Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 06.10.2021

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Rainer Hank, Andreas Gassen, Katharina Hamberger, Florian Schroeder, Karl Lauterbach
Die Gäste (v.l.n.r.): Rainer Hank, Andreas Gassen, Katharina Hamberger, Florian Schroeder, Karl Lauterbach | Bild: WDR / Oliver Ziebe

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Ist der US-Epidemiologe John Ioannidis umstritten?
  • Warum hat die FDP vor allem bei jungen Wählern gepunktet?

Ist der US-Epidemiologe John Ioannidis umstritten?

Mit Kassenärztechef Andreas Gassen und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach diskutierten wir in der Sendung über den weiteren Kurs in der Corona-Pandemie. Gassen argumentierte für eine weitreichende Aufhebung der Maßnahmen und berief sich auf Studien, die die Gefahr durch Covid-19 eher gering einschätzen. Exemplarisch verwies er auf eine Arbeit des US-Epidemiologen John Ioannidis. Lauterbach entgegnete, dieser sei als Referenz ungeeignet. In weiten Teilen der Fachwelt gelte Ioannidis als Corona-Verharmloser, so der SPD-Politiker. 

Studien zu Corona-Sterblichkeit: Ist Epidemiologe John Ioannidis umstritten? | Video verfügbar bis 06.10.2022

Gassen: "Die Argumentation war ja immer: Das ist so gefährlich, und wir müssen jetzt was machen, damit nicht, ich sage mal, massenhaft die Menschen versterben. Wir sind ja um einiges klüger geworden. Wir haben die aktuelle Studie von Ioannidis, Sie werden sie kennen. Die fatality rate, also die Sterbezahl, ist doch geringer als man angenommen hat."

(…)

Lauterbach: "Der Kollege Ioannidis ist, das müssen Sie ja zugeben, in der Fachwelt nicht extrem umstritten, sondern extremst umstritten. Also, weil er von Anfang an – er hat die Great Barrington Declaration unterschrieben – er ist ein Verharmloser der Krankheit. (…) Uns schauen ja hier viele Kollegen auch zu. Und ich bin sicher, dass sehr viele Kollegen, die uns heute zuschauen, es problematisch finden, wenn Sie sich hier auf jemanden berufen, der – ich sage mal ganz vorsichtig – extremst umstritten ist als ein Corona-Verharmloser, der die Trump-Regierung beraten hat, der eine Deklaration unterschrieben hat…"

Gassen: "Darum geht es doch gar nicht."

Lauterbach: "Es ist aber ein relevanter Punkt."

Stimmt das? Ist der US-Epidemiologe John Ioannidis umstritten?

Bereits im Mai 2020 sorgte der Stanford-Epidemiologe John Ioannidis mit einer Studie zur Corona-Sterblichkeit für weltweites Aufsehen. Sein Forscherteam hatte damals im Landkreis Santa Clara im US-Bundesstaat Kalifornien via Facebook 3.300 Studienteilnehmer akquiriert, die ihr Blut auf Corona-Antikörper testen ließen. Im Endergebnis fand man heraus, dass circa 4,1 Prozent der Probanden Antikörper aufwiesen und also bereits eine Coronainfektion hinter sich hatten – ganz gleich, ob sie Symptome hatten oder nicht. Diese Prävalenzrate – also die Zahl der Menschen, die schon von der Infektion betroffen waren – lag damit 85 mal höher als in den offiziellen Zahlen erfasst. Denn asymptomatische Verläufe wurden bis dahin schlichtweg nicht erkannt. Auf Basis einer so berechneten Prävalenzrate errechnete man auch eine neue Sterblichkeitsrate, die mit lediglich 0,12 bis 0,2 Prozent der typischen Influenza-Sterblichkeitsrate entspräche. Corona-Leugner und Verharmloser der Krankheit berufen sich seither auf diese Studie, um ihre Behauptung zu untermauern, Corona sei nicht gefährlicher als eine Grippe. Warum diese These inzwischen klar widerlegt ist, haben die Kollegen des Bayerischen Rundfunks in einem #Faktenfuchs aufbereitet.

