Faktencheck zu "Spione im Kalten Krieg"

Sendung vom 02.10.2019

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Bodo Hechelhammer, Gerhart Baum, Lilli Pöttrich, John Kornblum
Die Gäste (v.l.n.r.): Bodo Hechelhammer, Gerhart Baum, Lilli Pöttrich, John Kornblum | Bild: WDR / Max Kohr

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Was sind die Rosenholz-Dateien?

Was sind die Rosenholz-Dateien?

Zentrales Thema sowohl des Spielfilms "Wendezeit" als auch unserer anschließenden Diskussionsrunde waren die sogenannten Rosenholz-Dateien. Der Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes Bodo Hechelhammer erklärte, es handele sich dabei um ein Karteisystem des DDR-Auslandsnachrichtendienstes HVA, in dem insgesamt etwa 6000 in der BRD tätige Spione verzeichnet gewesen seien. 

DDR-Agentenkartei: Was sind die Rosenholz-Dateien? | Video verfügbar bis 02.10.2020

Maischberger: "Was genau sind die Rosenholz-Dateien gewesen und warum hatten die so eine Bedeutung?"

Hechelhammer: "Das sind die verfilmten Karteikartensysteme der HVA (Hauptverwaltung A, der DDR-Auslandsnachrichtendienst, Anm. d. Red.), in denen das Interesse an Personen der Auslandsaufklärung dargelegt ist, allgemein. Darunter auch dann natürlich versteckt, kodiert die entsprechenden IMs, also die Spione, die dann auch im Operationsgebiet, also in der BRD, tätig waren."

(…)

Baum: "Wie viele waren das ungefähr?"

Hechelhammer: "Ich glaube, man konnte am Ende herausfinden – also in den 40 Jahren Zeit sollen es etwa 6000 IMs gewesen sein. Und am Ende, also Stichpunkt ist 1988, zu dem Zeitpunkt waren es dann irgendwie um 1557, glaube ich, ist die Zahl. Also 1500 waren noch tätig."

Stimmt das? Was sind die Rosenholz-Dateien?

Dr. Christopher Nehring, Wissenschaftlicher Leiter im Deutschen Spionagemuseum Berlin
Dr. Christopher Nehring, Wissenschaftlicher Leiter im Deutschen Spionagemuseum Berlin  | Bild: Susanne Schleyer

Unter dem Begriff "Rosenholz-Dateien" wird eine Datensammlung der Hauptverwaltung A (HVA), also des DDR-Auslandsnachrichtendienstes, zusammengefasst. Diese enthält zentrale Informationen über die für die HVA tätigen Agenten. Deswegen werden die Rosenholz-Dateien oft auch als Agentenkartei bezeichnet. In ihr wurden ursprünglich drei verschiedene Informationsträger gebündelt, wie uns Dr. Christopher Nehring, wissenschaftlicher Leiter im Deutschen Spionagemuseum Berlin und Autor des Buchs "77 Spionage-Mythen enträtselt", genauer erklärt:

"Was wir heute als 'Rosenholz'-Dateien bezeichnen, ist eine Sicherheitskopie der drei Träger aus dem Jahr 1988. Dabei handelte es sich einerseits um das sogenannte 'Formblatt 16' (F16), das 'Formblatt 22' und die Statistikbögen der DDR-Auslandsaufklärung HVA (steht für: 'Hauptverwaltung A', nicht: 'Hauptverwaltung Aufklärung')."

Die F16 war, so Nehring weiter, ein Karteikartensystem, das Personen von geheimdienstlichem Interesse verzeichnete. Es fanden sich z.B. Zielpersonen, eigene Agenten und Kuriere darin. Die F22-Kartei verzeichnete sogenannte "Vorgänge" der HVA mit ihrem jeweiligen Decknamen, z.B. angeworbene inoffizielle Mitarbeiter oder Vorgänge zur Anwerbung von Personen oder sogenannten "Kontaktpersonen", bei denen unklar gewesen sei, ob sie sich über den geheimdienstlichen Hintergrund ihrer Kontakte im Klaren waren, erklärt Nehring: 

"Damit war die F22 aber auch der zweite Teil der 'Agenten-Kartei' der HVA, da hier inoffizielle Mitarbeiter mit ihrem Decknamen und Registriernummer (aber ohne Klarnamen und Personenangaben) verzeichnet wurden. Die Klarnamen standen aber ja in der F16-Kartei und die Verbindung zwischen beiden konnte durch die Registriernummer hergestellt werden."

