Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 14.08.2019

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Hans-Ulrich Jörges, Simone Baum, Charles M. Huber, Idil Baydar, Wolfram Weimer
Die Gäste (v.l.n.r.): Hans-Ulrich Jörges, Simone Baum, Charles M. Huber, Idil Baydar, Wolfram Weimer | Bild: WDR / Max Kohr

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Wie gravierend war die Talentabwanderung in der DDR?
  • Ist die Bevölkerungsentwicklung ein Problem für Afrika?

Wie gravierend war die Talentabwanderung in der DDR?

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck schilderte in unserer Sendung seine Erfahrungen, die er zwischen 1949 und 1990 als Bürger der DDR machen musste. Dass im Laufe dieser Jahre immer wieder zahlreiche Menschen die Republik verließen, während er dort blieb, erinnerte Gauck mit gemischten Gefühlen. Einerseits habe er den Ausreisenden die Freiheit gegönnt, andererseits seien es gerade diese Menschen gewesen, die nach einem Zusammenbruch des Systems durch ihre Tatkraft und ihre Fähigkeiten den Wiederaufbau Ostdeutschlands massiv hätten vorantreiben können. Gauck erklärte in der Sendung, dass diese Talentabwanderung (engl. brain drain) aus der DDR sich auch heute noch auf das Leben in Ostdeutschland auswirke.

Joachim Gauck: Wie gravierend war die Talentabwanderung in der DDR? | Video verfügbar bis 14.08.2020

Gauck: "Wir haben den Weggehenden die Freiheit gegönnt und gleichzeitig waren wir traurig: Wenn es einmal anders kommt, dann brauchen wir doch die Leute. Und nachher kam es schneller anders als wir das geglaubt haben. Und viele derer, die mutig waren, die tatkräftig waren, die Ideen hatten, die Eigenverantwortung leben wollten, die die Freiheit liebten, waren dann schon weg."

Maischberger: "Die waren weg. Die kamen auch nicht mehr wieder."

Gauck: "Ja. Das zeigt sich ja auch noch bis heute, nicht?"

Stimmt das? Gab es eine gravierende Talentabwanderung in der DDR?

Von der Staatsgründung im Oktober 1949 bis zur Grenzöffnung am 9. November 1989 verließen insgesamt etwa 3,5 Millionen Menschen die DDR. Allein bis 1961 waren es rund 2,74 Millionen, was ein wesentlicher Grund für den Mauerbau war, mit dem man am 13. August 1961 begann. Eine ungehinderte Ausreise war von da an nicht mehr möglich, was sich in deutlich sinkenden Ausreisezahlen niederschlug. Insgesamt sind in den Jahren 1962 bis 1988 aber nochmals etwa 575 000 Menschen aus der DDR geflohen bzw. legal abgewandert.

Prof. Dr. Joachim Ragnitz, Stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden
Prof. Dr. Joachim Ragnitz, Stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden | Bild: ifo Institut

Wie aber ist Joachim Gaucks Aussage einzuschätzen, wonach vor allem die höher qualifizierten Bürger die DDR verließen? Wir fragen nach bei Prof. Dr. Joachim Ragnitz vom Wirtschaftsforschungsinstitut ifo.

"Angaben über die Ausbildungsabschlüsse der abgewanderten Personen liegen nicht vor, aber man muss davon ausgehen, dass es zwischen 1949 und 1988 eher jüngere und überdurchschnittlich qualifizierte Personen waren, die die DDR verlassen haben. Man muss allerdings auch hinzunehmen, dass es bereits vor der Gründung der DDR eine massive Fluchtwelle aus der damaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gegeben hatte. Diese Bevölkerungsverluste wurden zu einem guten Teil ausgeglichen durch die Zuwanderung von Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Auch dies hat in der Tendenz zu einem Verlust an gut qualifizierten Menschen geführt, weil unter den damaligen Übersiedlern nach Westdeutschland viele Unternehmer waren, die in der SBZ oder der DDR von Enteignung bedroht waren, während die Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern oder Schlesien eher weniger gut qualifiziert gewesen sein dürften."

Gaucks Aussage treffe vor diesem Hintergrund wohl vor allem auf die Fünfzigerjahre zu, erklärt der Wirtschaftsforscher weiter. In den Jahren nach dem Mauerbau seien es schlicht zu wenige Personen gewesen, denen die Flucht oder legale Ausreise gelungen sei, als dass dies zu einer Beeinträchtigung der Entwicklung in der DDR selber geführt hätte. Die These, dass ein etwaiger 'Braindrain' in der DDR sich noch heute auf den wirtschaftlichen und sozialen Zustand der östlichen Bundesländer auswirke, schätzt Ragnitz so ein:

"Ein Großteil der zu DDR-Zeiten abgewanderten Personen dürfte nach der Vereinigung bereits im Rentenalter gewesen sein und deswegen für den 'Aufbau Ost' ohnehin nicht mehr zur Verfügung gestanden haben. Das Problem ist wohl eher, dass Eigeninitiative und Risikobereitschaft in der DDR systematisch unterdrückt worden waren und deswegen in der ostdeutschen Bevölkerung wenig verbreitet war. Zudem kam es nach 1990 zu einer massiven Abwanderung aus den ostdeutschen Bundesländern (schätzungsweise 1,2 Millionen Personen)."

