Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 21.08.2019

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Jan Fleischhauer, Cornelia Kupsch, Anja Reschke, Florian Schroeder
Die Gäste (v.l.n.r.): Jan Fleischhauer, Cornelia Kupsch, Anja Reschke, Florian Schroeder | Bild: WDR / Melanie Grande

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • War das Paneuropäische Picknick der Anfang vom Ende der DDR?
  • Ist der Fleischkonsum auf ein ungesundes Maß gestiegen?

War das Paneuropäische Picknick der Anfang vom Ende der DDR?

In unserer Sendung schilderte die ehemalige DDR-Bürgerin Cornelia Kupsch, wie sie im August 1989 beim sogenannten Paneuropäischen Picknick mit etwa 700 anderen Menschen in den Westen floh. Auf die Frage, ob sie diese Entscheidung jemals bereut habe, erklärte Kupsch, sie würde immer wieder genau so handeln – vor allem weil diese massive Fluchtbewegung maßgeblich zum Zusammenbruch der DDR beigetragen habe.

Paneuropäisches Picknick: Anfang vom Ende der DDR? | Video verfügbar bis 21.08.2020

Maischberger: "Sie sind heute sowas von angekommen im Westen. Sie sind Bezirksbürgermeisterin in Hannover für die CDU. Ihr Mann hat eine erfolgreiche Karriere als Arzt auch gemacht. Sind Sie froh, dass Sie damals gegangen sind?"

Kupsch: "Ich habe es nie bereut. Ich würde es auch immer wieder tun. Ich würde es aus dem Grund machen, weil ich nach wie vor der Meinung bin, wenn wir nicht gegangen wären, wäre dieses Land wahrscheinlich nicht zusammengebrochen."

Stimmt das? Hat das Paneuropäische Picknick zum Ende der DDR geführt?

Das sogenannte Paneuropäische Picknick fand am 19. August 1989 als Friedensdemonstration im ungarisch-österreichischen Grenzgebiet nahe der Stadt Sopron statt. Initiiert wurde es von Mitgliedern des Ungarischen Demokratischen Forums. Geplant war die Veranstaltung mit etwa 20 000 Teilnehmern als grenzüberschreitende Zusammenkunft von Österreichern, Ungarn und anderen Mitteleuropäern an symbolisch bedeutender Stelle, nämlich dem Grenzzaun, der Europa damals in Ost und West teilte. So war das Treffen vor allem auch als Demonstration gegen die Berliner Mauer zu verstehen.

Bence Bauer, Projektkoordinator im Auslandsbüro Ungarn der Konrad-Adenauer-Stiftung
Bence Bauer, Projektkoordinator im Auslandsbüro Ungarn der Konrad-Adenauer-Stiftung  | Bild: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. / Balázs Szecsődi

Wie aber gelang es schließlich hunderten DDR-Bürgern, die Veranstaltung zur Flucht zu nutzen? Bence Bauer vom Auslandsbüro Ungarn der Konrad-Adenauer-Stiftung kennt die Hintergründe:

"Der Abbau der Grenzbefestigungsanlagen des Eisernen Vorhangs war in Ungarn zu dieser Zeit zwar schon weit fortgeschritten, doch konnten die Teilnehmer einen kleinen, für landwirtschaftliche Zwecke erhaltenen kurzen Abschnitt des Eisernen Vorhangs selbst abbauen und sich die Echtheit zertifizieren lassen. Man konnte aber die Grenze nicht einfach so passieren, sondern brauchte gültige Reisedokumente. An der Stelle des Paneuropäischen Picknicks, der Alten Pressburger Landstraße, gab es seit 1948 auch keine Grenzübergangsstelle mehr. In akribischer Kleinarbeit bewirkten die Organisatoren bei den ungarischen und den österreichischen Behörden die Einholung einer Sondererlaubnis für einen provisorischen Grenzübergangsposten für die Zeit von 15.00 bis 18.00 Uhr, damit die aus Österreich kommenden Gäste keinen weiten Umweg fahren mussten."

Diejenigen DDR-Bürger, die sich an diesem Tag in Ungarn aufhielten, hätten überwiegend durch einen Zufall von der Veranstaltung erfahren, die sich schließlich als Fluchtgelegenheit herausstellen sollte, so Bauer weiter. Dass die Massenflucht ohne Todesopfer vonstatten ging, sei dabei keine Selbstverständlichkeit gewesen: 

"Noch vor der Eröffnung durch die offizielle ungarische Delegation erreichten sie (die DDR-Bürger; Anm. d. Red.) um 14.57 Uhr das Grenztor und durchbrachen es voller Euphorie, beseelt von ihrem Drang nach Freiheit. Der damalige diensthabende Oberstleutnant Árpád Bella ließ sie gewähren und schaute mit seinen Leuten demonstrativ Richtung Österreich, obwohl er nach Befehlslage mit der Waffe die Menge hätte aufhalten können. Diesem besonnenen menschlichen Handeln ist es zu verdanken, dass es zu keinem Blutvergießen kam und an die 700 DDR-Bürger freudentaumelnd nach Österreich gelangen konnten. Die Nachrichten vom Paneuropäischen Picknick wurden medial stark verbreitet und sorgten weltweit für große Aufmerksamkeit."

