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Die Betreuungsfalle: hilflos, ausgenutzt, betrogen?

PlayÄlterer Mann im Rollstuhl
Die Betreuungsfalle: hilflos, ausgenutzt, betrogen? | Video verfügbar bis 20.02.2020 | Bild: dpa

Rund 1,3 Millionen Menschen werden in Deutschland wegen körperlicher oder seelischer Erkrankungen rechtlich betreut. Oft sind es Angehörige, die sich beispielsweise um die demenzkranke Mutter kümmern. Aber in knapp der Hälfte der Fälle kommen Berufsbetreuer zum Einsatz, die das Leben der Betroffenen in die Hand nehmen. Manchmal nicht zu deren Vorteil. Immer wieder erschleichen sich Betreuer Vorsorgevollmachten und verschaffen sich Zugang zum Vermögen von älteren Menschen. Wie häufig sind solche Fälle? Was kann die Polizei gegen den Missbrauch tun? Wann ist berufliche Betreuung sinnvoll? Wie kann man sich selber vor Ausbeutung schützen?

Bettina Tietjen (Fernsehmoderatorin)

Bettina Tietjen
Bettina Tietjen | Bild: WDR / Max Kohr

Als der Vater von Bettina Tietjen an Demenz erkrankte, war die Familie plötzlich mit dem Thema Betreuung konfrontiert. "Mein Vater wollte nichts davon wissen, hielt das nicht für notwendig und wollte alles alleine machen", sagt die TV-Moderatorin. Es brauchte einiges an Überzeugungsarbeit, bis er in eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung einwilligte. "Uns Kindern hat das sehr geholfen", berichtet die NDR-Talkmasterin ("Tietjen und Bommes", "DAS!"): "Sonst steht man irgendwann da und ist mit den ganzen Entscheidungen alleine."

Harry Hartwig (Betrugsopfer)

Harry Hartwig
Harry Hartwig | Bild: WDR / Max Kohr

Nach einem Treppensturz war Harry Hartwigs Vater auf Hilfe angewiesen. Eine Haushaltshilfe wurde eingestellt. Was der Sohn nicht ahnte: Nach wenigen Wochen erhielt die Frau eine Vorsorgevollmacht vom Vater. Das gesamte Vermögen von rund einer halben Million Euro wurde bar vom Konto abgehoben. Das LKA ermittelt zwar, doch viel erhofft sich der 69-Jährige Hartwig davon nicht: "Diese Frau muss bestraft werden, aber ich kann nicht beweisen, dass sie das Geld hat." Sein Vater starb 2016.

Annett Mau (Kriminaloberkommissarin)

Annett Mau
Annett Mau | Bild: WDR / Max Kohr

In einer bundesweit einzigartigen Fachdienststelle ermittelt das LKA Berlin Betrugsfälle bei der Betreuung. "Es fängt immer harmlos an. Betrüger versuchen als erstes, eine Nähe herzustellen", sagt die Kriminaloberkommissarin. Die Opfer sind oft dement oder zum Zeitpunkt der Ermittlungen bereits verstorben. Daher sei der Nachweis einer Straftat so schwierig, das Geld oft im Ausland verschwunden.

Christa Lange (befreite sich aus Zwangsbetreuung)

Christa Lange
Christa Lange | Bild: WDR / Max Kohr

Nach einem Zusammenbruch attestieren Ärzte der Hamburgerin fälschlicherweise eine Demenz. Sie kommt in ein Pflegeheim. Das Amtsgericht setzt eine gesetzliche Betreuerin ein, die innerhalb kurzer Zeit das gesamte Hab und Gut von Christa Lange veräußert. Vier Jahre lang kämpft die ehemalige Gastronomin vor Gericht dafür, sich aus der Betreuungsfalle zu befreien und ihr altes Leben zurück zu bekommen. "Was man mir angetan hat, kann ich nicht vergessen", sagt die 72-Jährige.

Cornelia Stolze (Wissenschaftsjournalistin)

Cornelia Stolze
Cornelia Stolze | Bild: WDR / Max Kohr

Die Wissenschaftsjournalistin beschäftigt sich seit langem mit dem Thema Demenz. "Die Diagnose wird oft zu schnell und zu Unrecht gestellt. Sich dann aus einer Fehldiagnose zu befreien, ist unglaublich schwer", so die Diplom-Biologin und Buchautorin. Die Geschichte von Christa Lange ist für die Buchautorin daher kein Einzelfall. Skrupellose Betreuer könnten solche Diagnosen, wenn sie wollten, leicht für sich ausnutzen. Sie hätten es in der Regel mit Menschen ohne familiäre Unterstützung zu tun, so die Diplom-Biologin. "Fehlende Kontrollen und Qualitätskriterien machen es 'schwarzen Schafen' in der Betreuungs-Branche dann sehr einfach", kritisiert Cornelia Stolze.

Andrea Schwin-Haumesser (Berufsbetreuerin)

Andrea Schwin-Haumesser
Andrea Schwin-Haumesser | Bild: WDR / Max Kohr

"Es gibt viele tolle Kollegen, die richtig gute Arbeit machen und Menschen helfen." Die Berufsbetreuerin wehrt sich gegen pauschale Vorwürfe. Allerdings werde es den wenigen schwarzen Schafe zu einfach gemacht, kriminell zu handeln, gibt Andrea Schwin-Haumesser zu. "Der Gesetzgeber sorgt einfach nicht dafür, dass Qualität eingehalten wird und Betreuer als richtiger Beruf anerkannt werden." Die baden-württembergische Sprecherin vom Verband der Berufsbetreuer betreut selber 35 Fälle und sagt: "Es ist großartig, wenn man es geschafft hat, einem anderen Menschen wieder in die Spur zu helfen."

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