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Die unfaire Republik: Reiche bevorzugt, Arme benachteiligt?

PlayPlakat für soziale Gerechtigkeit
Die unfaire Republik: Reiche bevorzugt, Arme benachteiligt? | Video verfügbar bis 25.10.2019 | Bild: dpa

Die Zahl der Reichen in Deutschland wächst und wächst. Wie in der vergangenen Woche die F.A.Z. vermeldete, sind 2017 über 250.000 Millionäre dazu gekommen. Viele von ihnen profitieren von rapide gestiegenen Immobilienpreisen. Auf der anderen Seite wächst die Zahl der Armen, die arbeiten, aber von einem Job nicht leben können. Das vermeldete – ebenfalls in der vergangenen Woche – der "Schattenbericht" der Nationalen Armutskonferenz. Innerhalb von zehn Jahren habe sich der Anteil der so genannten Erwerbsarmut verdoppelt. Und das obwohl Deutschland einen Wirtschaftsboom erlebt. Profitieren davon nur die "oberen Zehntausend"? Und gelingt es immer noch manchem Superreichen, den Staat um Milliarden Steuern zu betrügen, wie neue Enthüllungen eines Recherchenetzwerks (u.a. "Panorama", ARD) über Nachfolgemodelle der berüchtigten Cum Ex-Deals nahelegen?

Ralf Dümmel (Unternehmer, "Die Höhle der Löwen")

Ralf Dümmel  (Unternehmer, "Die Höhle der Löwen")
Ralf Dümmel  | Bild: WDR / Max Kohr

Der Investor aus "Die Höhle der Löwen" (Vox) hat sich aus einfachen Verhältnissen nach oben gekämpft. Der Selfmade-Millionär ärgert sich, dass in Deutschland Reiche so negativ bewertet würden. "Begriffe wie Reichensteuer sind ja schon eine Abstempelung. Dabei bedeutet Geld zu verdienen, auch hart zu arbeiten und ins Risiko zu gehen – daran ist nichts verwerflich", sagt Ralf Dümmel. Von Eingriffen der Politik in die Wirtschaft hält der Hamburger Unternehmer nur wenig: "Ein gerechter Lohn ist eine Sache, aber wenn man ständig den Mindestlohn erhöht, muss man aufpassen, ob eine Firma sich das auch leisten kann. Am Ende könnte es mehr Arbeitslose geben als vorher."

Anja Kohl (ARD-Börsenexpertin)

Anja Kohl
Anja Kohl | Bild: WDR / Melanie Grande

"Der Wohlstand hat zugenommen, aber viele Menschen wurden zurückgelassen und wissen nicht, wie sie über die Runde kommen sollen", sagt die ARD-Börsenexpertin. Verantwortlich dafür seien unter anderem die Erosion des Mittelstandes durch Wohnungsnot und ausbleibende Lohnzuwächse. Auch die "halblegalen Exzesse" von Finanzbranche oder in Konzernen seien ein gewaltiges Problem, so ihre Einschätzung: "Es führt zu großer Unzufriedenheit, wenn der Eindruck entsteht, dass die Justiz VW-Manager nicht belangt, aber eine falsche Steuerabrechnung über drei Euro sofort zu Konsequenzen führt."

Sahra Wagenknecht, Die Linke (Fraktionsvorsitzende)

Sahra Wagenknecht, Die Linke (Fraktionsvorsitzende)
Sahra Wagenknecht | Bild: WDR / Max Kohr

"Soziale Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass der eine ein Milliardenvermögen bunkert und andere trotz dreier Jobs nicht auf einen grünen Zweig kommen", kritisiert die Linken-Politikerin. Die Schere zwischen Arm und Reich wachse in ihren Augen immer weiter. Sahra Wagenknecht und ihre Partei fordern statt Hartz IV eine Mindestsicherung in Höhe von 1050 Euro, ein deutlich höheres Kindergeld und die strikte Begrenzung von Managergehältern.

Rainer Hank (Journalist)

Rainer Hank (Journalist)
Rainer Hank | Bild: WDR / Max Kohr

Der Wirtschaftsjournalist kritisiert die enorme Steuerbelastung der Deutschen: "Es gibt mit Belgien nur ein einziges Land, das seinen Bürgern noch mehr von ihrem Erfolg abknöpft." In Deutschland zahle vor allem der reiche Mann, nicht der kleine in den Steuersäckel ein. Auch im Ausweiten sozialer Wohltaten sei Deutschland "Weltmeister", weiß der langjährige Wirtschaftschef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Mit der Gründeridee der Sozialen Marktwirtschaft habe das nicht mehr viel zu tun, so Rainer Hank, eher könne man von "einer milden Form des Sozialismus" sprechen.

Jeremias Thiel (wuchs in Armut auf)

Jeremias Thiel
Jeremias Thiel | Bild: WDR / Max Kohr

"Arm sein bedeutet in Deutschland nicht, dass man das Nötigste nicht hat, sondern dass man bestimmte Chancen nicht hat", sagt Jeremias Thiel. Der 17-Jährige weiß wovon er spricht: Als Kind lebte er von Hartz IV: Die Eltern langzeitarbeitslos, das Geld immer knapp, die häusliche Situation mehr als schwierig. Mit zehn Jahren geht Jeremias Flaschen sammeln, mit elf verlässt er die Familie auf eigenen Wunsch. Fünf Jahre lang lebt Jeremias Thiel im SOS-Kinderdorf, bis er 2017 als Stipendiat auf ein internationales College in Freiburg geht. "Man muss viel offener darüber sprechen, wie ausweglos die Lage für Kinder in Hartz IV ist", sagt Jeremias Thiel heute. "Denn in Deutschland gibt es keine Chancengleichheit."

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