Faktencheck zu "Die Islamdebatte"

Sendung vom 06.06.2018

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Jan Fleischhauer, Necla Kelek, Bettina Gaus, Julia Klöckner, Haluk Yildiz
Die Gäste (v.l.n.r.): Jan Fleischhauer, Necla Kelek, Bettina Gaus, Julia Klöckner, Haluk Yildiz | Bild: WDR / Max Kohr

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Wie viele Muslime leben in Deutschland?
  • Welchen Hintergrund haben das Kopftuch und der verweigerte Handschlag?
  • Werden die meisten weiblichen Beschneidungen in islamischen Ländern durchgeführt?
  • Werden deutsche Weihnachtsmärkte umbenannt?

Wie viele Muslime leben in Deutschland?

Der "Spiegel"-Kolumnist Jan Fleischhauer kritisierte in unserer Sendung das Vorgehen vieler muslimischer Verbände, die sich gerade in empfindlichen Debatten immer wieder pauschal im Namen aller in Deutschland lebenden Muslime äußern würden. Ohne Berücksichtigung bliebe dabei, ob sich der einzelne Mensch tatsächlich vom jeweiligen Verband repräsentiert fühle, so Fleischhauer.

Jan Fleischhauer: Wie viele Muslime leben in Deutschland? | Video verfügbar bis 06.06.2019

Fleischhauer: "Es kommt sofort diese Opferkarte, die wird gespielt. Und nach dem Motto 'Sei mal ganz, ganz vorsichtig, was Du hier sagst, weil: das nehmen dir jetzt 4 Millionen Menschen, die muslimischen Glaubens sind in Deutschland, ganz übel!' Das ist ja immer so eine Kunst dieser Verbandsleute, dann für 4 bis 6 Millionen zu reden. Diese 4 oder 6 Millionen Leute können sich auch nie wehren dagegen."

Maischberger: "Wir sagen jetzt einfach mal, Herr Yildiz redet nicht für 4 bis 6 Millionen, sondern einfach für die 3000 Mitglieder seiner BIG-Partei. Sag ich jetzt einfach mal vorweg."

Stimmt das? Wie viele Muslime leben tatsächlich in Deutschland?

Einer im Januar 2018 veröffentlichten Studie zufolge lebten im Jahr 2015 zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime in Deutschland. Die Studie wurde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Auftrag gegeben. Zweifellos ist die Zahl durch Migration in den Folgejahren noch einmal gestiegen. Das US-amerikanische Pew Research Center geht in einer Schätzung von knapp 5 Millionen Muslimen aus, die Ende 2016 in Deutschland lebten.

Diese Zahlen bilden jedoch nicht ab, wie viele Muslime in Deutschland ihren Glauben tatsächlich praktizieren, etwa durch regelmäßige Moscheebesuche oder durch die Teilnahme am Ramadan. Die religionskritische Giordano-Bruno-Stiftung ging Ende 2016 von etwa 4 Millionen Muslimen aus, die in Deutschland konfessionsgebunden leben, alle übrigen seien im engeren Sinne nicht religiös, sie werden in der Unterscheidung auch "Kulturmuslime" genannt. Angesichts dieser Zahlen wird das von Jan Fleischhauer benannte Problem der vermeintlichen Repräsentation aller Muslime durch entsprechende Verbände bereits augenfällig.

Ohnehin gilt die islamische Verbandslandschaft in Deutschland als fragmentiert. Darauf weist u.a. die Konrad-Adenauer-Stiftung hin. Das Spektrum reiche von zahlreichen unabhängigen Moscheevereinen über regionale Zusammenschlüsse bis zu den bundesweit aufgestellten Islamverbänden. Die vier größten Islamverbände in Deutschland vertreten dabei zusammen maximal zwanzig Prozent der in Deutschland lebenden Muslime, so ein Bericht der Stiftung. Als problematisch kann in diesem Zusammenhang auch gesehen werden, dass die drei größten bundesweit organisierten Verbände (DITIB, VIKZ, IGMG) vorwiegend türkisch geprägt sind. So werden z.B. die 550 000 Aleviten, die schätzungsweise in Deutschland leben, in jenen Verbänden nicht repräsentiert. Kurzum: wenn sich ein islamischer Verband im Namen aller in Deutschland lebender Muslime äußert, ist das tatsächlich differenziert zu betrachten.