Innerhalb der Fachwelt erntete die Stanford-Studie deutliche Kritik. So bemängelten zahlreiche Statistiker methodische Ungenauigkeiten. Auch die Anwendung solcher Antikörpertests, die nicht allein auf SARS-CoV-2, sondern auf diverse Viren aus der Corona-Familie anschlagen, förderte Skepsis an den Studienresultaten.

Im Dezember 2020 legte Ioannidis nach und veröffentlichte eine neue Studie, wonach ein harter Lockdown kein geeignetes Mittel sei, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Im Vergleich zu leichteren und auch freiwilligen Maßnahmen, wie sie etwa in Schweden oder Südkorea getroffen wurden, hätte das strikte Herunterfahren des öffentlichen Lebens keinen signifikanten Einfluss auf das Infektionsgeschehen genommen, so der US-Epidemiologe. Andere Wissenschaftler kritisieren allerdings, dass bereits diese Voraussetzungen, die Ioannidis und seine Kollegen hier formulierten, hinterfragt werden können. Verglichen wurden in der Stanford-Studie die beiden Länder – Schweden und Südkorea – mit anderen Ländern, die härtere Maßnahmen erlassen hatten, nämlich England, Frankreich, Deutschland, Iran, Italien, die Niederlande, Spanien und die USA. Dabei haben sich die Forscher die Infektionszahlen bis April 2020 und die jeweils in den Ländern getroffenen Maßnahmen angeschaut, und dann statistisch gegengerechnet. Untersucht wird in der Studie also lediglich die erste Welle der Corona-Pandemie. Dass Ioannidis seine weitreichenden Folgerungen allein aus der Anfangsphase der Pandemie zieht, in der die öffentlichen Warnungen von Politikern und Behörden zum Teil schon Wirkung zeigten, bevor strikte Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden, ist ein Umstand, der vielfach kritisiert wird. Auch die unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Ländern, wie etwa klimatische Bedingungen, Bevölkerungsdichte und Reisetätigkeit, werden in der Studie nicht berücksichtigt, was die Vergleichbarkeit erschwert. 

Andere Studien kommen im Gegensatz zu der US-Studie von Ioannidis zu dem Fazit, dass die Infektionszahlen durch harte Maßnahmen durchaus gesenkt werden konnten. Wissenschaftler der Universität Edinburgh etwa werteten die Daten von über 130 Länder aus, allerdings ebenfalls nur für den ersten Lockdown im Frühjahr. Sie kommen zu dem Schluss: Besonders wirksam war das Verbot von öffentlichen Veranstaltungen. Die Infektionszahlen gingen erneut hoch, als die Schulen wieder aufmachten und als sich wieder mehr als zehn Leute miteinander treffen durften. Eine Forschergruppe aus dem englischen Exeter schaute sich anhand von Handydaten an, wie mobil die Menschen waren. Fazit: Je weniger Verkehr zwischen Ballungsräumen und je weniger öffentliche Veranstaltungen, desto geringer war die Sterberate an Corona.

Bereits im Mai 2020 hatte John Ioannidis in einer Anhörung vor dem US-Senat das Ende harter Lockdown-Maßnahmen in den Vereinigten Staaten gefordert. Die rigiden Einschränkungen seien zu Beginn der Pandemie richtig gewesen, da man zu wenige Informationen über das Virus gehabt habe, so der Epidemiologe gegenüber dem Komitee. Doch vor dem Hintergrund der u.a. in seinen Studien errechneten Sterblichkeitsraten, die niedriger seien als anfangs gedacht, ließen sich umfassende Ausgangsbeschränkungen nicht weiter rechtfertigen. 

Ähnlich argumentieren auch die Unterzeichner der sogenannten "Great Barrington Declaration", die in der Sendung von unserem Gast Karl Lauterbach erwähnt wurde. Zentrale Forderung des Dokuments, das im Oktober 2020 vom American Institute for Economic Research in Great Barrington (Massachusetts) veröffentlicht wurde, ist der "gezielte Schutz" der Risikogruppen statt genereller Lockdowns. Personen mit einem geringeren Sterberisiko (z.B. jüngeren Menschen) solle erlaubt werden, ihr normales Leben zu führen, bis durch natürliche Ansteckungen eine Herdenimmunität erreicht sei. Zahlreiche Stimmen aus der Forschung und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO kritisierten diesen Aspekt der Erklärung. Das Konzept der Herdenimmunität sei ethisch problematisch und wissenschaftlich nicht fundiert, so die Kritiker. 

