Faktencheck zu "Der Plastikfluch"

Sendung vom 19.09.2018

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Kerstin Etzenbach-Effers, Hannes Jaenicke, Ranga Yogeshwar, Ursula Heinen-Esser, Rüdiger Baunemann
Die Gäste (v.l.n.r.): Kerstin Etzenbach-Effers, Hannes Jaenicke, Ranga Yogeshwar, Ursula Heinen-Esser, Rüdiger Baunemann | Bild: WDR / Max Kohr

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Wie gut funktioniert das deutsche Recycling-System?
  • Gibt es ökologisch unbedenkliche Plastik-Alternativen?
  • Ist es möglich, den Plastikmüll aus dem Meer zu fischen?

Wie gut funktioniert das deutsche Recycling-System?

Wie gehen wir mit der stetig wachsenden Masse an Kunststoffabfällen verantwortungsvoll um? Das Schlüsselwort lautet: Recycling. Aber wie effektiv funktioniert das deutsche Recycling-System? Kann der Begriff überhaupt wörtlich genommen werden oder wird lediglich ein Bruchteil des Mülls tatsächlich wiederverwertet? Über diese Fragen wurde in unserer Sendung heftig gestritten.

Wie gut recyceln die Deutschen wirklich? | Video verfügbar bis 20.09.2019

Maischberger: "Wenn mehr als die Hälfte – so hab ich’s ja jetzt gelernt – nicht recycelt wird, sondern verbrannt, warum trenne ich das Ganze dann?"

Baunemann: "Na gut, also die Hälfte ist doch schon mal eine ganze Menge. Da sind wir durchaus im oberen Drittel in den europäischen Ländern. Wir haben dadurch wirklich die Chance, dass wir eine sehr funktionsfähige und eine sehr aktive Recyclingindustrie haben, die aufgebaut wurde mit der Verpackungsverordnung."

(…)

Jaenicke: "Norwegen liegt bei 90 Prozent Recyclingquote, Dänemark bei 70 Prozent – wir sind bei 30 Prozent. Entschuldigung, das ist erbärmlich!"

(…)

Heinen-Esser: "Wir haben sehr gute Systeme entwickelt, Stichwort Verpackungsverordnung. Die ist schon sehr alt, sie wird jetzt endlich auch novelliert, vielleicht noch nicht in allen Bereichen so wie wir uns das wünschen würden. (…) Aber es ist so, dass wir Stück für Stück tatsächlich weiterkommen."

(…)

Etzenbach-Effers: "Es muss viel transparenter werden, was an Zusatzstoffen im Kunststoff ist, um wirklich gut recyceln zu können."

(…)

Heinen-Esser: "Das ist ja schon erkannt in der Politik, und deshalb wird es eine neue Verpackungsverordnung geben."

Stimmt das? Wie gut recyceln die Deutschen tatsächlich?

Wir fragen nach bei Henning Wilts, der die Abteilung Kreislaufwirtschaft des Wuppertal Instituts leitet. Er bestätigt zunächst, dass in Deutschland grundsätzlich jeder Kunststoffabfall ordnungsgemäß behandelt werde. Im Jahr 2015 etwa seien von insgesamt 5,9 Millionen Tonnen Kunststoffabfall lediglich 1 Prozent deponiert worden. 45 Prozent wurden werkstofflich, 1 Prozent rohstofflich und 53 Prozent energetisch verwertet, d.h. verbrannt. Speziell bei den Verpackungsabfällen aus Kunststoff sei das Verhältnis ähnlich gewesen: 51 Prozent wurden verbrannt, 49 Prozent recycelt. Im Jahr 2014 sei überhaupt zum ersten Mal mehr recycelt als verbrannt worden.

BFranziska Krüger, Umweltbundesamt
Franziska Krüger, Umweltbundesamt | Bild: privat

Dass Deutschland im Recycling-Sektor insgesamt auf einem guten Weg ist, bestätigt auch Franziska Krüger vom Umweltbundesamt:

"Deutschland verfügt über eine sehr gut ausgebaute Entsorgungsinfrastruktur mit einer im internationalen Vergleich konkurrenzfähigen Recyclingwirtschaft. Natürlich gibt es noch Steigerungspotenziale beim Kunststoffrecycling, sowohl beim Recycling selbst als auch beim Einsatz von Kunststoffrezyklaten in Neuprodukten. Eine wichtige Voraussetzung für das Recycling sind zudem recyclingfähige Produkte. Gerade die Vielfalt und die zunehmende Komplexität von Kunststoffprodukten erschwert häufig das Recycling am Ende des Lebenszyklus."