Insbesondere dieser Bevölkerungsverlust nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 sei es, der die Restrukturierung der ostdeutschen Wirtschaft bis heute behindere.

Fazit: Bundespräsident a.D. Joachim Gauck erklärte in unserer Sendung, es seien vor allem hochqualifizierte Menschen gewesen, die seinerzeit aus der DDR abwanderten. Dieser ‚Braindrain‘ habe sich später, nach Zusammenbruch des Systems, negativ auf die Entwicklung der ostdeutschen Bundesländer ausgewirkt. Der Effekt halte sogar bis heute an, so Gauck. Tatsächlich haben zwischen 1949 und 1989 insgesamt etwa 3,5 Millionen Menschen die DDR verlassen, sei es auf legalem Wege oder durch Flucht. Über Ausbildungsabschlüsse und Qualifikationen der Ausreisenden liegen jedoch keine Statistiken vor. Es ist aber davon auszugehen, dass vor allem in den ersten Jahren nach Staatsgründung ein erheblicher Verlust gut qualifizierter Bürger zu verzeichnen war. Durch den Mauerbau 1961 wurde diese Entwicklung jedoch stark eingedämmt. Dass speziell der 'Braindrain' in den Jahren der DDR verantwortlich ist für die strukturellen Probleme, die die ostdeutschen Bundesländer noch heute prägen, gilt als eher unwahrscheinlich. Ein wesentlicher Grund liegt wohl vor allem in der Unterdrückung von Eigeninitiative und Risikobereitschaft seitens der Bürger durch das DDR-Regime.

Ist die Bevölkerungsentwicklung ein Problem für Afrika?

Vor dem Hintergrund der Rassismus-Debatte um Schalke-Boss Clemens Tönnies diskutierten CDU-Politikerin Simone Baum und Schauspieler Charles M. Huber, inwiefern die Bevölkerungsentwicklung Afrikas tatsächlich ein Problem für den Kontinent darstellt. Baum betonte, die Bevölkerung gewisser afrikanischer Länder sei schon jetzt viel zu hoch und werde in den nächsten Jahren noch deutlich ansteigen, verbunden mit erheblichen Problemen. Huber hielt dagegen, das Hauptproblem sei nicht die demographische Entwicklung, sondern die weltwirtschaftlichen Bedingungen, unter denen die afrikanischen Länder noch immer zu leiden hätten. 

Baum vs. Huber: Wie problematisch ist Afrikas Bevölkerungswachstum? | Video verfügbar bis 14.08.2020

Baum: "Fakt ist, dass in Afrika eine explodierende Bevölkerungsexplosion da ist. Also das Bevölkerungswachstum wächst. Nigeria zum Beispiel, das wissen Sie sicherlich, könnte nur 10 Millionen aushalten. 20 Millionen sind es jetzt und 2020 sollen es 440 Millionen sein. Das Land explodiert."

Maischberger: "Das Land oder der Kontinent?"

Baum: "Der Kontinent. Entschuldigung."

(…)

Huber: "Tatsache ist, dass das Problem Afrikas und auch der Migration nicht die demographische Entwicklung ist. Sondern es ist die sogenannte weltwirtschaftliche Arbeitsteilung, die zum Nachteil Afrikas und zum Vorteil der Industriestaaten gestaltet wird. Das Symbol ist ein Handy, nicht einer gewissen Marke. Sie telefonieren zum Beispiel mit einem Handy, wenn man es genau nimmt, aus dem Kongo. Aus dem Kongo kommt der Rohstoff Coltan, bloß die Verarbeitungsprozesse finden in den Industrienationen statt."

Stimmt das? Ist die Bevölkerungsentwicklung ein Problem für Afrika?

Tatsächlich ist Afrika gegenwärtig der Kontinent mit der höchsten Bevölkerungszunahme weltweit. Das stärkste Bevölkerungswachstum betrifft Länder südlich der Sahara. Nigeria, Niger, Uganda und Angola haben die höchsten Zuwachsraten, aber auch im Durchschnitt liegen die Steigerungsraten bei über zwei Prozent im Jahr. Derzeit leben in Afrika laut UN-Statistik 1,3 Milliarden Menschen. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass sich die afrikanische Bevölkerung in 30 Jahren verdoppelt haben wird. Eine Entwicklung, die mit großen Risiken verbunden ist, denn wenn das Wachstum der Wirtschaft mit dem der Bevölkerung nicht mithalten kann, steigt die Armut. Eine Studie der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung aus dem vergangenen Jahr prognostiziert, dass im Jahr 2050 rund 40 Prozent der extrem armen Bevölkerung der Welt in nur zwei Ländern leben werden: in Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo.

