Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 05.08.2020

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Rainer Hank, Karl Lauterbach, Christian Hacke, Boris Palmer, Günter Wallraff
Die Gäste (v.l.n.r.): Rainer Hank, Karl Lauterbach, Christian Hacke, Boris Palmer, Günter Wallraff | Bild: WDR / Max Kohr

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Was besagt die Unicef-Studie über steigende Kinderarmut durch Corona-Maßnahmen?
  • Wie viele Lebensjahre gehen durch Covid-19 verloren?
  • Wer geht bei den Corona-Demos auf die Straße?

Was besagt die Unicef-Studie über steigende Kinderarmut durch Corona-Maßnahmen?

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer plädierte in unserer Sendung dafür, in Fragen der Pandemie-Bekämpfung nicht nur die grundsätzliche Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung durch Covid-19 als wesentlichen Maßstab zu betrachten, sondern auch die weitergehenden sozialen und wirtschaftlichen Schäden, die das Herunterfahren des öffentlichen Lebens mit sich bringt. Palmer verwies hierbei auf eine aktuelle Studie der Unicef, wonach vor allem die Kinderarmut in Folge der Corona-Maßnahmen weiter ansteige. 

Unicef-Studie: Steigt durch Corona die Kinderarmut? | Video verfügbar bis 05.08.2021

Palmer: "Ich meine gerade das nicht, dass Menschenleben verschieden wert sind. Sondern mir geht es um das, (…) was die Unicef letzte Woche auch gesagt hat: Für arme Kinder auf dieser Welt ist die Corona-Bekämpfung schlimmer als die Krankheit selbst. Da werden mehr Kinder mit dem Leben die Maßnahmen bezahlen als Corona unter ihnen Opfer fordern könnte. Kommt von der Unicef, habe ich im April schon dort gelesen und bin weiterhin der Meinung, dass da was dran ist. Es geht darum, bei der Pandemie-Abwehr die Maßnahmen abzuwägen. Es gibt nämlich nicht die eine sichere Seite 'Je schärfer wir die Pandemie bekämpfen, desto besser ist alles'. Sondern wir müssen auch die sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten, die wiederum Lebensjahre kosten, in die Gleichung miteinbeziehen."

Stimmt das? Was besagt die Unicef-Studie?

Tatsächlich warnte Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, unlängst vor einem deutlichen Anstieg der globalen Kinderarmut in Folge der Corona-Pandemie. Laut einer aktuellen Studie, die Unicef Ende Mai gemeinsam mit der internationalen Nichtregierungsorganisation Save the Children herausgab, könnten bis zum Jahresende weltweit bis zu 86 Millionen zusätzliche Kinder in Armut geraten. Die Gesamtzahl der in Armut lebenden Kinder würde damit um 15 Prozent steigen. Die Analyse, die zu weiten Teilen auf Projektionen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank basiert, sieht vor allem Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen in besonderer Gefahr. Ohne entsprechende Gegenmaßnahmen könnten hier bis Jahresende insgesamt 672 Millionen Kinder unter der nationalen Armutsgrenze leben.

Etwa zwei Drittel der in Armut aufwachsenden Kinder leben in den Subsahara-Staaten Afrikas und in Südasien, heißt es in der Analyse. Vom Anstieg der Kinderarmut im Verlauf der Corona-Krise könnten aber Europa und Zentralasien am stärksten betroffen sein. Hier rechnen die Organisationen mit einem Anstieg der Kinderarmut von bis zu 44 Prozent. 

Die Pandemie habe eine "beispiellose wirtschaftliche und soziale Krise ausgelöst, die vielen Familien weltweit ihre Lebensgrundlage raubt", sagte Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. Zum einen seien Familien aufgrund des plötzlichen Einkommensverlustes stark eingeschränkt und könnten sich etwa kaum noch die nötigsten Nahrungsmittel und sauberes Wasser leisten. Gleichzeitig könnten benötigte soziale Dienste aufgrund fehlender Steuereinnahmen eingeschränkt werden. Die Krise drohe die in den vergangenen Jahren erreichten Fortschritte im Kampf gegen die Kinderarmut zunichtezumachen. Inger Ashing, Chefin von Save the Children International, warnte zudem: "Kinder, die Hunger und Mangelernährung erleiden, und sei der Zeitraum noch so kurz, können dauerhafte Schäden davontragen." Bereits vor der Pandemie hatten demnach zwei Drittel der Kinder weltweit keinen Zugang zu sozialer Sicherung. "Ihre Familien haben finanziellen Notsituationen wenig entgegenzusetzen und können schnell in einen generationsübergreifenden Teufelskreis der Armut geraten."

