Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 27.01.2021

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Claus Strunz, Eva Schulz, Cherno Jobatey, Hendrik Streeck, Robert Habeck
Die Gäste (v.l.n.r.): Claus Strunz, Eva Schulz, Cherno Jobatey, Hendrik Streeck, Robert Habeck | Bild: WDR / Melanie Grande

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Was besagt die britische Studie zu Corona-Infektionen in Schulen?
  • Warum ist Rostock so erfolgreich bei der Pandemie-Bekämpfung?

Was besagt die britische Studie zu Corona-Infektionen in Schulen?

Der Epidemiologe und SPD-Politiker Karl Lauterbach diskutierte in unserer Sendung mit dem Virologen Hendrik Streeck über die aktuellen Strategien zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Streeck bemängelte in diesem Kontext, dass es noch immer zu wenige wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Schulschließungen gebe. Lauterbach widersprach. Es gebe eine aufschlussreiche britische Studie, die sich mit dem Infektionsgeschehen an Schulen beschäftige, so Lauterbach. Weil die Ergebnisse dieser Studie im weiteren Gesprächsverlauf nicht näher ausgeführt wurden, schauen wir uns die Publikation hier noch einmal genauer an.

Corona-Pandemie: Sind die Schulen kritische Infektionsherde? | Video verfügbar bis 28.01.2022

Streeck: "Man kann sich ja überlegen, und das ist zumindest eine Überlegung, ein Gedankenexperiment wert, dass man sagt, in einem Ort mit ähnlicher Inzidenz öffnet man die Schulen, in einem öffnet man nicht die Schulen. Und das lässt man aber wissenschaftlich begleitet machen. Das ist kein Experimentieren am Menschen. Wir sind in einer Pattsituation, weil auf der einen Seite, Schulen können wir zulassen, das ist nicht gut, Schulen zu öffnen ist aber vielleicht auch nicht gut. Wir brauchen eine Antwort darauf."

Maischberger: "Warum wissen wir denn noch nicht, Herr Lauterbach, das wollte ich gern wissen: Wissen wir wirklich nicht, wo sich die Menschen am Ende tatsächlich anstecken?"

Lauterbach: "Doch, das wissen wir. Ich stimme hier absolut nicht zu. Nur weil eine Studie in Deutschland nicht gemacht wurde – da stimme ich Herrn Streeck zu, dass es diese Studien nie in Deutschland gab –, ist es nicht richtig zu sagen, es gibt die Studien nicht. Es gibt Länder, die haben die Studien gemacht, und die Wissenschaft ist ein internationales Geschäft. Und z.B. sind solche Studien – wie infizieren sich Menschen, was ist die Folge gewesen, wer war zuerst infiziert und wer danach – die sind gemacht worden. Auch mit sogenannten Sequenzierungen, wo man an der Sequenz der Gene erkennen konnte, wer war derjenige, der es zuerst gehabt hat. So hat man z.B. in England sogar mit der neuen Mutation gesehen, wenn man jetzt eine Familie hat und man hat ein Schulkind in der Familie und hat Erwachsene, was ist wahrscheinlicher: dass die Erwachsenen das Kind infizieren oder dass das Schulkind die Erwachsenen infiziert? Und da kommt heraus, dass es wahrscheinlicher ist…"

Streeck: "Das stimmt aber nicht. Das hat die Studie in der Weise gar nicht gezeigt."

Lauterbach: "Die Studie hat aber gezeigt, dass der größere Teil – ich habe jedenfalls ein Beispiel genannt."

Streeck: "Aber Sie sagen ja, das wurde alles international gezeigt, kommen mit einer Studie, die es aber gar nicht so gezeigt hat."

Lauterbach: "Die Studie, von der wir jetzt reden, die also in England gezeigt hat, die Schulstudie, wo auf der Grundlage der ONS-Studie also ausgewertet wurde, wer hat wen infiziert. Die hat also gezeigt, dass es so ist…"

Maischberger: "Nur ganz kurz, bevor Sie sich hier die Studien…"

Lauterbach: "Bevor wir hier in einen Studienstreit…"

Maischberger: "Da schaffen wir nämlich nicht mitzukommen."

Hintergrund: Was besagt die genannte Studie zum Infektionsgeschehen in Schulen?

