Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 09.06.2021

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Olaf Scholz, Dagmar Rosenfeld, Melanie Amann
Die Gäste (v.l.n.r.): Olaf Scholz, Dagmar Rosenfeld, Melanie Amann | Bild: WDR / Oliver Ziebe

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Gab es seitens der UEFA Vorgaben zur Auslastung der EM-Stadien?

Gab es seitens der UEFA Vorgaben zur Auslastung der EM-Stadien?

Kurz vor Start der Fußballeuropameisterschaft sprachen wir mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) über die in München stattfindenden Partien und die umstrittene Frage der Zuschauerauslastung angesichts der Corona-Pandemie. Söder betonte, der europäische Fußballverband UEFA habe vom Austragungsort München nicht bedingungslos eingefordert, Zuschauer zu den Spielen zuzulassen. Entscheidender Faktor für die Auslastung der Stadien sei allein die pandemische Lage. Der ehemalige ARD-Sportmoderator Gerhard Delling entgegnete wenig später, solcherlei Forderungen seitens der UEFA habe es sehr wohl gegeben, und verwies auf eine entsprechende Aussage des Verbandspräsidenten Aleksander Čeferin. 

EM unter Corona-Bedingungen: Gab es von der UEFA Vorgaben zur Zuschauerauslastung?

Maischberger: "Sie waren immer, Herr Söder, 'Team Vorsicht', und die Pandemie ist noch nicht vorbei. Sind Sie bei dieser Entscheidung einfach vor der UEFA eingeknickt, die ja gefordert hat, entweder ihr lasst Zuschauer rein oder es gibt keine EM-Spiele bei euch."

Söder: "Nein, das hat sie auch bei uns in den Gesprächen so nicht gesagt. Es war tatsächlich nicht der Gesprächsgegenstand. Wir haben immer klargemacht, das hängt ausschließlich von der pandemischen Entwicklung ab."

(…)

Delling: "Ich habe auch nicht verstanden in diesem Zusammenhang, dass die UEFA derartige Forderungen stellen konnte, zu einem Zeitpunkt, als man nun wirklich nicht absehen konnte, dass wir bei einer 20er-Inzidenz im Augenblick sind. Da hätte ich mir wirklich gewünscht, dass auch die Politik dann sagt, Entschuldigung, darüber reden wir jetzt mal gar nicht, wir lassen uns da gar nicht drauf ein."

Amann: "Aber Herr Söder hat ja behauptet, das hätten die gar nicht gefordert, wenn ich das jetzt richtig verstanden habe."

Delling: "Doch. Es war ganz klar auch die Formulierung als Zitat von Herrn Čeferin gewesen, und ich empfand das als fürchterlich zu dem Zeitpunkt."

Stimmt das? Hat die UEFA Vorgaben zur Auslastung der EM-Stadien gemacht?

Tatsächlich sorgte UEFA-Präsident Aleksander Čeferin Mitte März für öffentliches Aufsehen, als er Geisterspiele bei der am 11.6. beginnenden Fußballeuropameisterschaft kategorisch ausschloss. "Jeder Ausrichter muss garantieren, dass Fans zu den Spielen dürfen", erklärte er damals gegenüber kroatischen Medien. "Wir haben mehrere Szenarien. Aber die Option, dass irgendein Spiel der EM ohne Fans ausgetragen wird, ist definitiv vom Tisch“, so Čeferin weiter. Sollten einzelne Austragungsorte dies nicht gewährleisten können, schloss der UEFA-Präsident nicht aus, diese vom Spielplan zu streichen: "Die ideale Variante ist, in allen zwölf Ländern zu spielen. Aber es ist möglich, dass das Turnier in zehn oder elf Ländern gespielt wird, wenn einige Länder die Bedingungen nicht erfüllen."

Zum Zeitpunkt dieser Aussagen hatte Deutschland mit immer weiter steigenden Infektionszahlen zu kämpfen. In der gesamten Bundesrepublik waren keine Zuschauer in den Fußballstadien zugelassen. Und so war auch die Zukunft der EM-Stadt München, wo die Gruppenspiele der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich (15. Juni), Portugal (19. Juni) und Ungarn (23. Juni) sowie ein Viertelfinale ausgetragen werden sollen, plötzlich eine ungewisse. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter zeigte sich irritiert von den Čeferin-Aussagen: "Es ist zum jetzigen Zeitpunkt schlicht nicht möglich, eine Aussage darüber zu treffen, ob es das Infektionsgeschehen der Corona-Pandemie zulässt, im Juni Zuschauer zuzulassen oder nicht", erklärte der SPD-Politiker damals. Auch die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages Dagmar Freitag (SPD) kritisierte den Vorstoß. "Ohne Worte. Parallelwelt des Profifußballs", schrieb sie auf Twitter.