Als Mitinitiator gehörte der Stanford-Epidemiologe Jay Bhattacharya zu den ersten Unterzeichnern der Erklärung. Bhattacharya wirkte auch an den oben genannten Studien von John Ioannidis mit. Ioannidis selbst, so berichtete die "Washington Post", verweigerte die Unterschrift jedoch. Er begründete die Entscheidung damit, dass wissenschaftliche Fragen in seinen Augen nicht durch Petitionen geklärt werden sollten.

Fazit: Kassenärztechef Andreas Gassen sprach sich in unserer Sendung für umfängliche Lockerungen der Corona-Maßnahmen aus und verwies dabei u.a. auf eine Studie des US-Epidemiologen John Ioannidis. Demnach sei die Corona-Sterblichkeitsrate deutlich geringer als zu Beginn der Pandemie vermutet. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach widersprach deutlich und erklärte, die Forschung von John Ioannidis sei innerhalb der Wissenschaft heftig umstritten. Tatsächlich sorgte der Stanford-Forscher schon im Mai 2020 für deutliche Kritik, als er auf Stichprobenbasis eine Corona-Sterberate errechnete, die in der Größenordnung der gewöhnlichen Influenza liegt. Verharmloser der Krankheit rekurrieren seither immer wieder auf diese Studie. Doch zahlreiche Wissenschaftler machten eine Vielzahl methodischer Mängel geltend. Auch eine neue Ioannidis-Studie, wonach harte Lockdown-Maßnahmen keinen signifikanten Beitrag zur Viruseindämmung leisten, wurde zuletzt deutlich kritisiert. Vor dem US-Senat sprach sich Ioannidis im Mai 2020 für das Ende rigider Ausgangsbeschränkungen aus. 

Warum hat die FDP vor allem bei jungen Wählern gepunktet?

FAZ-Kolumnist Rainer Hank analysierte in unserer Sendung die deutlichen Stimmzuwächse von FDP und Grünen bei den zurückliegenden Bundestagswahlen. Insbesondere in der jüngeren Wählergruppe hätten beide Parteien zugelegt. Für den Erfolg der FDP machte Hank dabei vier wesentliche Gründe aus. 

Bei Erstwählern Spitze: Warum konnte die FDP punkten? | Video verfügbar bis 06.10.2022

Hank: "Die Erstwähler, also die jungen Menschen, für die alle Politik gemacht wird,…"

Maischberger: "…sind gleichermaßen bei FDP und Grünen."

Hank: "Genau."

Maischberger: "Aber heißt das, dass die eine stabile Regierung zusammenbekommen?"

Hank: "Das heißt jedenfalls, er (gemeint ist FDP-Chef Christian Lindner, Anm. d. Red.) kann daraus einen Auftrag ableiten. Man hat jetzt ja Umfragen gemacht, warum haben die Erstwähler ihn und die Grünen dann auch gewählt? Das waren drei Gründe: Er ist ein toller Mann – instagrammable. Zweitens: Mit ihm kann man Rot-Rot-Grün verhindern, und das ist auch so gekommen. Und das Dritte ist: Er ist für die Freiheit. Und das hat er wirklich – er hat aus der Mitte heraus in der Corona-Zeit gesagt, übertreibt’s mal nicht mit der rigiden Lockdown-Philosophie. Das scheint bei den jungen Leuten angekommen zu sein. Und das Vierte dabei ist: Die sagen, wir sind für Klimawandelveränderungspolitik, aber das heißt nicht, dass wir für den Dirigismus sind von Luisa Neubauer und von Greta Thunberg."

Stimmt das? Warum hat die FDP vor allem bei jungen Wählern gepunktet?

Tatsächlich lagen FDP und Grüne bei den jüngsten Wählern diesmal besonders hoch im Kurs. Laut Wahltagsbefragung von Infratest dimap entschieden sich jeweils 23 Prozent der Erstwähler für eine der beiden Parteien. Für die Liberalen bedeutet das einen Zuwachs um 11 Prozent im Vergleich zur Bundestagswahl 2017. Die Grünen konnten um 8 Prozent zulegen. Erweitert man den Blick auf die gesamte Altersgruppe der 18-24-Jährigen, sind die Grünen mit 23 Prozent am erfolgreichsten. Die FDP folgt knapp dahinter mit 21 Prozent.

