Faktencheck zu "Misstrauen gegen Schulmedizin"

Sendung vom 10.04.2019

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Oxana Giesbrecht, Ursula Hilpert-Mühlig, Karl Lauterbach, Jacqueline Klaus, Claudia Kleinert, Natalie Grams
Die Gäste (v.l.n.r.): Oxana Giesbrecht, Ursula Hilpert-Mühlig, Karl Lauterbach, Jacqueline Klaus, Claudia Kleinert, Natalie Grams | Bild: WDR / Melanie Grande

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Kann eine Impfung zu Nebenwirkungen führen?
  • Was sind die MacKenzie-Zonen?

Kann eine Impfung zu Nebenwirkungen führen?

Ein zentraler Aspekt unserer Sendung war die Frage, ob Impfungen bei Kindern zu schwerwiegenden Folgeerkrankungen, wie z.B. Autismus, führen können, wie Impfgegner immer wieder behaupten. Ärztin Natalie Grams betonte, hierfür gebe es keinerlei wissenschaftliche Belege. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach stimmte ihr zu. Zwar komme es in seltenen Fällen zu schwereren Komplikationen, doch das Risiko sei gering.  Sein Kind nicht impfen zu lassen sei deutlich gefährlicher, so Lauterbach.

Autismus und Allergien: Kann eine Impfung zu Nebenwirkungen führen? | Video verfügbar bis 10.04.2020

Maischberger: "Können Impfungen Allergien auslösen? Können Impfungen Autismus auslösen?"

Grams: "Nein, können sie nicht. Dafür gibt es gute wissenschaftliche Belege. Das ist nicht nur einmal, sondern hunderttausendfach untersucht worden. Diese Behauptungen laufen ins Leere. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Beschwerden durch Impfungen ausgelöst werden können. (…) Es gab im Grunde genommen, gerade was Autismus angeht, eigentlich nur gefälschte Studien, die sich irgendwie sehr hartnäckig wie ein Mythos halten und die gerne eben, ich finde doch, auch wie eine Art Verschwörungstheorie in manchen Kreisen weiterverbreitet werden. Natürlich kann man nach der Impfung eine lokale Reaktion haben, was einfach nur zeigt, dass das Immunsystem auf die Impfung in gewünschter Weise reagiert. Und sehr selten kommt es auch dazu, dass noch größere Komplikationen auftreten, aber das ist was, was nicht im Vergleich zum Nutzen von Impfungen steht, der viel, unermesslich viel größer ist."
 
(…)

Lauterbach: "Es gibt tatsächlich ernstzunehmende Risiken, die sind aber sehr selten. Zum Beispiel bei der Masern-Impfung kommt es zu einer schweren Komplikation bei einer von einer Million Impfungen. (…) Wenn ich aber jetzt nicht impfe und die Masern also kommen, dann ist das Risiko tausendmal so hoch, das heißt, das Risiko, dass ein Kind einen sehr schweren Schaden hinnimmt oder auch stirbt, ist bei Nicht-Impfung tausendmal so hoch, als wenn ich impfe. Somit also ist es aus meiner Sicht ein gut vertretbares Risiko. (…) Aber um das sicherzustellen, sind in Dänemark jetzt noch mal durch einen internationalen Verbund 650 000 Geimpfte über Jahrzehnte beobachtet worden – über Jahrzehnte! – es gab keine Komplikationen. Das heißt, es gibt wenige Dinge, die so gut untersucht sind in der Medizin, wie die Auswirkung von Impfen auf Krankheiten. Und es sind tatsächlich keine großen Risiken."

Stimmt das? Ist das Risiko von Nebenwirkungen nach einer Impfung gering?

Um reale und vermeintliche Risiken von Impfungen zu untersuchen und transparent zu machen, wertete das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zuletzt sämtliche im Jahr 2017 gemeldeten Verdachtsfälle von Impfnebenwirkungen oder Impfkomplikationen aus. Demnach lagen in jenem Jahr ingesamt 4027 solcher Verdachtsfälle vor. 1111 Fälle wurden davon als schwerwiegend eingestuft. 18 Fälle (0,4 Prozent) nahmen einen tödlichen Ausgang, wobei das Institut betont, dass "in keinem einzigen Fall ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Impfung und der berichteten Todesursache festzustellen" gewesen sei. In 46 Fällen (1,1 Prozent) waren bleibende Schäden zu beklagen, in acht Fällen stellte das PEI sicher einen kausalen Zusammenhang zur Impfung fest. Bei rund 40 Millionen Impfstoffdosen, die in Deutschland jährlich verteilt werden, entspricht das einem Anteil von 0,00002 Prozent.

Prof. Dr. Klaus Überla, Direktor des Virologischen Instituts der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO)
Prof. Dr. Klaus Überla, Direktor des Virologischen Instituts der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) | Bild: C. Deppe

Auch Prof. Dr. Klaus Überla, Direktor des Virologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen, betont, dass schwere Nebenwirkungen nach einer Impfung die Ausnahme seien:

"Natürlich kann es auch bei Impfungen zu Nebenwirkungen kommen, diese sind jedoch fast immer harmlos und gehen rasch vorbei. Größere Komplikationen mit bleibenden Schäden sind deutlich seltener als 1 in 10 000 Impfungen."