Karl Lauterbach bezog sich in der Sendung auf einen Report der britischen Statistikbehörde ONS (Office for National Statistics), der am 4.11.2020 erstmals veröffentlicht wurde und am 17.12.2020 in einer aktualisierten Fassung erschienen ist. Das Papier beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle speziell Kinder, Jugendliche und die Schulen bei der Übertragung des Coronavirus spielen. Demnach war im November und Dezember der Anteil von Schulkindern an der Gesamtheit aller positiven Corona-Tests in Großbritannien besonders hoch. Nach Ende der Herbstferien stiegen die Infektionszahlen besonders deutlich an. Der höchste Zuwachs an Infektionen war dabei in der Altersgruppe zwischen 12 und 16 Jahren zu beobachten. Schüler dieser Altersgruppe sind laut ONS-Report siebenmal häufiger der erste Corona-Fall in einer Familie als Personen über 16. Dabei stecken sie doppelt so häufig andere Familienmitglieder an, wie die Studie zeigt. 

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse warnte Karl Lauterbach Anfang Januar vor verfrühten Schulöffnungen hierzulande. "Wenn wir Schulen wieder öffnen, wird es unmöglich sein, die Fallzahlen weiter zu senken", schrieb er am 4.1.21 via Twitter. Schulöffnungen seien unter diesen Umständen "schlicht unverantwortbar". Bereits im Dezember zeigte sich der Berliner Virologe Christian Drosten überzeugt von der ONS-Studie. Man könne "die Qualität der britischen Daten nur bewundern", so Drosten am 18.12.20 auf seinem Twitter-Kanal. Ob sich die betroffenen Kinder aber in den Schulen angesteckt haben oder woanders, zeigen die Daten nicht. Die britischen Forscher unterstreichen zudem, dass die Ansteckungsgefahr von Schule zu Schule auf Grund unterschiedlicher Klassengrößen und architektonischer Gegebenheiten zum Teil stark variiere. 

Die ganze Publikation ist hier nachzulesen.

Fazit: In der Diskussion über die Wirksamkeit von Schulschließung zur Eindämmung der Corona-Pandemie verwies Epidemiologe und SPD-Politiker Karl Lauterbach auf eine aktuelle Studie aus Großbritannien, die sich speziell mit dem Infektionsgeschehen in Schulen befasse. Die Studie wurde Ende Dezember in einer aktualisierten Fassung von der britischen Statistikbehörde ONS veröffentlicht. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass Schülerinnen und Schüler sich zuletzt besonders häufig mit dem Coronavirus infizierten. Besonders betroffen ist dabei die Altersgruppe zwischen 12 und 16. Ob sich die Kinder in den Schulen angesteckt haben oder woanders, zeigen die Daten jedoch nicht eindeutig.

Warum ist Rostock so erfolgreich bei der Pandemie-Bekämpfung?

Fernsehmoderator Cherno Jobatey lobte in unserer Sendung die Corona-Politik des Rostocker Oberbürgermeisters Claus Ruhe Madsen. Anders als viele andere Politiker sei Madsen der Pandemie mit pragmatischen Maßnahmen entgegengetreten und habe es auf diese Weise geschafft, das Infektionsgeschehen in seiner Stadt überdurchschnittlich gering zu halten.

Vorbildliche Corona-Politik: Welchen Sonderweg geht Rostock? | Video verfügbar bis 28.01.2022

Jobatey: "Mein Gewinner der Woche wäre der Oberbürgermeister von Rostock, der Herr Madsen, der jetzt gerade so viele Schlagzeilen macht. Der hat eine Unter-Fünfzig-Inzidenz seit langer, langer Zeit, und das ist für mich so einer, da gibt’s Regeln oder keine Regeln, und da macht einfach einer was. Er sagt sich, wir müssen was tun. 'Gibt’s Regeln? Keine? Wir machen was!' Er verbietet sozusagen, ohne Maske in öffentlichen Straßen –. Er sagt sich, Gewerbeaufsichtsamt beim Lockdown braucht keiner – umschulen fürs Gesundheitsamt. Bei uns in Berlin, da klemmt’s an vielen Dingen. Wenn da mal jemand auf die Idee gekommen wäre, der sagt, Gewerbeaufsichtsamt zum Gesundheitsamt, das wäre doch toll gewesen!"