Die UEFA selbst relativierte die Aussagen ihres Chefs kurz darauf. Keine der zwölf Ausrichterstädte werde "automatisch" gestrichen, wenn dort nur Geisterspiele möglich sein sollten, teilte der Verband mit. Es müsse dann aber abgewogen werden, ob es nicht sinnvoller wäre, die Partien an einen anderen Ort zu verlegen.

Gut einen Monat später ruderte dann auch Čeferin zurück. "Die Behörden vor Ort entscheiden vor den Spielen, ob Zuschauer zugelassen werden oder nicht", erklärte er in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" (25.4.2021). "Was wir wollen, ist die Zusage, dass Zuschauer kommen können, wenn die Situation es erlaubt." Kurz zuvor hatte die UEFA München als EM-Spielort bestätigt. "Das UEFA-Exekutivkomitee (...) wurde darüber in Kenntnis gesetzt, dass die zuständigen Behörden die Durchführung aller vier Partien der UEFA EURO 2020 in München mit mindestens 14.500 Zuschauern genehmigt haben, weshalb die Stadt als Austragungsort bestätigt wurde", hieß es in einer entsprechenden Mitteilung. Verbandspräsident Čeferin indes unterstrich die Bedeutung des lokalen Infektionsgeschehens: "Sie glauben doch nicht, dass wir auf Zuschauer bestehen, wenn die Situation vor Ort es im Sommer nicht zulässt. Aber es gibt mittlerweile Impfungen, Tests, Hygienekonzepte. Warum sollten wir also nicht davon sprechen, Zuschauer zuzulassen, wenn die Situation es zulässt?"

Zwei Städte strich man jedoch tatsächlich aus dem Programm. Der spanischen Hafenstadt Bilbao entzog man die Gastgeberrolle angesichts strenger Voraussetzungen der regionalen Behörden im Baskenland, die u.a. eine bestimmte Impfquote voraussetzten. Die UEFA sah es als unwahrscheinlich an, dass dort vor Fans gespielt werden kann. Auch die irische Hauptstadt Dublin verlor den Status als Spielort mangels einer Garantie für Fans im Stadion.

Anfang der Woche (7.6.) gab die UEFA nun die offizielle Auslastung der EM-Stadien bekannt. Nur in Budapest ist demnach die maximale Kapazität von 69.000 Zuschauern erlaubt. Platz zwei teilen sich Baku in Aserbaidschan und St. Petersburg in Russland, in beiden Städten darf das Stadion jeweils halbvoll sein. Für das Olympiastadion von Baku bedeutet das eine Zuschauerzahl von 34.500, in der Arena von St. Petersburg werden es 34.117 sein. Auf dem dritten Rang folgt das Parken-Stadion von Kopenhagen mit einer Auslastung von 40 Prozent – also 15.200 belegten Plätzen.

Mit einer 20-prozentigen Auslastung bildet München derzeit das Schlusslicht der elf Austragungsorte. Angepeilt werden hier 14.000 Zuschauer. Nach Informationen der "Sportschau" arbeitet die Stadt München jedoch aktuell noch gemeinsam mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) am finalen Hygienekonzept, von dessen Ausgestaltung die exakte Zuschauerzahl abhängt. Gemessen an der eigentlichen Kapazität der Münchener Arena, die 74.000 Sitzplätze umfasst, wären bei 20 Prozent erlaubter Auslastung 14.800 Zuschauer möglich.

Fazit: In der Sendung sprachen wir mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder über die bevorstehenden EM-Spiele in seiner Landeshauptstadt München, die nun doch vor Publikum stattfinden können. Söder betonte, die Auslastung des Stadions sei dabei keine Bedingung seitens der UEFA für die Austragung der Spiele gewesen. Der ehemalige ARD-Sportmoderator Gerhard Delling widersprach und verwies auf ein Zitat des UEFA-Präsidenten Aleksander Čeferin. Tatsächlich schloss dieser im März eine Europameisterschaft vor leeren Rängen aus und sorgte damit für teils heftige Kritik. Einige Wochen später ruderte er jedoch zurück und betonte die Bedeutung des lokalen Infektionsgeschehens in den Austragungsstädten. Die Behörden vor Ort müssten vor den Spielen entscheiden, ob Zuschauer zugelassen werden oder nicht, erklärte der Verbandspräsident. Zwei Städte jedoch – Bilbao und Dublin – wurden als Austragungsorte aus dem Programm gestrichen, weil die Vorgaben der lokalen Behörden ein Turnier vor belebten Rängen dort unwahrscheinlich machten. Die allermeisten der elf EM-Stadien können laut offiziellen UEFA-Angaben nur teilweise ausgelastet werden. Ein volles Haus wird es nur im ungarischen Budapest geben. Mit einer Auslastung von 20 Prozent (ca. 14.000 Zuschauer) bildet München das Schlusslicht unter den Austragungsorten.

Autor: Tim Berressem

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