Das von unserem Gast Haluk Yildiz vertretene Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (BIG) ist kein islamischer Verband, sondern eine Partei, die sich das Ziel gesetzt hat, "den Veränderungen unserer multikulturellen und pluralen Gesellschaft durch innovative und realpolitische Lösungen gerecht zu werden." Die BIG-Partei zählt aktuell etwa 3000 Mitglieder.

Fazit: Der "Spiegel"-Kolumnist Jan Fleischhauer kritisierte in unserer Sendung, dass Vertreter muslimischer Verbände sich oft im Namen aller in Deutschland lebenden Muslime äußerten – ohne umfassende Legitimation. Schätzungen zufolge lebten Ende 2016 etwa 5 Millionen Muslime in Deutschland, von denen allerdings nur 4 Millionen ihren Glauben tatsächlich praktizierten. Dies bestätigt bereits den von Fleischhauer angesprochenen Widerspruch. Darüber hinaus ist die muslimische Verbandslandschaft stark fragmentiert, unterschiedliche Verbände vertreten unterschiedliche Ausrichtungen des Islam. Die Äußerung eines islamischen Verbands kann also selten auch pauschal für alle in Deutschland lebenden Muslime gelten. 

Welchen Hintergrund haben das Kopftuch und der verweigerte Handschlag?

Wenn ein muslimischer Mann einer Frau den Handschlag verweigert, zeugt das dann von einer Frauenfeindlichkeit, die in der Religion verwurzelt ist? Ebenso das Kopftuch: deutet es auf eine Unterdrückung der Frau hin? Oder ist es am Ende doch ein rein religiöses Symbol? Auch über diese Fragen wurde in unserer Sendung heftig diskutiert:

Kopftuch und verweigerter Handschlag: Missachtet der Islam die Frau? | Video verfügbar bis 06.06.2019

Yildiz: "Es gibt islamische Kulturkreise, wo es, sag ich mal, eher respektlos ist, Frauen in die Augen zu schauen oder ihnen die Hand zu geben. Zumal es auch religiöse Aspekte sind. Es gibt unterschiedliche Rechtsschulen im Islam, wo wenn jetzt, sagen wir mal, gerade ein Geistlicher einer Frau die Hand gibt, seine rituelle Waschung zumindest für das nächste Gebet ungültig ist. So. Das ist einfach eine theologische Erklärung."

(…)

Kelek: "Das Kopftuch ist kein religiöses Gebot. Das Kopftuch ist nur dafür da: wegen der Männer. Und nicht Demut gegenüber Allah. Kippa und Kreuz haben was mit Demut zu tun – wenn ich sage, ich verbinde mich jetzt mit Gott oder Allah. Die Frau trägt das Kopftuch nur wegen der Männer. Und deswegen kann es kein religiöses Symbol sein."

Stimmt das? Welchen Hintergrund haben das Kopftuch und der verweigerte Handschlag?

Ulrike Freitag, Islamwissenschaftlerin
Ulrike Freitag, Islamwissenschaftlerin | Bild: Leibniz-Zentrum Moderner Orient / Rolf Schulten

Wir fragen nach bei der Islamwissenschaftlerin Ulrike Freitag, die das Berliner Leibniz-Zentrum Moderner Orient leitet. In Bezug auf das Kopftuch gibt sie zunächst grundsätzlich zu bedenken, dass sich Frauen wie auch Männer im Islam gleichermaßen züchtig zu kleiden haben. 

"Aufgrund der offensichtlich besonders hohen sexuellen Anfälligkeit der Männer wird allerdings dieses Gebot ganz überwiegend auf Frauen angewandt. Allerdings gelten in Iran und Saudi-Arabien durchaus auch strengere Kleidungsnormen für Männer, die durchgesetzt werden."

