als es aus medizinischer Sicht notwendig wäre. DKG-Präsident Gerald Gaß widersprach deutlich. Die Statistiken über die Behandlungen in seinem Krankenhaus hätten zuletzt gezeigt, dass die Fallzahlen bei längeren Beatmungszeiträumen nicht signifikant höher lägen als bei kürzeren. Die Verteilung sei ausgeglichen, was gegen ein rein wirtschaftliches Handeln der Ärzte spreche. 

Künstliche Beatmung: Aus wirtschaftlichen Gründen länger als nötig?

von Hirschhausen: "Beispiel beatmete Patienten: Wenn ich da liege nach einer schweren Erkrankung und beatmet werde, dann ist doch mein Interesse als Patient, möglichst schnell von dieser Beatmung wegzukommen. Das Interesse aber des Krankenhauses ist es, mich möglichst lange an der Maschine zu lassen, weil an der Maschine ich deutlich mehr Geld bringe als wenn ich langsam entwöhnt werde."

(…)

Gaß: "Ich habe mir bewusst auf dieses Thema hin heute die Daten mal geben lassen aus unserem Haus. Wir haben beispielsweise einen 63-jährigen Patienten, der war zehn Tage bei uns im Krankenhaus, fünf Tage auf der Intensivstation, ist 90 Stunden behandelt worden – und hat 4 700 Euro an Erlös gebracht. (…) Ich sage Ihnen aber auch, dieser Patient – das habe ich mir dann auch geben lassen – hätte nach der 96. Stunde 17 000 Euro Erlös gebracht. Da steht aber niemand mit der Stoppuhr auf der Intensivstation und schaut: noch sechs Stunden. (…) Nach der Logik müsste vor der 96. Stunde – und die ist tatsächlich so ein Schnittpunkt, ab da wird’s richtig teuer im System – da müssten wir relativ wenige Fälle kurz vor den 96 und relativ viele Fälle oberhalb dieser 96 Stunden haben. Das ist aber nicht so, wenn Sie sich das über alle Patientendaten anschauen. Es ist eine Gleichverteilung. Die Daten stelle ich gerne morgen auf unsere Homepage, die können Sie sich abrufen."

Stimmt das? Werden Patienten aus wirtschaftlichen Gründen länger beatmet als nötig?

Die Vergütung der im Krankenhaus geleisteten voll- oder teilstationären Behandlungen erfolgt seit 2003 über das sogenannte DRG-System (Diagnosis Related Groups). Seither werden die erbrachten Leistungen nicht mehr nach Tagessatz abgerechnet, sondern nach spezifischem Behandlungsaufwand. Die Eingruppierung in die jeweilige DRG-Fallpauschale erfolgt dabei anhand dreier Faktoren: Krankheitsart (Diagnose), Schweregrad der Erkrankung sowie den erbrachten Leistungen, wie z.B. Operationen oder künstlicher Beatmung. Bei Patientinnen und Patienten mit leichten Erkrankungen sind die Vergütungen geringer als bei schweren, aufwändig zu behandelnden Erkrankungen.

Somit entfällt allein auf eine Beatmungsprozedur keine Fallpauschale, da diese in der Regel im Zusammenhang einer größeren Behandlung zur Anwendung kommt. Es ist jedoch so, dass die Beatmung ab einer Dauer von mehr als 95 Stunden als Langzeitbeatmung einzustufen ist. Das hat eine Hochstufung des Schweregrades zur Folge und somit eine höhere Fallpauschale.

DKG-Präsident Gerald Gaß erklärte in unserer Sendung, die Behandlungsstatistiken zeigten deutlich, dass die Fallzahlen bei einer Beatmungsdauer von über 95 Stunden nicht signifikant höher seien. Dass Patienten aus rein wirtschaftlichen Gründen unnötig lange beatmet werden, sei damit widerlegt. Die DKG hat die Zahlen nach der Sendung auf ihrer Website veröffentlicht. Tatsächlich sind die Fallzahlen im Beatmungszeitraum zwischen 80 und 100 Stunden durchaus gleichmäßig verteilt. 

In einer Studie aus dem Jahr 2013 widmeten sich Forscher der Technischen Universität Berlin der Frage, ob ein Zusammenhang besteht zwischen möglichen Anreizen durch das DRG-System und den quantitativen Entwicklungen in der Beatmungsmedizin. Tatsächlich sind demnach Häufigkeit und Beatmungsdauer seit 2005 stetig angestiegen. Einen kausalen Zusammenhang zu steigenden Fallpauschalen konnten die Autoren jedoch nicht mit Sicherheit nachweisen.

Fazit: Werden Beatmungspatienten unnötig lange behandelt, damit das Krankenhaus eine höhere Fallpauschale abrechnen kann? Das jedenfalls sagte Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen in unserer Sendung. DKG-Präsident Gerald Gaß widersprach deutlich. Aktuelle Zahlen würden belegen, dass die Zahl der Fälle mit längerer Beatmungsdauer nicht signifikant höher liege als die mit kürzerer Dauer. Die DKG veröffentlichte die entsprechenden Zahlen nach der Sendung auf ihrer Website. Zudem hat eine Studie aus dem Jahr 2013 zwar steigende Häufigkeiten und Beatmungszeiträume ermitteln können, einen direkten Zusammenhang zu steigenden Fallpauschalen konnten die Autoren jedoch nicht herstellen.

Autoren: Tim Berressem, Lena Meyer, Christina Focken

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