Überla, der als Mitglied in der Ständigen Impf-Kommission (STIKO) mitwirkt, rät außerdem dazu, Art und Häufigkeit von Nebenwirkungen für jede Impfung getrennt zu betrachten:

"Für die in der Sendung angesprochene Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln gilt, dass es häufig zu einer leichten Impferkrankung mit Fieber und einem Masern-ähnlichen Hautausschlag kommt. Bei Säuglingen kann es selten zu hohem Fieber mit einem Fieberkrampf kommen. Sehr selten werden gut behandelbare Sofortreaktionen bis hin zum Kreislaufschock beobachtet. Die genannte Entzündung des Gehirns sind Einzelfälle nach millionenfacher Masern-, Mumps- und Röteln-Impfung."

Belege, dass die Impfung Allergien auslöst, gebe es hingegen nicht. Der Verdacht, dass die Impfung autistische Störungen auslösen könnte, beruhe ferner auf einer gefälschten Studie und sei inzwischen eindeutig widerlegt. Besagte Studie wurde 1998 von dem inzwischen mit einem Berufsverbot belegten britischen Arzt Andrew Wakefield veröffentlicht. Das medizinische Journal "The Lancet", in dem Wakefield seine vermeintlichen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus schilderte, zog die Studie 2010 wegen offenkundiger Fehler und unethischer Forschungsmethoden zurück. 

Unser Studiogast Karl Lauterbach setzte der auf Wakefield zurückgehenden Fehlinformation eine aktuelle Studie aus Dänemark entgegen. Tatsächlich untersuchte ein Forschungsteam des Kopenhagener Statens Serum Institut zwischen 1999 und 2013 die Gesundheitsdaten von insgesamt 650 000 dänischen Kindern. Die Impfrate lag hier bei über 95 Prozent. Unter den geimpften Kindern, so das zentrale Ergebnis der Studie, gab es statistisch gesehen jedoch nicht mehr Fälle von Autismus als bei den ungeimpften.

Heilpraktikerin Ursula Hilpert-Mühlig verwies außerdem auf die Nebenwirkungen, die vor ein paar Jahren bei Impfungen gegen die sogenannte Schweinegrippe auftraten. Vor allem die Fälle von Narkolepsie hätten sich damals gehäuft. Virologe Prof. Dr. Klaus Überla bestätigt diesen Einwand:

"Der Verdacht, dass Pandemrix, einer während der 2009 befürchteten Influenza-Pandemie verwendeten Impfstoffe, eine Narkolepsie auslösen kann, hat sich erhärtet. Man geht davon aus, dass damals pro 100 000 Impfungen mit Pandemrix 0,6 bis 6 Narkolepsiefälle ausgelöst wurden. Dieser Impfstoff wird inzwischen nicht mehr verwendet."

Fazit: Kann eine Impfung schwere Folgeschäden, wie z.B. Allergien oder sogar Autismus, nach sich ziehen? Unsere Studiogäste Natalie Grams und Karl Lauterbach, beide ausgebildete Mediziner, verneinten entschieden. In wenigen Einzelfällen könne es zwar zu Nebenwirkungen kommen, sein Kind jedoch nicht impfen zu lassen, sei eindeutig das größere Risiko. Eine aktuelle Auswertung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zeigt, dass von insgesamt 4027 Verdachtsfällen im Jahr 2017 lediglich in acht Fällen ein direkter Zusammenhang zwischen der Impfung und einem bleibenden gesundheitlichen Schaden hergestellt werden konnte. Umgerechnet auf die 40 Millionen Impfstoffdosen, die in Deutschland jährlich verteilt werden, entspricht das einem Anteil von 0,00002 Prozent. Die noch immer weit verbreitete Behauptung, Masernimpfungen könnten eine autistische Störung auslösen, beruht auf einer gefälschten Studie des britischen Arztes Andrew Wakefield aus dem Jahr 1998. Das Journal, das den Artikel seinerzeit veröffentlichte, zog ihn 2010 zurück. Wakefield selbst wurde mit einem Berufsverbot belegt. Umfangreiche Studien haben indes gezeigt, dass bei geimpften Kindern nicht mehr Fälle von Autismus zu verzeichnen sind als bei ungeimpften.

Was sind die MacKenzie-Zonen?

Heilpraktikerin Ursula Hilpert-Mühlig gewährte in unserer Sendung einen Einblick in ihre Tätigkeit und die Methoden, mit denen sie ihre Patienten behandelt. Dabei kam sie auf die sogenannten MacKenzie-Zonen zu sprechen, eine schematische Einteilung des menschlichen Körpers, die bei gewissen Behandlungsmethoden hilfreich sei. Ärztin Natalie Grams entgegnete jedoch, die Wirksamkeit einer gezielten Behandlung der MacKenzie-Zonen sei wissenschaftlich überhaupt nicht bewiesen.