Dass das Kopftuch einzig als Instrument zur Unterdrückung der Frau dient und keinen religiösen Bezug habe, wie Necla Kelek in unserer Sendung behauptete, kann die Islamwissenschaftlerin nicht bestätigen:

"Das Kopftuch hat insofern etwas mit dem Glauben zu tun, als es im Koran drei miteinander verwandte Konzepte gibt. Das erste ist der sogenannte hijab, eigentlich als Trennung zu verstehen – zwischen Gott und Mensch, aber auch zwischen Mann und Frau. Die konkrete Ausgestaltung ist allerdings umstritten, ebenso wie die betroffenen Personengruppen. Das zweite ist der sogenannte jilbab, ein Bekleidungsstück, dessen konkrete Ausgestaltung ebenfalls umstritten ist. Endlich gibt es noch den khimar, die Kopfbedeckung. Die konkrete Auslegung, wer sich wie zu kleiden habe, ist zwischen den Rechtsschulen umstritten und hat sich auch mit der Zeit gewandelt. Die heutige Vollverschleierung, die einen Gesichtsschleier einschließt, wird häufig auf byzantinische Wurzeln zurückgeführt."

Auch die Verweigerung des Handschlags gegenüber einer Frau sollte nicht gleich als Respektlosigkeit fehlinterpretiert werden, betont Ulrike Freitag. Für ein solches Handeln gebe es vor allem zwei mögliche Gründe:

"Der vermutlich häufigere ist derjenige, dass sich jemand direkt vorher schon in Vorbereitung des Gebets gewaschen hat. Danach wäre die Berührung einer Frau (aber auch der eigenen Geschlechtsteile) eine erneute Verschmutzung. Der zweite mögliche Grund ist, dass der Handschlag generell als eine Verletzung der Geschlechtertrennung und eine potenzielle Versuchung gewertet werden könnte. Dieser Auffassung ist eine sehr kleine Minderheit, die allerdings auf der Arabischen Halbinsel, die sozial am konservativsten ist, deutlich weiter verbreitet ist als in Nordafrika oder dem östlichen Mittelmeerraum."

Götz Nordbruch, Islam- und Sozialwissenschaftler
Götz Nordbruch, Islam- und Sozialwissenschaftler | Bild: privat

Auch Islam- und Sozialwissenschaftler Götz Nordbruch vom Verein ufuq.de warnt vor einer vorschnellen Verurteilung eines solchen Verhaltens. Einer Frau den Handschlag zu verweigern gehe ausdrücklich nicht auf eine Respektlosigkeit muslimischer Männer zurück: 

"Viele Muslime, die sich gegen das Händeschütteln entscheiden, legen ihre Hand als Geste des Grußes auf das Herz, was aus ihrer Sicht eine Respektbekundung ist und damit genau das erfüllt, was auch mit einem Handschlag zum Ausdruck gebracht wird. Ihnen geht es um die Vermeidung des Körperkontakts selbst, über das Verhältnis und die Anerkennung von Frauen sagt dies aber in der Regel nichts aus – auch wenn es natürlich auch muslimische Männer gibt, die Frauen abwerten, das ist unbestritten, hat aber mit dem Händeschütteln nichts zu tun."

Fazit: In unserer Sendung wurde heftig diskutiert über die Bedeutungen und die Hintergründe bestimmter Gesten und Gebräuche, die mit dem Islam assoziiert werden. Publizistin Necla Kelek etwa sprach dem Kopftuch seine religiöse Symbolbedeutung ab, es sei lediglich ein Instrument zur Unterdrückung der Frau. Das lässt sich ohne weiteres nicht bestätigen oder widerlegen. Unsere Islam-Expertin verweist auf drei unterschiedliche Konzepte der Verschleierung und Kopfbedeckung, die im Koran zu finden sind. In manchen Regionen gebe es darüber hinaus auch ebenso strenge Kleidungsvorschriften für Männer. Auch die Verweigerung des Handschlags gegenüber einer Frau spricht grundsätzlich nicht für eine Abwertung der Frau. Auch wenn der Körperkontakt aus religiösen Gründen vermieden wird, sagt dies nicht unbedingt etwas über die Haltung zur Frau als solche aus.

Werden die meisten weiblichen Beschneidungen in islamischen Ländern durchgeführt?