Der dritte Datensatz umfasste schließlich die Statistikbögen der HVA, die Auskunft geben über inoffizielle Mitarbeiter und deren Produktivität, Motivation und Informationslieferungen. Durch die Kombination dieser drei Informationsträger war eine Identifizierung der geheimen, inoffiziellen Mitarbeiter möglich.

Die Informationsträger wurden im Laufe des Jahres 1988 größtenteils auf Mikrofilm fixiert. Diese Filmsammlung geriet wenig später in die Hände der CIA. Im Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wurde sie zuletzt am 28. Dezember 1989 gesehen, als sie an einen Abteilungsleiter der HVA übergeben wurde. Gerade vor diesem historischen Hintergrund sei der Begriff Rosenholz-Dateien durchaus missverständlich, betont Spionage-Experte Nehring:

"Als 'Operation Rosenholz' bezeichnete die Spionageabwehr des Bundesamtes für Verfassungsschutz ihre Einsichtnahme in die Dateien 1993 in Washington. Damals waren die gesamten Dateien noch im Besitz des US-amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA, der sie 1991 – vermutlich von einem KGB-Offizier in Warschau – gekauft hatte. Die CIA war seit Ende der 1980er Jahre auf der Suche nach einem Maulwurf und erhoffte sich Hinweise aus den Karteien und Unterlagen der HVA. Später zeigte sich, dass dieser Maulwurf Aldrich Ames war, der Leiter der CIA-Gegenspionage gegen die UdSSR. Er war vom KGB angeworben worden."

Im Jahr 2003 wurden die Datenträger nach langen Verhandlungen schließlich an die Bundesrepublik Deutschland übergeben. Wie aber konnte es sein, dass DDR-Spione wie unser Studio-Gast Lilli Pöttrich schon zehn Jahre zuvor auf Grundlage der damals noch in CIA-Besitz befindlichen Daten in Deutschland angeklagt und verurteilt werden konnten? Dr. Christopher Nehring erklärt:

"Wie gesagt kaufte die CIA die Dateien 1991 von einem KGB-Mitarbeiter; dann wertete sie sie zwei Jahre lang intensiv auf der Suche nach einem Maulwurf aus. 1993 setzte die CIA das Bundeskanzleramt über die Dateien in Kenntnis. Zu dieser Zeit liefen bereits die ersten großen Spionageprozesse der Nachwendezeit. Noch im selben Jahr 1993 reiste der Leiter der Spionageabwehr des Bundesamts für Verfassungsschutz, Dirk Dörrenberg, nach Washington und erhielt von der CIA Einsicht in die Informationen. Nach und nach wurden die in den Dateien verzeichneten Informationen an die Bundesrepublik übergeben, aber zuerst hatten eben die Nachrichtendienste, Polizei- und Strafverfolgungsbehörden Zugang zu den Informationen. An die Stasi-Unterlagenbehörde BStU gingen die Informationen als CD-Rom ebenfalls, nur waren sie bis 1998 als Verschlusssache klassifiziert, ab 1998 konnten sie zuerst die Forscher der Behörde einsehen, danach auch die externe Öffentlichkeit."

Insofern sei der Fall Lilli Pöttrich ein Paradebeispiel für dieses Vorgehen und die zeitliche Abfolge der beschriebenen Ereignisse.

Wie BND-Chefhistoriker Bodo Hechelhammer in unserer Sendung richtig sagte, haben Analysen ergeben, dass auf den Karteikarten für die Jahre 1951 bis 1988 insgesamt rund 6000 Agenten in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin verzeichnet waren, von denen im Jahr 1988 noch genau 1553 aktiv waren. 

Fazit: Ein wichtiger Themenkomplex unserer Sendung waren die sogenannten Rosenholz-Dateien. Unser Gast Bodo Hechelhammer, der als Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes tätig ist, erklärte, es handele sich dabei um die verfilmten Karteikartensysteme des DDR-Auslandsnachrichtendienstes HVA. Darin seien insgesamt etwa 6000 Agenten verzeichnet gewesen, die seit den Fünfzigerjahren in der BRD operierten. Das stimmt. Die fraglichen Unterlagen wurden im Jahr 1988 größtenteils auf Mikrofilm fixiert. Diese Filme fielen wenig später in den Besitz des US-Auslandsgeheimdienstes CIA. Der deutsche Verfassungsschutz konnte sie erstmals im Jahr 1993 einsehen und auf dieser Basis entsprechende Strafverfahren einleiten. Im Jahr 2003 wurden die Dateien schließlich an die Bundesrepublik Deutschland übergeben.

Autoren: Tim Berressem, Lena Meyer

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