In den Tagen nach der Wahl wurde vielerorts diskutiert, welche Gründe es für diesen deutlichen Erfolg – insbesondere der FDP – gibt. Statistische Erhebungen über die Motive der jungen Wählerschaft liegen bislang nicht vor. Dennoch kamen zahlreiche Beobachter zuletzt vermehrt zu einer ähnlichen Analyse wie unser Studiogast Rainer Hank. Der Trierer Politikwissenschaftler Uwe Jun etwa nannte gegenüber tagesschau.de vier Gründe, warum junge Menschen FDP wählen: Freiheitsrechte, Digitalisierung, Bildungsgerechtigkeit und die Präsenz in Sozialen Medien

"Während andere Parteien in der Corona-Krise Lockdowns befürwortet und umgesetzt haben, war die FDP die einzige Partei jenseits der AfD, die immer wieder ihre Stimme für individuelle Freiheitsrechte erhoben hat. Das spricht junge Wähler genauso an wie andere Positionen, zum Beispiel eine Liberalisierung der Drogenpolitik. Digitalisierung haben sich jetzt alle auf die Fahnen geschrieben, aber die Liberalen besetzten diese Position schon länger und sind dadurch auch glaubwürdig. Zudem haben sie mit Christian Lindner einen Spitzenkandidaten, der in den Sozialen Medien präsenter ist als viele andere", so Jun wörtlich. Die Corona-Krise habe zudem die Schwächen in den Bereichen Bildung und Digitalisierung gnadenlos offengelegt. Davon profitiere die FDP nun.

Der Soziologe und Jugendforscher Klaus Hurrelmann sprach gegenüber der FAZ von einem überraschenden Wahlerfolg. Gleichwohl sieht er in dem Ergebnis vor allem eine Reaktion auf den Corona-Lockdown. "Nur so kann ich mir diesen Schub erklären", sagte er. "Wir wissen aus Studien, dass sich die jüngere Generation durch die Corona-Krise stark benachteiligt fühlt." Nach Ansicht von Hurrelmann war für das junge Wahlvolk zudem ausschlaggebend, dass sich die FDP mehr als andere als "moderne und digitale Partei" präsentiert, für die Tiktok und Instagram kein völliges Neuland ist.

Dass ausgerechnet FDP und Grüne in der Gunst der Jungwähler so dicht beieinander liegen, ist für den Frankfurter Familien- und Jugendsoziologen Ferdinand Sutterlüty keine Überraschung. "Für beide Wählergruppen stehen die Themen Ökologie und Klima im Zentrum", so Sutterlüty in der "hessenschau". Auf der einen Seite gebe es junge Menschen, die mit den Forderungen von Fridays for Future sympathisierten, und auf der anderen Seite diejenigen, die gerne den Versprechen der FDP glaubten, dass es auch für den Klimawandel eine technische Lösung gebe: "Wir müssen unser Leben nicht ändern, sondern nur wirtschaftliche Anreize setzen und Innovationen ermöglichen – diese gut gelaunte Lindner-Botschaft fällt bei der jungen Generation auf fruchtbaren Boden."

Fazit: FAZ-Kolumnist Rainer Hank analysierte in unserer Sendung die deutlichen Stimmzuwächse von FDP und Grünen bei den zurückliegenden Bundestagswahlen. Insbesondere für den Erfolg der FDP bei der jungen Wählerschaft machte Hank eine Reihe von Gründen aus, die auch zahlreiche Experten in den Tagen nach der Wahl ähnlich analysierten. Besonders die liberale Positionierung in der Coronakrise habe bei den jungen Wählern gefruchtet. Aber auch das wirtschaftliche Programm unter dem Vorzeichen des Klimawandels sowie eine massive Präsenz in den sozialen Medien habe zu einem Zuwachs in der jüngeren Altersgruppe beigetragen.

Stand: 7.10.2021

Autor: Tim Berressem