Heilpraktikerin Hilpert-Mühlig: Was sind die MacKenzie-Zonen? | Video verfügbar bis 10.04.2020

Hilpert-Mühlig: "Es gibt diese sogenannten MacKenzie- oder Head’schen Zonen, wo sich an der Körperoberfläche auch Organe widerspiegeln, also zum Beispiel Funktionsstörungen. Wir kennen das von der Galle, die strahlt in die Schulter aus zum Beispiel."

(…)

Grams: "Das klingt unglaublich toll. Da sind Head’sche Zonen, da sind Reflexe, da ist irgendetwas, was an der Körperoberfläche geschieht, aber innen dann beeinflusst, wirklich heilt. Nichts davon ist belegt, nichts davon ist bewiesen!"

(…)

Hilpert-Mühlig: "Die MacKenzie-Zonen, Frau Grams, haben Sie mit Sicherheit in Ihrem Studium gelernt."

Grams: "Aber nicht in der Art, wie Sie sie verwenden."

Hilpert-Mühlig: "Doch, es sind Reflexzonen auf der Haut, einfach mal nachschauen. Oder es gibt einen Faktencheck, sicher."

Stimmt das? Was sind die MacKenzie-Zonen?

Unter den MacKenzie-Zonen – häufig auch Head’sche Zonen genannt, zurückgehend auf den englischen Neurologen Sir Henry Head (1861-1940) – versteht man Bereiche der Haut, deren Nervenversorgung jeweils einem Rückenmarkssegment zugeordnet ist. Die einzelnen Zonen und bestimmten Bereiche der inneren Organe, die über dieselben Rückenmarkssegmente versorgt werden, stehen in Zusammenhang. Auf diese Weise können z.B. Schmerzempfindungen, die von inneren Organen ausgehen, aufgrund der Verschaltung im Rückenmark auf die entsprechenden Hautareale projiziert werden. Man spricht dabei vom übertragenen Schmerz

Prof. Dr. Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena
Prof. Dr. Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena | Bild: UKJ / Schroll

Prof. Dr. Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie an der Universitätsklinik Jena, bestätigt uns, dass über die Existenz dieser Zonen unter Medizinern grundsätzlich kein Zweifel besteht:

"Die Head’schen Zonen sind wissenschaftlich nachgewiesen. Im Rückenmark laufen Nerven zusammen, die einmal Signale aus dem Körperinneren und einmal Signale von der Körperoberfläche leiten. Das erklärt, warum jemand z.B. Schmerzen in der Schulter angibt, der eine Erkrankung der Gallenwege hat. Der Schmerz entsteht in den Gallenwege, aber unser Gehirn kann den Ort nicht lokalisieren, weil die Nervenleitung, die im Gehirn ankommt, entweder aus der Schulterregion oder aus den Gallenwegen kommt."

Die Schlussfolgerungen und Behandlungsweisen, die die Alternativmedizin aus dem Vorhandensein der Head’schen Zonen ableitet, hält aber auch die Onkologin für diskussionswürdig:

"Nun behaupten etwa die Anhänger des Schröpfens, dass man den Weg umgekehrt nutzen kann: Ich setze einen Reiz auf der Oberfläche und beeinflusse damit das Organ innen. Dazu müssen mehrere Sachen bewiesen werden: Geht der Weg von aussen nach innen? Wenn ja, welche Krankheiten in welchen Organen bei welchen Patienten kann ich beeinflussen? Wie gut schneidet diese Methode im Vergleich zu bereits wissenschaftlich nachgewiesenen Methoden ab?"

All diese Fragen könne man nicht mit der Erfahrung der Anwender beantworten, sondern nur in einer Reihe von wissenschaftlichen Studien. Diese Studien gebe es jedoch schlichtweg nicht. 

Fazit: Heilpraktikerin Ursula Hilpert-Mühlig stellte in unserer Sendung eine Reihe ihrer Behandlungsmethoden vor. Dabei kam sie auf die sogenannten MacKenzie- oder Head’schen Zonen zu sprechen, eine schematische Einteilung des menschlichen Körpers, die z.B. beim Schröpfen hilfreich sei. Ärztin Natalie Grams gab zu bedenken, dass die medizinische Wirksamkeit solcher Behandlungen der MacKenzie-Zonen wissenschaftlich nicht belegt sei. Zunächst ist festzustellen, dass diese Zonen tatsächlich existieren und auch von Schulmedizinern anerkannt sind. Es handelt sich um Hautareale, deren Nervenversorgung einem bestimmten Rückenmarksegment zugeordnet ist. So können Schmerzen von einem inneren Organ aus auf die Haut übertragen werden. Alternative Methoden zur Behandlung der MacKenzie-Zonen, wie das Schröpfen, zweifeln Schulmediziner jedoch an, weil wissenschaftliche Belege für ihre Wirksamkeit, die über das subjektive Empfinden hinausreichen, bislang nicht vorliegen.

Autoren: Tim Berressem, Carol Pfeffer, Aaron Pommerening

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