Ende Juli wies eine Studie der Bertelsmann Stiftung auf das aktuell auch in Deutschland wachsende Problem der Kinderarmut hin. Demnach wachsen rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche hierzulande in Armut auf – das sind 21,3 Prozent aller unter 18-Jährigen. Dieser Missstand drohe sich durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie weiter zu verschärfen, warnte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Gerade Eltern benachteiligter Kinder arbeiteten häufiger in Teilzeit oder als Minijobber und gehörten zu der Gruppe, die als erste ihren Job verliere, kaum oder kein Kurzarbeitergeld erhalte. Zugleich fallen viele Unterstützungsangebote für bedürftige Heranwachsende weg, wie Dräger schilderte. "Die Vermeidung von Kinderarmut muss gerade in der Corona-Krise politische Priorität bekommen."

Fazit: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer plädierte in unserer Sendung für ein durchdachteres Abwägen bei der Pandemie-Bekämpfung. Man dürfe nicht nur die gesundheitliche Gefährdung durch Covid-19 betrachten, sondern müsse auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen etwaiger Maßnahmen berücksichtigen. Palmer verwies auf eine aktuelle Unicef-Studie, wonach vor allem die Kinderarmut in Folge der Corona-Bekämpfung deutlich ansteige. Tatsächlich veröffentlichte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen gemeinsam mit der NGO Save the Children kürzlich eine entsprechende Analyse. Die Organisationen warnen darin vor einem Anstieg der in Armut lebenden Kinder um 15 Prozent bis Jahresende. Laut Analyse, die sich auf Projektionen des IWF und der Weltbank stützt, könnten Europa und Zentralasien mit einem Anstieg von bis zu 44 Prozent am stärksten betroffen sein. Betroffene Familien können sich aufgrund des plötzlichen Einkommensverlustes kaum noch die nötigsten Nahrungsmittel und sauberes Wasser leisten. Gleichzeitig könnten im weiteren Verlauf der Krise benötigte soziale Dienste aufgrund fehlender Steuereinnahmen eingeschränkt werden.

Wie viele Lebensjahre gehen durch Covid-19 verloren?

In der Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen stritten Karl Lauterbach und Boris Palmer über die Frage, wie viele Lebensjahre diejenigen Menschen, die an bzw. mit dem Coronavirus sterben, tatsächlich verlieren. Lauterbach betonte, dass selbst alte Menschen mit Covid-19 überdurchschnittlich früh sterben. Boris Palmer dagegen berief sich auf ökonomische Berechnungen, wonach deutlich weniger Lebensjahre verloren gingen.

Covid-19-Infektionen: Wie viele Lebensjahre gehen verloren? | Video verfügbar bis 05.08.2021

Lauterbach: "Selbst in alten Gesellschaften, wie z.B. Italien, das Land mit einer sehr alten Bevölkerung mittlerweile, und in der Lombardei, wo ein Großteil der Infektionen auch war, werden die Menschen besonders alt – da hat man ausgerechnet, wie viele Lebensjahre die Menschen, die dort gestorben sind, verloren haben. Es waren im Durchschnitt elf Lebensjahre. Und das ist nicht wenig. In jüngeren Gesellschaften, wo Menschen sterben, jetzt z.B. in den Vereinigten Staaten, verlieren die, die sterben, im Durchschnitt fast 20 Jahre."

(…)

Palmer: "Professor Raffelhüschen rechnet mit drei Jahren. Ich glaube, er ist sehr viel näher an der Wirklichkeit. Er hat auch ausgerechnet – ein Ökonom –, dass für Deutschland mehr Lebensjahre verloren sind als gewonnen wurden."

Stimmt das? Wie viele Lebensjahre gehen durch Covid-19 verloren?