Die "taz"-Journalistin Bettina Gaus beklagte in der Sendung, dass gewisse Verbrechen und Missstände in der breiten Öffentlichkeit momentan mit dem Islam assoziiert seien, obwohl diese unabhängig von der Religion auf der ganzen Welt passieren würden. Als Beispiel nannte Gaus die weibliche Genitalverstümmelung. Publizistin Necla Kelek widersprach: weltweit sei der größte Teil der beschnittenen Frauen islamischen Glaubens.

Werden die meisten weiblichen Beschneidungen in islamischen Ländern durchgeführt? | Video verfügbar bis 06.06.2019

Gaus: "Ich kenne kaum etwas, was ich so diskriminierend finde wie eine radikale Beschneidung weiblicher Geschlechtsorgane. Das ist z.B. religionsunabhängig, wird aber im Moment –"

Kelek: "Bis zu 90 Prozent sind es aber islamische Frauen, die beschnitten sind."

Gaus: "Wollen wir da jetzt wirklich über die Prozentsätze…?"

Stimmt das? Werden die meisten Beschneidungen in islamischen Ländern durchgeführt?

UNICEF-Angaben zufolge ist die exakte Zahl der Mädchen und Frauen, die sich der Beschneidung unterziehen mussten unbekannt. Man gehe aber davon aus, dass mindestens 200 Millionen in 30 unterschiedlichen Ländern betroffen sind. Vor allem in Afrika, dem Mittleren Osten und in Asien wird die Beschneidung praktiziert. In Somalia z.B. sind 98 Prozent der 15- bis 49-jährigen Frauen betroffen, in Guinea sind es 97 Prozent, in Sierra Leone 90 Prozent. 

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) widerspricht der weit verbreiteten Annahme, die Genitalverstümmelung sei gängige Praxis im Islam. Länder wie Sierra Leone seien eben nicht muslimisch, sondern primär christlich geprägt, und dennoch liege der Anteil der betroffenen Frauen so hoch. Ähnliches gelte für Äthiopien, wo der Anteil bei 70 Prozent liege. Zwar werde die Religion oft als Grund vorgeschoben, auch von den religiösen Würdenträgern selbst. Im Koran finde die Beschneidung mitnichten Erwähnung, ganz im Gegenteil verweist die DSW auf Sure 95,4, wo es heißt: "Wahrlich, wir haben den Menschen in bester Form erschaffen." Die Religion diene also meist nur als Vorwand, vielmehr sei die Genitalverstümmelung bei jungen Mädchen vorwiegend eine traditionelle Praktik, die vor allem in Ländern Afrikas und des Mittleren Ostens durchgeführt wird. In vielen dieser Länder gelte sie nämlich als wichtiger Übergang vom Mädchen zur Frau. 

Fazit: Die "taz"-Journalistin Bettina Gaus beklagte in der Sendung, dass unmenschliche Sitten, wie z.B. die Genitalverstümmelung bei Frauen, in der öffentlichen Debatte derzeit fälschlicherweise vor allem mit dem Islam assoziiert würden. Publizistin Necla Kelek setzte dem entgegen, der Großteil der genitalverstümmelten Frauen stamme tatsächlich aus islamisch geprägten Ländern. Angaben der UNICEF zufolge ist die weibliche Genitalverstümmelung vor allem in Afrika, im Mittleren Osten und in Asien an der Tagesordnung. Dies betrifft aber sowohl Länder mit muslimischer als auch mit christlicher Prägung. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung betont, dass die Religion häufig als Vorwand für die Genitalverstümmelung missbraucht werde. Tatsächlich sei diese weder im Koran noch in der urmuslimischen Tradition verankert.

Werden deutsche Weihnachtsmärkte umbenannt?

Kann Toleranz zu weit gehen? Dass jedenfalls eine konsequent religionsneutrale Sprache zu skurrilen Ergebnissen führen kann, darüber waren sich in der Sendung wohl die meisten einig. Als Beispiel wurden die Weihnachtsmärkte genannt, die mancherorts so nicht mehr heißen dürften, da der Bezug zum christlichen Weihnachtsfest die Angehörigen anderer Religionen ausschließen oder sogar provozieren könnte.