Stimmt das? Welchen Sonderweg geht der Rostocker Oberbürgermeister?

Tatsächlich sorgte die Corona-Politik des parteilosen Rostocker Oberbürgermeisters Claus Ruhe Madsen seit Beginn der Pandemie immer wieder für mediales Aufsehen. Während der ersten Welle im Frühjahr 2020 durfte sich Rostock sogar zwischenzeitlich als erste coronafreie Stadt Deutschlands bezeichnen. Vielen galt die 200.000-Einwohner-Stadt an der Ostsee schon damals als vorbildlich im Umgang mit der Pandemie. Wie kam es dazu?

Als Rostock am 10. März 2020 den allerersten Corona-Fall verzeichnete, reagierte Oberbürgermeister Madsen schnell, indem er ein geplantes Konzert in der Stadthalle, zu dem über 5.000 Menschen erwartet wurden, kurzerhand absagte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zwar schon empfohlen, Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern vorerst nicht stattfinden zu lassen. In den meisten Bundesländern blieb es aber zunächst bei einer Empfehlung. Als am 12. März der erste Corona-Fall in einer Rostocker Schule bekannt wurde, ließ Madsen diese umgehend schließen. Am darauf folgenden Tag entschied er dann, alle Schulen zu schließen. Zudem wurde in Rostock schon früh eine massive Test-Strategie umgesetzt. So ließ man hunderte Personen auf freiwilliger Basis testen, auch wenn keine Symptome vorlagen. Im Fall einer Pflegekraft, die ohne jedes Symptom positiv getestet wurde, konnte so womöglich die Ausbreitung im gesamten Pflegeheim verhindert werden. Auch eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum wurde früher als in anderen deutschen Städten etabliert.

Auch in der aktuellen Phase der Pandemie steht Rostock im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich gut da und kann seit geraumer Zeit einen Inzidenzwert unter 50 vorweisen. Laut Daten vom 27.1.21 liegt der aktuelle Wert bei 41,6. Dies gehe auf eine gute Vorbereitung im Sommer zurück, erklärte Madsen kürzlich gegenüber dem ZDF. Als die Werte niedrig waren, habe er Vorsorge getroffen und konsequent das Gesundheitsamt mit Personal aufgestockt, u.a. auch durch entsprechende Umschulungen für Mitarbeiter des Gewerbeaufsichtsamts. "Denn es ist wie bei der Feuerwehr", so Madsen. "Da bilden Sie die Feuerwehrleute auch nicht erst aus, wenn das Haus brennt, sondern schon vorher."

Nachdem am gestrigen Mittwoch (27.1.21) Covid-19-Ausbrüche auf mehreren Stationen der Universitätsmedizin Rostock gemeldet wurden, hat man die dortigen Sicherheitsmaßnahmen noch einmal verstärkt. Insgesamt seien 18 Patienten und 12 Mitarbeiter betroffen. Nach bisherigen Erkenntnissen seien jedoch keine Fälle mit den hochansteckenden mutierten Corona-Varianten dabei.

Fazit: Fernsehmoderator Cherno Jobatey zeigte sich in unserer Sendung positiv überrascht von der Corona-Politik des Rostocker Oberbürgermeisters Claus Ruhe Madsen. Mit pragmatischen Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung habe er effektiver auf das Infektionsgeschehen reagiert als die meisten anderen Städte, so Jobatey. Tatsächlich zeigte sich Rostock im Laufe der Pandemie immer wieder als Positivbeispiel für andere Städte. Im Frühjahr 2020 hat man hier schnell auf die ersten Infektionen reagiert, Großveranstaltungen abgesagt, Schulen geschlossen und massiv auf Covid-19 getestet. So wurde Rostock zwischenzeitlich zur ersten coronafreien Stadt Deutschlands. Im Sommer, als die Infektionszahlen allgemein niedriger waren, nutzte Claus Ruhe Madsen die Zeit, um seine Stadt auf die zweite Corona-Welle vorzubereiten, u.a. durch personelle Aufstockung im Gesundheitsamt. Auf diese Weise ist es ihm gelungen, den Inzidenzwert in Rostock langfristig unterhalb der Grenze von 50 zu halten.

Autor: Tim Berressem

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