Forscher der schottischen Universität Glasgow haben sich dieser Frage in einer aktuellen Studie ausführlich gewidmet. Unter dem Titel "COVID-19 – exploring the implications of long-term condition type and extent of multimorbidity on years of life lost" untersuchten sie in Zusammenarbeit mit der schottischen Gesundheitsbehörde explizit die Auswirkungen von Leiden, die Betroffene schon vor ihrer Covid-19-Infektion hatten. Die Wissenschaftler verglichen dazu die allgemeinen Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Lebenserwartung verschiedener Altersgruppen mit den Erkenntnissen zu Corona-Todesfällen in Italien und Großbritannien. Diesen Berechnungen zufolge sind betroffene Männer 11 und die Frauen 13 Jahre vorzeitig gestorben. Zahl und Art der jeweils vorliegenden chronischen Erkrankungen führen dabei zu einer großen Variabilität. So beträgt die Zahl der durch vorzeitigen Tod verlorenen Lebensjahre bei Über-80-Jährigen ohne chronische Erkrankung durchschnittlich 10 Jahre, mit sechs chronischen Erkrankungen hingegen unter 3 Jahre. Für die Wissenschaftler führen Covid-19-Infektionen damit zu einer substantiellen Verkürzung der Lebenserwartung.

Dies deckt sich auch mit Erhebungen der London School of Hygiene & Tropical Medicine über die Zahl der verlorenen Lebensjahre in Großbritannien und den USA. Demnach führt eine Covid-19-Infektion in den USA durchschnittlich zu fast 14, in Großbritannien zu fast 11 verlorenen Jahren. In den USA sterben der Studie zufolge auch jüngere Infizierte häufiger als in Großbritannien und in Italien.

Daten-Analytiker des NDR haben im Mai eine ähnliche Berechnung auch für Deutschland angestellt. Der ermittelte Wert liegt bundesweit bei 10,7 Jahren für Männer und 9,3 Jahren für Frauen. Grundlage dieser Zahlen sind die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland, sowie die Mittelwerte der Altersangaben der 6115 verstorbenen Corona-Patienten, die das Robert-Koch-Institut (RKI) bis zum 29. April erfasst hatte. Bei all diesen Zahlen handelt es sich jedoch naturgemäß um statistische Wahrscheinlichkeiten, die im Einzelfall deutlich abweichen können. 

Der von Boris Palmer in der Sendung zitierte Ökonom Bernd Raffelhüschen präsentierte im Juni eine Studie, wonach der Lockdown selbst mehr Lebensjahre koste als durch die Ausgangsbeschränkungen gerettet werden konnten. In seinen Berechnungen kommt Raffelhüschen zu dem Ergebnis, dass der Gesamtbevölkerung mehr als 37 Millionen Lebensjahre durch die Coronakrise und die folgende Rezession verloren gehen. Durch Lockdown und Kontaktverbote seien hingegen circa 60 000 Todesfälle verhindert worden. Unter Berücksichtigung des Durchschnittsalters der Verstorbenen entspreche dies maximal 557 000 Lebensjahren. Zahlreiche Kritiker bemängeln jedoch deutlich Raffelhüschens Ansatz, der einen direkten Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und Bruttoinlandsprodukt voraussetzt.

Fazit: Karl Lauterbach und Boris Palmer diskutierten in unserer Sendung über die Verhältnismäßigkeit der Corona-Einschränkungen. Zentral war in diesem Zusammenhang die Frage, wie viele Lebensjahre statistisch durch Covid-19-Infektionen verloren gehen. Lauterbach sprach von bis zu 20 Jahren, Palmer ging von etwa drei Jahren aus. Forscher der Universität Glasgow ermittelten in einer Studie, dass mit Corona infizierte Männer durchschnittlich 11, Frauen 13 Jahre vorzeitig sterben. Die Statistik fußt auf Daten für Italien und Großbritannien und berücksichtigt Zahl und Art chronischer Vorerkrankungen. Englische Wissenschaftler kamen für Großbritannien und die USA zu ähnlichen Ergebnissen. In den USA sterben der Studie zufolge aber auch jüngere Infizierte häufiger als in Großbritannien und in Italien. In Deutschland liegt der Wert bundesweit bei 10,7 Jahren für Männer und 9,3 Jahren für Frauen.

Wer geht bei den Corona-Demos auf die Straße?