Bettina Gaus: Werden deutsche Weihnachtsmärkte umbenannt? | Video verfügbar bis 06.06.2019

Gaus: "Diese Geschichte mit den angeblich umbenannten Weihnachtsmärkten, die hat sich ja häufig doch als städtische Legende herausgestellt. Also Orte, wo das immer schon –"

Klöckner: "Also, ich kann Ihnen von meiner Region –"

Gaus: "Ja, ich glaub’s Ihnen ja."

Stimmt das? Werden Weihnachtsmärkte religionsneutral umbenannt?

In den letzten Jahren kamen zur Weihnachtszeit regelmäßig Meldungen auf, wonach Weihnachtsmärkte in ihrer traditionellen Form aus Gründen religiöser Toleranz abgeschafft würden. Dies zeigt auch der "faktenfinder" der Kollegen von tagesschau.de. Der wohl prominenteste Fall ereignete sich 2013 in Berlin-Kreuzberg. Zeitungen berichteten damals, die Bezirksregierung hätte das Ausrichten von Weihnachtsmärkten in Kreuzberg verboten. Die Meldung basierte auf einem Sitzungsprotokoll des Bezirksamts, in dem es hieß: "Das Bezirksamt verständigt sich darauf, dass grundsätzlich keine Genehmigungen für Veranstaltungen von Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum erteilt werden." Dieser Satz habe tatsächlich in dem Protokoll gestanden, so ein Sprecher des Bezirksamtes später. Er stellte den Sachverhalt in Bezug auf die Weihnachtsmärkte jedoch klar. Der Satz beziehe sich auf Veranstaltungen, bei denen es um religiöse Selbstdarstellung im öffentlichen Raum gehe. Weihnachtsmärkte fielen nicht hierunter. "Das Abendland bleibt weiter bestehen, genauso wie die Weihnachtsmärkte in Friedrichshain-Kreuzberg – in diesem Jahr und auch in den nächsten Jahren. Wie die Märkte sich nennen, ist uns total egal", betonte er weiter. 

Dass aus manchen Weihnachtsmärkten plötzlich Wintermärkte gemacht werden, hat ebensowenig einen politischen Hintergrund. Am Münchener Flughafen etwa haben sich die Marktveranstalter vor Jahren lediglich dazu entschieden, die Buden bis in den Januar hinein zu betreiben, sodass von einem Weihnachtsmarkt im engeren Sinne also keine Rede mehr sein konnte. 

Die Umbenennung des Elmshorner Weihnachtsmarktes in "Lichterfest" sorgte 2017 ebenfalls für Schlagzeilen. Das Stadtmarketing Elmshorn erhielt auf Facebook plötzlich unzählige, mitunter rassistische Hass-Postings. Tatsächlich war der Namenswechsel allerdings schon zehn Jahre zuvor vollzogen worden. Grund war damals lediglich ein neuer Betreiber, der durch eine aufwendige Lichtgestaltung noch mehr Besucher auf seinen Markt locken wollte.

Ein Verschwinden der Weihnachtsmärkte kann statistisch mitnichten bestätigt werden. Laut Deutschem Schaustellerverband gebe es bundesweit etwa 2500 Weihnachtsmärkte, für viele Städte sind sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Nicht nur beleben sie die Innenstädte und Einkaufszentren, auch Touristen werden durch typisch deutsche Weihnachtsmärkte, wie etwa in Nürnberg, angelockt. Weihnachtsmärkte nach deutschem Vorbild werden mittlerweile im Ausland rekonstruiert, sogar in Japan. 

Fazit: In der Sendung wurde exemplarisch für eine etwaige übertriebene Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen die Umbenennung von Weihnachtsmärkten genannt. Diesbezügliche Meldungen tauchten in den letzten Jahren immer wieder auf, sie stellten sich jedoch regelmäßig als Halbwahrheiten heraus. Die Umbenennungen der Weihnachtsmärkte in Wintermärkte oder Lichterfeste finden statt – sie haben aber in der Regel keine politischen, sondern ganz pragmatische, wirtschaftliche Gründe. Auch werden Weihnachtsmärkte nicht als Veranstaltungen öffentlicher religiöser Selbstdarstellung verboten.

Autoren: Tim Berressem, Johanna Vandreike, Daniela Bold

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