Und wie ist das Ereignis historisch einzuordnen? Liegt unser Studiogast Cornelia Kupsch richtig mit der Annahme, dass die DDR ohne die Massenflucht beim Paneuropäischen Picknick nicht zusammengebrochen wäre? Bence Bauer stimmt ihr zu:

"'Ungarn hat den ersten Stein aus der Berliner Mauer geschlagen', so der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Das Paneuropäische Picknick war ein wichtiger Schritt zum Fall der Berliner Mauer. Die Kunde von der größten Massenflucht von DDR-Bürgern seit der Errichtung der Berliner Mauer verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den in Ungarn weilenden vielen zigtausenden Menschen aus der DDR. Sie suchten einen Weg, auch in den Westen zu gelangen. Nach einem tragischen Unfall am 21. August 1989 beim Fluchtversuch Richtung Österreich starb das letzte Opfer der deutschen Teilung, Kurt-Werner Schulz, außerhalb Deutschlands. Die ungarische Regierung wollte weitere Todesopfer vermeiden und beschloss unmittelbar darauf, die Grenzen für die DDR-Bürger endgültig zu öffnen. Als Termin hierfür wurde der 11. September 1989, 0.00 Uhr festgelegt. Der nicht enden wollende Strom von jubelnden DDR-Bürgern machte weltweit Schlagzeilen und schwächte die DDR-Führung nachhaltig. Dieser massenhafte, über Monate anhaltende Exodus und die daraufhin einsetzenden Montagsdemonstrationen in der DDR brachten das Regime zum Einstürzen, die Berliner Mauer fiel schließlich am 9. November 1989."

Bei den Feierlichkeiten anlässlich des 30. Jahrestages in Sopron betonte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich die historische Bedeutung des Paneuropäischen Picknicks. "Wir können dieses Ereignis gar nicht hoch genug würdigen", so Merkel in ihrer Rede. "Es wurde Weltgeschichte geschrieben."

Fazit: Die ehemalige DDR-Bürgerin Cornelia Kupsch, die während des Paneuropäischen Picknicks im August 1989 über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen floh, sagte in unserer Sendung, sie habe ihren damalige Entschluss nie bereut – insbesondere auch aus dem Grund, dass ohne diese Massenflucht das DDR-Regime nicht zusammengebrochen wäre. Tatsächlich sind die Ereignisse rund um das Paneuropäische Picknick als historische Einschnitte zu sehen, die den Weg zum Mauerfall wenige Monate später bereiteten. Nicht nur verlor die DDR tausende Bürger an den Westen. Auch die internationale Stellung der DDR-Führung wurde angesichts der weltweiten Berichterstattung nachhaltig geschwächt. Ungarn habe den ersten Stein aus der Berliner Mauer geschlagen, sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte unlängst noch einmal, das Paneuropäische Picknick habe Weltgeschichte geschrieben. 

Ist der Fleischkonsum auf ein ungesundes Maß gestiegen?

Ein Thema, das wir in der Sendung mit unserem Publikum diskutierten, war die Frage, ob Fleischessen mittlerweile überhaupt noch ohne schlechtes Gewissen möglich ist. Zwei Zuschauerinnen äußerten sich hier sehr kritisch. Nicht nur sei der Fleischkonsum in den vergangenen Jahren auf ein geradezu verschwenderisches Maß gestiegen, sondern er schade vor allem auch der menschlichen Gesundheit.

Ist der Fleischkonsum auf ein ungesundes Maß gestiegen? | Video verfügbar bis 21.08.2020

Maischberger: "Die Frage ist, können wir ohne schlechtes Gewissen noch Fleisch essen?"

Zuschauerin 1: "Ich bin normalerweise ein positiver Mensch und betone lieber das Für – in dem Fall muss ich aber leider sagen, nein in meinen Augen. Die Gründe sind uns eigentlich allen bekannt, die haben wir alle schon mal gehört. Erstens: Thema Gesundheit. Unser Darm ist nicht so wie der von einem Löwen, wie ein Fallrohr, wo das Fleisch einfach durchpurzeln kann. Sondern wir haben die vielen kleinen Zotten und Windungen, und da –"

Maischberger: "Gesundheit also schon mal: nein."

(…)

Zuschauerin 2: "Ich kann nur erschreckenderweise immer feststellen diese Riesentheken in Metzgereien, und es erschlägt einen. Und ich frage mich wirklich, müssen wir so viel angeboten bekommen, müssen wir so viel essen? Ich erinnere daran, dass immerhin – es ist ein paar Jahre her – der Sonntagsbraten etwas ganz Besonderes war. Es war ein besonderer Tag, wir haben uns an dem Familientisch zusammengefunden, und wir haben mit Freude das gegessen, was die Mutter zubereitet hat in der Küche. Also, mit anderen Worten: Fleisch gerne, ja. Aber die Massen und die Mengen sind nicht nötig."

Stimmt das? Ist der Fleischkonsum auf ein ungesundes Maß gestiegen?