Henning Wilts, Wuppertal Institut
Henning Wilts, Wuppertal Institut | Bild: privat

Das insgesamt also effektive deutsche Müllentsorgungssystem habe jedoch auch eine gravierende Kehrseite, warnt wiederum Henning Wilts vom Wuppertal Institut:

"Besonders problematisch ist, dass Deutschland im Jahr 2016 fast 1,5 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle exportiert hat, einen Großteil davon nach Südostasien und China, das den Import nun Anfang dieses Jahres verboten hat. Das zweite wesentliche Problem sind die rasant ansteigenden Mengen: Das Aufkommen an Verpackungsabfällen aus Kunststoffen hat sich in Deutschland innerhalb von nur 20 Jahren verdoppelt."

Wie schlägt sich Deutschland damit im europäischen Vergleich? Sind wir tatsächlich der oft zitierte "Recycling-Weltmeister"? Henning Wilts empfiehlt eine differenziertere Betrachtung:

"Deutschland als selbsternannter 'Recycling-Weltmeister' hat tatsächlich noch die höchsten Verwertungsquoten für Verpackungsabfälle insgesamt, inklusive Glas, Pappe und Papier etc. Speziell bei den Kunststoffverpackungen zogen jedoch Länder wie die Niederlande, Dänemark oder Belgien mittlerweile knapp an uns vorbei. Deutschland ist jedoch Europas Schlusslicht bei der Abfallvermeidung und beim Verpackungsabfallaufkommen: Mit 220,5 Kilogramm pro Kopf im Jahr 2016 verursachte kein Land mehr Verpackungsabfall. In puncto Verpackungsabfallaufkommen aus Kunststoff liegt Deutschland an fünftletzter Stelle. Andere Länder sind da deutlich besser als Deutschland und nutzen recycelte Abfälle wieder als Rohstoff. Bei der material reuse rate liegt Deutschland bei 11 Prozent, Spitzenreiter Niederlande bei 27 Prozent."

Valide Vergleiche in Sachen Recycling gelten gemeinhin schon innerhalb Europas als schwierig. Der Titel "Recycling-Weltmeister" ist also mit Vorsicht zu genießen. Grund hierfür sind die unterschiedlichen Berechnungsgrundlagen. Eine europaweit einheitliche Recyclingquote, die allein die Menge des Materials berücksichtigt, das letzten Endes tatsächlich in die Wiederverwertung wandert, gibt es bislang nicht.

Den Weg zu einer besseren Recyclingquote soll in Deutschland ab 1. Januar 2019 das neue Verpackungsgesetz ebnen. Dieses Gesetz wird die bislang geltende Verpackungsverordnung ablösen. Neben einer schrittweisen Anhebung der Recyclingquote (bei Kunststoffverpackungen soll sie bis zum Jahr 2022 auf 63 Prozent steigen; bei Metallen, Papier und Glas auf 90 Prozent) nimmt es vor allem die Hersteller in die Pflicht. Das Kernprinzip ist simpel: Wer verpackte Waren verkauft, muss dafür sorgen, dass die Verpackungen korrekt entsorgt werden. Diese Regelung ist nicht neu, seit 1993 besteht das Prinzip der Produktverantwortung für Verpackungen. Dies soll nun aber durch das neue Verpackungsgesetz deutlich strenger durchgesetzt werden. Wer Verpackungen auf den Markt bringt, muss sich in einem neuen Verpackungsregister namens "LUCID" registrieren und erst dann einen Vertrag mit einem Entsorger abschließen. Dieses Verpackungsregister stellt eine zentrale Stelle dar, die es bis jetzt nicht gibt. Henning Wilts blickt kritisch auf das neue Gesetz, das eine Regelung zur Abfallvermeidung nämlich weitgehend ausspart:

"Deutschland setzt mit dem Verpackungsgesetz eher auf steigende Recyclingquoten – von aktuell 36 Prozent auf in Zukunft 63 Prozent. Verpackungen, die schlecht recycelbar sind, sollen zudem teurer werden. Das Gesetz überlässt es jedoch den Recyclern selbst festzulegen, wie hoch diese Aufschläge beispielsweise für kaum recycelbare Verbundverpackungen tatsächlich ausfallen müssen. In Frankreich etwa sind Aufschläge von bis zu 100 Prozent gesetzlich festgelegt. Dort gibt es, anders als in Deutschland, auch reduzierte Lizenzgebühren, wenn Hersteller nachweisen, dass sie Verpackung vermeiden. Hierzu sagt das deutsche Verpackungsgesetz leider wenig. Anders als andere Länder hat Deutschland kein verbindliches Ziel für die Abfallvermeidung und beschränkt sich bislang nur auf Recyclingquoten."