Prof. Dr. Till Förster, Zentrum für Afrikastudien an der Universität Basel
Prof. Dr. Till Förster, Zentrum für Afrikastudien an der Universität Basel | Bild: Universität Basel

Prof. Dr. Till Förster vom Zentrum für Afrikastudien der Universität Basel sieht in der gegenwärtigen Bevölkerungsentwicklung jedoch nicht nur eine Herausforderung, sondern vor allem auch eine Chance:

"Die junge Bevölkerung ist eine große Chance für die Wirtschaft in den meisten afrikanischen Ländern. Die jungen Menschen sind durchwegs hochmotiviert, eine eigene Lebensgrundlage aufzubauen, und können in naher Zukunft zu dem produktivsten Teil der Bevölkerung werden."

Damit das gelingen kann, müssen allerdings einige wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedingungen erfüllt sein, so Förster weiter:

"Es muss gute Ausbildungsmöglichkeiten geben. Investitionen in das Schulwesen, aber auch in höhere Bildung und die Universitäten sind genauso notwendig wie eine praxisnahe Ausbildung, etwa mittels eines den lokalen Verhältnissen angepassten dualen Systems. Vor allem muss es für Mädchen und junge Frauen gleiche Chancen geben, eine gute Ausbildung zu absolvieren. Gut ausgebildete Frauen tragen erheblich zum Wohlstand eines Landes bei und sorgen ihrerseits für gute Startbedingungen ihrer Kinder."

Auch Beschäftigungsperspektiven für junge Menschen sowie eine angemessene Entlohnung seien wichtige Faktoren, um das Potenzial des Bevölkerungswachstums zu fördern. Besonders betont Förster die Bedeutung angemessener Erzeugerpreise für die wichtigsten afrikanischen Exportgüter, wie z.B. Kakao, Kaffee oder Baumwolle:

"Die internationalen terms of trade müssen vorteilhafter für den Globalen Süden werden, und Subventionen konkurrierender landwirtschaftlicher Produkte im Globalen Norden müssen enden, z.B. für den Baumwollanbau in den USA."

Problematisch ist in diesem Zusammenhang z.B. auch der Abbau von Rohstoffen wie Coltan oder Kobalt, die – wie Charles M. Huber in der Sendung richtig sagte – zur Produktion von Smartphones benötigt werden. Mindestens 50 Prozent des Kobalts auf dem Weltmarkt werden laut Amnesty International in der Demokratischen Republik Kongo abgebaut – meist unter lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen und nicht selten durch Kinderarbeit. 

Überdies müsse die Selbstbestimmung der Frauen in Afrika deutlich gestärkt werden. Die Familienplanung sowie politische Entscheidungen dürften nicht allein eine Angelegenheit älterer Männer sein, so Förster.

Sollten diese Bedingungen nicht erfüllt sein, könne die Entwicklung eine ganz andere, vermutlich sehr viel schlechtere Richtung einschlagen, sagt der Ethnologe. Es werde dabei weder allein von Afrikanerinnen und Afrikanern noch von uns im Globalen Norden abhängen, wie sich der Kontinent entwickelt. Es sei eine Aufgabe, die sich nur multilateral angehen lassen werde.

Positive Entwicklungen sind bereits in Ländern wie Ruanda oder Äthiopien zu beobachten, wo sich die jeweiligen Regierungen verstärkt der Kernbereiche Gesundheit und Bildung sowie der Schaffung von Arbeitsplätzen annehmen. 

Fazit: CDU-Politikerin Simone Baum und Schauspieler Charles M. Huber stritten in unserer Sendung über die Frage, ob allein das große Bevölkerungswachstum ein Problem für den afrikanischen Kontinent darstellt oder vielmehr die wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen die Menschen dort aktuell leben müssen. Derzeit leben etwa 1,3 Milliarden Menschen in Afrika und aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass sich diese Zahl innerhalb der nächsten 30 Jahre verdoppeln wird. Sollten sich die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Zukunft nicht zum Positiven wenden, wird diese Bevölkerungszunahme immer mehr ein Problem werden. Doch wenn Ausbildungsmöglichkeiten, Beschäftigungsperspektiven und faire Bezahlung realisiert werden, kann das Wachstum durchaus eine große Chance darstellen. Ebenso sind die Selbstbestimmung der Frauen sowie eine gerechte Einbettung des Kontinents in die Weltwirtschaft unerlässlich, um eine positive Entwicklung einzuschlagen.

Autoren: Tim Berressem, Lena Meyer

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