Die Bilder demonstrierender Menschenmengen, die ihren Unmut über die Corona-Politik lautstark zum Ausdruck bringen, gingen zuletzt immer wieder durch die Medien. Unsere Studio-Gäste Düzen Tekkal und Günter Wallraff schilderten in der Sendung, wie sie diese Demonstrationen und deren Teilnehmer einschätzen. Tekkal beklagte, die Demonstranten würden durch offensive Missachtung der Hygieneauflagen die kollektive Freiheit gefährden. Wallraff betonte zudem, dass es sich bei einem großen Teil um Mitläufer handele, die von extremen Wortführern angestachelt werden. 

Corona-Skeptiker: Wer geht bei den Demonstrationen auf die Straße? | Video verfügbar bis 05.08.2021

Tekkal: "Wir leben gerade auch in einer Zeit von alternativer Realität. Und die Corona-Leugner tun sich schwer damit, zumindest ein Großteil – ich will das nicht verallgemeinern – die offene Dissonanz auszuhalten. Dass es für Corona keinen Schuldigen gibt, dass wir dafür keinen Politiker verantwortlich machen können. (…) Aber wir haben nun mal dieses Paradoxon, dass, wenn etwas klappt, wir das Gefühl haben: das gibt es gar nicht. Diese Lust auf Unwahrheit greift um sich. Und bei dieser Demonstration, wenn sich immer wieder auf diesen Freiheitsbegriff berufen wird, macht mich das manchmal ein bisschen sauer, weil ich finde, es geht nicht um individuelle Freiheit, sondern da findet eine individuelle Willkür statt, wo eine kollektive Freiheit aufs Spiel gesetzt wird."

(…)

Wallraff: "Es ist für mich ein Konglomerat – gerade in der letzten Demonstration in Berlin –von Verängstigten, Verwirrten und Verhetzten, die aber geleitet oder zumindest – ja, unterwandert ist das gar nicht. Das sind ja die Wortführer: Verschwörungstheoretiker, Hasssäer, und auch Antisemiten und Antidemokraten. Aber ich würde sagen, mit der Masse der Mitläufer muss man reden. Mit denen muss man ins Gespräch gehen, denen sollte man kostenlose Zeitungsabos zukommen lassen. Die, die von der Lügenpresse sprechen, lesen ja nicht mal Zeitung. Ich sehe die sehr, sehr unterschiedlich. Das ist nicht eine Bewegung, das ist eine Verzweiflung auch."

Stimmt das? Wer geht bei den Corona-Demos auf die Straße?

Unter dem Motto "Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit" kamen in Berlin am vergangenen Samstag (1.8.2020) nach Schätzungen der Polizei rund 20 000 Menschen zusammen, um gegen die aktuelle Corona-Politik zu demonstrieren. Da bereits während der Demonstration die Hygiene-Regeln nicht eingehalten wurden, stellte die Polizei Strafanzeige gegen den Leiter der Versammlung und löste die Veranstaltung am Abend auf. Zu der Demonstration aufgerufen hatte die Initiative "Querdenken 711", die in den Wochen zuvor bereits mehrfach in Stuttgart gegen die Auflagen zur Pandemie-Bekämpfung auf die Straße gegangen war. Zahlreiche Bundespolitiker kritisierten die Demonstranten teils scharf. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken nannte das Verhalten unverantwortlich. "Tausende #Covidioten feiern sich in Berlin als 'die zweite Welle', ohne Abstand, ohne Maske", schrieb sie auf Twitter. "Sie gefährden damit nicht nur unsere Gesundheit, sie gefährden unsere Erfolge gegen die Pandemie und für die Belebung von Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft." Gesundheitsminister Jens Spahn schrieb ebenfalls auf Twitter: "Ja, Demonstrationen müssen auch in Corona-Zeiten möglich sein. Aber nicht so." 

Dr. Simon Teune, Institut für Protest- und Bewegungsforschung der TU Berlin
Dr. Simon Teune, Institut für Protest- und Bewegungsforschung der TU Berlin | Bild: Chris Grodotzki

Aus welchen Teilnehmergruppen aber setzen sich diese Corona-Proteste im Einzelnen zusammen? Und welche konkreten Forderungen stellen die Demonstranten an die Politik? Der Soziologe Dr. Simon Teune von der TU Berlin beschäftigt sich mit sozialen Bewegungen und Protesten, insbesondere hinsichtlich ihrer politischen Rahmung. Er spricht von überaus heterogenen Menschenansammlungen, die auf den Corona-Demos anzutreffen sind:

"Es ist aus wissenschaftlicher Perspektive schwer einzuschätzen, aus welchen sozialen Gruppen sich die Demonstrationen zusammensetzen, die die Corona-Pandemie verharmlosen. Dass viele der Demonstrierenden nach eigenen Aussagen zum ersten Mal auf der Straße sind, macht eine Beurteilung noch schwieriger. Mit Blick auf die Reden und Plakate auf den Demonstrationen lassen sich ein paar vorläufige Schlüsse ziehen: es sind nicht in erster Linie Menschen, die durch die Corona-Maßnahmen in ökonomische Schwierigkeiten geraten sind. Konkrete Forderungen, z.B. nach Unterstützung bei Verdienstausfällen oder Insolvenz gehen in der Masse abstrakterer Forderungen nach 'Wahrheit' und 'Freiheit' unter. Dabei bleibt unklar, welche konkreten Einschränkungen von Freiheit jenseits der Maskenpflicht als problematisch angesehen werden."

Es sei jedoch deutlich zu beobachten, dass insbesondere Verschwörungstheorien auf diesen Demonstrationen immer wieder großen Anklang finden. Verstärkt werde dieser Effekt durch entsprechende Beiträge in den sozialen Medien:

"Die Wahrnehmung, dass mit Bezug auf Corona 'die Wahrheit' verschwiegen würde und dass geheime Mächte die Situation nutzen würden, um die Menschen zu knechten, hat sich vor allem über YouTube-Videos schnell verbreitet. In einer Phase, die durch einen lückenhaften Wissensstand zu Gefährlichkeit und Verbreitung des Covid-19-Virus und zum Teil weitreichende Maßnahmen der Regierung geprägt war, wurden diese Videos für viele Menschen eine Orientierung. Es ist anzunehmen, dass zur Demonstration am 1. August in Berlin im Wesentlichen die Menschen kamen, die auch vorher schon bei den lokalen Protesten gegen die Corona-Maßnahmen auf der Straße waren. Diese lokalen Proteste waren sehr unterschiedlich zusammengesetzt. An einigen Orten haben sich Rechtsextreme an die Spitze gesetzt, an anderen Orten gingen sie in der Masse unter."

Wie sich die Demonstrationen in der Zukunft weiter entwickeln werden, sei überdies schwer zu prognostizieren, erklärt Teune weiter:

"Wer heute der Überzeugung ist, dass die Pandemie in ihrer Bedrohung übertrieben wird, ist sicher auch weiterhin zu Protesten mobilisierbar. Sicher besteht auch die Gefahr, dass die Reaktion auf die Proteste dazu beiträgt, dass man sich in seiner Wahrnehmung bestätigt sieht und immer stärker in Opposition zu denen versteht, die das Virus als reale Bedrohung sehen. Die Deutung, dass Regierung und Medien dabei gemeinsam abweichende Meinungen unterdrücken, ist direkt verwandt mit analogen Erzählungen in anderen Themengebieten – vom Klimawandel bis zur Einwanderung. Deshalb sind die Proteste auch für die extreme Rechte ein strategisch vielversprechendes Terrain."

Fazit: Tausende Menschen gingen am vergangenen Wochenende in Berlin auf die Straße, um gegen die aktuelle Corona-Politik zu demonstrieren. Unsere Studio-Gäste Düzen Tekkal und Günter Wallraff erläuterten in der Sendung, dass es sich bei solchen Demonstrationen um höchst uneinheitliche Ansammlungen verschiedenster Interessenvertreter handele, die jedoch durch einzelne Wortführer angestachelt würden. Unser Experte bestätigt, dass eine eindeutige Einschätzung über die Zusammensetzung kaum möglich sei. Auch die auf den Demonstrationen vorgebrachten Forderungen seien größtenteils diffus. Verschwörungstheorien fänden dort immer wieder großen Anklang, was durch den Einfluss der sozialen Medien, noch weiter verstärkt werde. Es bestehe zudem die Gefahr, so der Experte, dass sich die Demonstranten durch die überaus kritischen öffentlichen Reaktionen auf die Proteste weiter in ihrer Opposition gegenüber Regierung, Medien und all jenen, die das Virus als reale Bedrohung anerkennen, weiter bestärkt sehen.

Autoren: Tim Berressem, Janne Hoppe, Viola Meijer

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