Fazit: Viel wurde in unserer Sendung gestritten über den sprichwörtlichen "Recycling-Weltmeister" Deutschland und seinen Umgang mit den wachsenden Massen an Kunststoffabfällen. Funktioniert die Wiederverwertung hierzulande tatsächlich überdurchschnittlich gut? Festzuhalten ist, dass nur ein Prozent aller Kunststoffabfälle in Deutschland auf der Mülldeponie landet. Das Verhältnis von wiederverwertetem zu verbranntem Kunststoff ist ausgeglichen. Problematisch sind allerdings Müllexporte nach Asien. Im Jahr 2016 wurden etwa 1,5 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle dorthin gebracht. Eine europaweit einheitliche Ermittlung der Recyclingquote gibt es im Übrigen nicht, was einen Vergleich erschwert. Was die Abfallvermeidung angeht, ist Deutschland aber sicher das Schlusslicht Europas. Das neue Verpackungsgesetz, welches am 1. Januar 2019 in Kraft tritt, sieht hierfür keine Lösung vor. Stattdessen setzt es auf steigende Recyclingquoten und höhere Kosten für Verpackungshersteller, was Experten bemängeln.

Gibt es ökologisch unbedenkliche Plastik-Alternativen?

Wenn wir nur alle auf Plastikprodukte verzichten, fällt kein Plastikmüll mehr an. Ganz einfach. Oder nicht? Gibt es überhaupt ökologisch unbedenkliche Alternativen zum Kunststoff? Reicht es aus, Glas- statt Plastikflaschen zu kaufen und Papier- statt Plastiktüten? Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherzentrale NRW gab in unserer Sendung erstaunliche Einblicke in das Innenleben vermeintlicher Öko-Produkte.

Gibt es ökologisch unbedenkliche Plastik-Alternativen? | Video verfügbar bis 20.09.2019

Maischberger: "Hilft es denn, wenn ich grundsätzlich statt Plastikflaschen Glasflaschen nehme oder den Joghurt eben im Glas kaufe? Ist das gut?"

Etzenbach-Effers: "Wenn es Mehrwegglas ist, dann ist es auf jeden Fall gut. Bei Einwegglas kommt es von der Ökobilanz nicht hin. Also wenn Sie Mais im Einwegglas kaufen, wird das Glas zwar zu einem hohen Prozentsatz recycelt, aber das ist sehr energieaufwendig, das wieder einzuschmelzen. Aber auch da wären ja Mehrweglösungen denkbar, ähnlich wie bei den Glasbehältern beim Joghurt."

(...)

Maischberger: "Papiertüte statt Plastik – gibt’s jetzt in vielen Läden, Sie kriegen keine Plastiktüte mehr an der Kasse, sondern diese schönen Pappdinger. Ist das wirklich besser?"

Etzenbach-Effers: "Nein. Von der Ökobilanz wäre es ungefähr gleich zur Plastiktüte, wenn man die Papiertüte vier mal benutzen würde. Die hat halt das Ökoimage, ist aber auch nicht wirklich ökologischer."

Maischberger: "Was ist das Problem der Papiertüte?"

Etzenbach-Effers: "Das Problem der Papiertüte ist, selbst wenn sie aus recyceltem Papier ist, dass man da sehr langfaseriges Recyclingpapier braucht, gute Qualitäten, und dass auch viel Wasserverbrauch und Energieverbrauch damit verbunden ist, diese Papiertüten herzustellen."
 

Maischberger: "So, und am Schluss: ich habe das gesehen in Frankreich im Urlaub, das gibt es aber auch in manchen deutschen Läden, dieses Bio-Plastik, dieses abbaubare. Ist das nicht gut?"

Etzenbach-Effers: "Das denken leider auch die meisten Verbraucher, 75 Prozent der Verbraucher denken, dass das umweltfreundlich ist und das ist es eben nicht. Das verrottet nicht auf dem heimischem Kompost und schon gar nicht, wenn man es in die Landschaft wirft. Es verrottet nur in Kompostieranlagen bei über 70 Grad und über längere Zeit und auch dafür werden Ackerflächen gebraucht, es werden Pestizide eingesetzt. Wenn man sich die Gesamtbilanz anguckt, dann ist es keine Alternative."

Stimmt das? Gibt es ökologisch unbedenkliche Plastik-Alternativen?