Laut vorläufiger Statistik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zu Fleischerzeugung und -verbrauch betrug die Schlachtmenge im Jahr 2018 etwa 8,7 Millionen Tonnen. Demzufolge sei sie im Vergleich zum Vorjahr um 1,6 Prozent zurückgegangen. Während die Erzeugung von Schweine-, Rind- und Kalbfleisch rückläufig war, ist beim Geflügelfleisch ein leichter Anstieg zu beobachten. Die zum Verbrauch verfügbare Gesamtmenge an Fleisch sei 2018 laut BMEL im Vergleich zum Vorjahr um 0,8 Prozent gestiegen. Der hieraus errechnete Pro-Kopf-Verbrauch beträgt 88,6 kg und sei damit nach zwei Jahren der rückläufigen Entwicklung wieder gestiegen. Die Menge Fleisch, die am Ende tatsächlich verzehrt wurde, lag im Jahr 2018 BMEL-Schätzungen zufolge bei 60,1 kg pro Kopf.

Elisabeth Angenendt, Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre der Universität Hohenheim
Elisabeth Angenendt, Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre der Universität Hohenheim | Bild: privat

Elisabeth Angenendt hat sich am Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre der Universität Hohenheim intensiv mit dem Thema befasst. Sie bestätigt, dass der Fleischkonsum über die Jahrzehnte deutlich gewachsen ist – mit problematischen Folgen für die Umwelt:

"Der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch lag in den 60er Jahren mit 52,8 kg ca. 40 Prozent unter den Mengen von 2017. Diese Mehrproduktion von tierischen Produkten in Deutschland ist mit einem Mehrverbrauch an Ressourcen wie z.B. Futtermitteln aus dem In- und Ausland verbunden. Hierdurch entstand eine große Konkurrenz um die landwirtschaftliche Fläche national und global, was insgesamt zu einer Intensivierung der Flächenbewirtschaftung geführt hat und mit den bekannten negativen Umweltwirkungen wie Treibhausgasemissionen, hohen Stickstoffüberschüssen in Form von Nitrat im Grundwasser und Ammoniakemissionen, Biodiversitätsverlusten etc. verbunden ist."

Und auch dem menschlichen Körper könne ein übermäßiger Fleischkonsum laut aktuellen Erkenntnissen durchaus schaden, erklärt die Expertin: 

"Neben den Umweltwirkungen hat der hohe Fleischkonsum sicherlich auch negative Folgen auf die menschliche Gesundheit. So soll ein hoher Konsum von rotem Fleisch und Wurst, mit einem höheren Risiko für Darmkrebs verbunden sein."

Angenendt verweist in diesem Zusammenhang auf eine Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), in der es heißt:

Als Teil der vollwertigen Ernährung kann eine kleine Menge Fleisch die Versorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen erleichtern. Dafür reicht eine wöchentliche Menge an Fleisch und Wurst von insgesamt 300 g für Erwachsene mit niedrigem Kalorienbedarf bis hin zu 600 g für Erwachsene mit hohem Kalorienbedarf aus.

Die Empfehlungen für einen gesundheitsförderlichen Fleischverzehr lägen demnach zwischen 15,6 und 31,2 kg Fleisch bei einem Erwachsenen und damit weit unter dem durchschnittlichen jährlichen Pro-Kopf-Fleischkonsum in Deutschland von etwa 60 kg.

Nach Meinung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) kann aus den vorhandenen Studien jedoch kein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Krebs oder anderen Todesursachen abgeleitet werden. Höchstwahrscheinlich gebe es mehrere Ursachen, wie z.B. genetische Faktoren oder chemische Verbindungen, die durch bestimmte Zubereitungsarten – etwa beim Grillen – entstehen.

Den weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauch hat laut BMEL übrigens Australien mit 116,2 kg zu verzeichnen, gefolgt von den USA (115,1 kg). Durchschnittlich am wenigstens Fleisch wird in Indien verbraucht (3,7 kg). 

Fazit: Unser Publikum diskutierte kontrovers die Frage, ob Fleischkonsum ohne schlechtes Gewissen heutzutage überhaupt noch möglich ist. Zwei Zuschauerinnen äußerten erhebliche Bedenken. Einerseits sei der Fleischverzehr im Lauf der Jahre ins Unverhältnismäßige gestiegen, andererseits sei Fleisch in großen Mengen durchaus gesundheitsschädlich. Tatsächlich ist der Pro-Kopf-Verbrauch seit den 1960er Jahren um etwa 40 Prozent gestiegen. Dieser steigende Konsum hat einen Mehrverbrauch an Ressourcen zur Folge, der wiederum erhöhte Treibhausgasemissionen und Stickstoffüberschüsse nach sich zieht. Medizinische Erkenntnisse legen zudem nahe, dass ein übermäßiger Fleischkonsum dem menschlichen Körper schaden kann. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt einen jährlichen Pro-Kopf-Verzehr, der deutlich unter dem tatsächlichen aktuellen Wert von etwa 60 kg liegt.

Autoren: Tim Berressem, Lena Meyer, Christina Focken

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