Franziska Krüger vom Umweltbundesamt stimmt unserem Studiogast Kerstin Etzenbach-Effers im Grundsatz zu. Jedes Material, auch die vermeintlichen Öko-Werkstoffe, habe seinen "ökologischen Rucksack". Man müsse also unbedingt von Produkt zu Produkt die jeweiligen Rahmenbedingungen betrachten. Hierzu zählen z.B. Aufwendungen für und Umwelteffekte durch die Rohstoffgewinnung und Verarbeitung, die Länge der Transportwege sowie die Entsorgungsmöglichkeiten. Ein pauschales Urteil sei nicht sinnvoll:

"In Ökobilanzen schneiden Kunststoffe in der Regel sehr gut ab. Allerdings können bestimmte negative Umwelteffekte, wie sie z.B. durch Tankerunglücke oder durch Einträge von Kunststoffen in die Umwelt hervorgerufen werden, in einer Ökobilanz nicht abgebildet werden."

Vor allem das sogenannte Bioplastik, das in unserer Sendung als mögliche Alternative zur Diskussion stand, sieht Krüger überaus kritisch:

"Biologisch abbaubare Kunststoffe lösen das Problem der Kunststoffeinträge in die Umwelt keineswegs. Ein Abbau kann maximal unter konstanten und optimalen Bedingungen gewährleistet werden wie sie in Kompostierungsanlagen vorzufinden sind. In der Umwelt ist ein schneller Abbau dagegen nicht gegeben. Zur Entsorgung von biologisch abbaubaren Kunststoffprodukten ist weiterhin zu sagen, dass sie keinesfalls in die Biotonne dürfen. Laut Anhang 1 der Bioabfallverordnung sind als einzige Ausnahmen Sammelbeutel für Bioabfälle sowie Abdeckfolien aus Landwirtschaft und Gartenbau erlaubt, die nach DIN EN 13432 oder DIN EN 14995 zertifiziert sind und überwiegend aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. Die Entsorgung biologisch abbaubarer Kunststoffe über die Bioabfallsammlung ist ökologisch nicht sinnvoll und stellt keine hochwertige Verwertung dar. Sie haben keinen positiven Effekt auf den erzeugten Kompost. Verpackungen aus bioabbaubaren Kunststoffen gehören dagegen in den Gelben Sack oder in die Gelbe Tonne, sonstige Produktabfälle (Nichtverpackungen) in die Restmülltonne."

Auch Henning Wilts vom Wuppertal Institut weist auf die Gefahren von Biokunststoffen hin, die "ihre eigenen Probleme haben". Vielmehr müsse der Fokus auf der Vermeidung von Kunststoffabfällen liegen:

"Systemische Lösungen – auch das zeigte die Sendung – werden weiter dringend gesucht: Wie wird Verpackungsvermeidung zum Geschäftsmodell? Wie erreicht man die Konsumenten, die ohnehin umweltbewusst sind und sich Unverpackt-Läden nicht immer leisten können? Hier ist die Politik gefragt Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen."

Das Umweltbundesamt, so Franziska Krüger, teilt diese Einschätzung:

"Aus unserer Sicht sollte das Hauptaugenmerk auf der Vermeidung von (Kunststoff-)Abfällen liegen, bevor über alternative Materialien nachgedacht wird. Kurzlebige Produkte, egal aus welchem Material, verschwenden Ressourcen und erzeugen viel Abfall. Beides ist nachteilig für die Umwelt. Daher sollten bevorzugt langlebige und wiederverwendbare Produkte (Mehrweg) genutzt werden."

Fazit: In unserer Sendung standen einige Materialien und Produkte zur Diskussion, die gemeinhin als ökologisch unbedenkliche Alternativen zum umweltbelastenden Kunststoff gelten. Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherschutzzentrale NRW wies jedoch daraufhin, dass auch diese Stoffe durchaus problematisch für unsere Umwelt sein können. Andere Experten plädieren ebenfalls dafür, die Rahmenbedingungen, unter denen das jeweilige Produkt hergestellt wird, ganzheitlich zu betrachten und erst dann ein Urteil über die Ökobilanz zu fällen. Ein pauschales Urteil, dass z.B. eine Papiertüte grundsätzlich besser ist als eine Plastiktüte, ist wenig sinnvoll. Vor allem vor sogenanntem Bioplastik wird gewarnt. Bei der Entsorgung werden häufig Fehler gemacht. Ein Abbau von Bioplastik kann nur unter Optimalbedingungen, etwa in einer Kompostierungsanlage, gelingen. Vielmehr empfehlen Experten, das Hauptaugenmerk auf eine grundsätzliche Abfallvermeidung zu legen.

Ist es möglich, den Plastikmüll aus dem Meer zu fischen?

Wenn es eigentlich schon zu spät ist und der Plastikmüll im Ozean, was können wir Menschen dann noch tun? Projekte wie "The Ocean Cleanup", also großangelegte Aktionen zur Säuberung der Meere, sorgten zuletzt vermehrt für Schlagzeilen. Ranga Yogeshwar befürwortete in unserer Sendung derartige Aktionen, vor allem weil sie die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Vermüllung der Ozeane lenkten. Hannes Jaenicke stimmte ihm in der Hinsicht zu. Die Verschmutzung des Wassers sei auf diese Weise aber nicht rückgängig zu machen.

"The Ocean Cleanup": Lässt sich der Ozean sauberfischen? | Video verfügbar bis 20.09.2019

Yogeshwar: "Das sind wichtige Aktionen, weil sie ein Bewusstsein schaffen."

Jaenicke: "Es ist ja auch ein PR-Effekt."

Yogeshwar: "Es ist ein PR-Effekt. Und Sie sagen einfach, hey, was hat Kunststoff mit Ozeanen zu tun, und der eine oder andere denkt darüber nach."

Maischberger: "Aber warum soll das nicht helfen, wenn man’s abfischt und einsammelt und rausbringt?"

Jaenicke: "Weil 90 Prozent des Plastiks absinkt auf 60 bis 80 Meter. Und der fischt an der Oberfläche."

Stimmt das? Ist es unmöglich, den Plastikmüll aus den Ozeanen zu fischen?

Anfang September hat in der Bucht von San Francisco das Projekt "The Ocean Cleanup" begonnen. Initiator ist der 24-jährige Niederländer Boyan Slat. In monatelanger Vorbereitung konstruierten Slat und sein Team ein 600 Meter langes Rohr, an dem eine Art Vorhang drei Meter tief ins Wasser hängt. Dieses soll künftig durch das Meer treiben und Plastikmüll auffangen. Zunächst soll das Verfahren auf dem Pazifik zwischen Kalifornien und Hawaii getestet werden. Anschließend möchte Slat den Aufbau zum Nordpazifikwirbel schleppen lassen, einem der fünf größten Strömungswirbel weltweit. Wissenschaftler, die an dem Projekt beteiligt sind, gehen von 1,8 Billionen Plastikteilen aus, die sich in diesem Gebiet inzwischen angesammelt haben. 

Doch kann dieses Projekt tatsächlich dazu beitragen, die immense Verschmutzung zu beseitigen? Henning Wilts vom Wuppertal Institut begrüßt wie Ranga Yogeshwar zunächst den PR-Effekt der Aktion:

"Projekte wie das in der Sendung gezeigte 'Ocean Cleanup' haben in den vergangenen Jahren Millionen Menschen stärker für das Thema Plastikmüll im Meer sensibilisiert, was auch enormen Druck auf die Industrie und Politik ausübt."

Gleichzeitig teilt er aber auch die Skepsis über den praktischen Nutzen, die vor allem Hannes Jaenicke in der Sendung äußerte:

"Lösungen, die ganz am Ende der Kette ansetzen, können das Problem nicht lösen. Einerseits sinkt ein Großteil des Plastikabfalls im Meer ab und kann dann nicht mehr einfach abgefischt werden. Andererseits verbrauchen auch diese Prozesse, wie das Abfischen des Mülls im Meer und das anschließende Aufbereiten und Recyceln wiederum enorme Mengen an Energie und Ressourcen."

Eine rein technische Lösung werde es nicht geben, vielmehr sei ein Bewusstseinswandel notwendig: "Denn am Ende entscheidet sich auch der Erfolg politischer Initiativen im Kopf eines jeden, der seinen Plastikkonsum überdenken muss."

Fazit: Großangelegte Aktionen zur Befreiung der Ozeane vom Plastikmüll sorgten zuletzt vermehrt für Aufsehen. Ranga Yogeshwar und Hannes Jaenicke sprachen sich in unserer Sendung für solche Projekte aus – jedoch vor allem aufgrund ihrer PR-Wirkung. Einen praktischen Erfolg solcher Meeresreinigungen versprachen sie sich nicht. Auch unser Experte ist hier skeptisch. Aktionen wie "The Ocean Cleanup" suchen Lösungen, die ganz am Ende der Kette ansetzen. Vielmehr müsse aber ein grundsätzliches Umdenken der Menschen einsetzen. Um ein solches Umdenken einzuleiten, seien diese Aktionen und die mediale Aufmerksamkeit, die sie auf sich ziehen, aber durchaus sinnvoll. 

Autoren: Tim Berressem, Paulina Fried

6 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.