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Glaubenskrieg ums Auto: Geht der Umweltschutz zu weit?

PlayDemonstration in Stuttgart gegen Diesel-Fahrverbote
Glaubenskrieg ums Auto: Geht der Umweltschutz zu weit? | Video verfügbar bis 13.02.2020 | Bild: dpa / Oliver Willikonsky

Am Wochenende protestierten in Stuttgart wieder mehr als tausend Menschen gegen das dortige Fahrverbot für ältere Dieselautos. In vielen Großstädten haben Gerichte nach Klagen der Deutschen Umwelthilfe Fahrverbote angeordnet. Die Politik ist sich uneins: CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sorgt sich jetzt um die deutsche Autowirtschaft, "dem Kern unserer industriellen Stärke". Grünen-Chef Robert Habeck dagegen macht die Autobauer für die Nichteinhaltung der Grenzwerte verantwortlich. Aber was bringen Fahrverbote tatsächlich für den Gesundheitsschutz? Reduziert ein Tempolimit auf Autobahnen den CO2-Ausstoß und die Zahl der Unfälle? Oder schaden solche  Maßnahmen am Ende den Automobilunternehmen?

Wolfgang Kubicki, FDP (stellv. Parteivorsitzender)

Wolfgang Kubicki
Wolfgang Kubicki | Bild: WDR / Max Kohr

Der Bundestagsvizepräsident zweifelt an der gesundheitlichen Gefährdung durch Diesel-Autos: "Für den Menschen ist eine Kerze im Wohnzimmer belastender, als in Stuttgart auf die Straße zu gehen." Der Bundesregierung wirft Wolfgang Kubicki eine "vermurkste" Verkehrspolitik vor: "Unser Wirtschaftsstandort und die Lebensqualität hunderttausender Menschen wird aufs Spiel gesetzt." Die Folge könnte ein "dramatischer Abstieg Deutschlands aus der Weltspitze und der Verlust unseres Wohlstandsniveaus" sein, warnt der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende.

Franz Alt (Buchautor und Journalist)

Franz Alt
Franz Alt | Bild: WDR / Max Kohr

Der langjährige Moderator des ARD-Politmagazins "Report" hält die Debatte um Dieselautos für einen Skandal: "Feinstaub kostet Millionen das Leben. Die Grenzwerte sind eher zu niedrig." Franz Alt kritisiert, dass die Bundesregierung seit Jahrzehnten vor der Autolobby in die Knie gehe, statt regulierend einzugreifen. "Wie auf jeder Zigarettenschachtel müsste auf jedem Auto stehen: Autofahren gefährdet Ihre Gesundheit." Um die noch immer zu hohe Zahl an Verkehrstoten zu senken, fordert der Bestsellerautor ein Tempolimit von 120 km/h auf deutschen Straßen: "Wir sind neben Nordkorea das einzige Land ohne Geschwindigkeitsbegrenzung."

Mai Thi Nguyen-Kim (ARD-Wissenschaftsjournalistin)

Mai Thi Nguyen-Kim
Mai Thi Nguyen-Kim | Bild: WDR / Max Kohr

Die Moderatorin des Wissenschaftsmagazins "Quarks" (WDR) bezeichnet die von rund 100 Lungenärzten entfachte Debatte über Diesel-Grenzwerte als "beschämend". Es sei "frustrierend, dass eine unwissenschaftliche Stellungnahme auf Augenhöhe mit seriöser Forschung diskutiert wird – vor allem, da es hier um unsere Gesundheit geht", sagt die promovierte Chemikerin. Die definierten Grenzwerte seien zwar ein recht willkürlicher Wert, jedoch sei jede Reduktion von Stickoxiden begrüßenswert. Allerdings, so Mai Thi Nguyen-Kim, "sei die Frage, ob Dieselfahrverbote hier eine sinnvolle Maßnahme sind, durchaus zu diskutieren".

Barbara Metz (Deutsche Umwelthilfe)

Barbara Metz
Barbara Metz | Bild: WDR / Max Kohr

Da in vielen deutschen Städten die EU-Grenzwerte für Stickstoffoxide überschritten werden, verklagt die Deutsche Umwelthilfe seit 2011 die Kommunen – mit Erfolg. In elf Großstädten wurden Dieselfahrverbote gerichtlich beschlossen. "Uns geht es um die Luftqualität in deutschen Städten", sagt Barbara Metz. Die stellvertretende Geschäftsführerin der Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert die Politik auf, endlich zu handeln. "Ich kann jeden Betroffenen verstehen, der sich Sorgen macht. Es müssen diejenigen in die Verantwortung gezogen werden, die den Schaden angerichtet haben. Und das ist die Automobilindustrie."

Ulf Poschardt ("Welt"-Chefredakteur)

Ulf Poschardt
Ulf Poschardt | Bild: WDR / Max Kohr

Der Journalist verteidigt die deutsche Autoindustrie als wichtigen ökonomischen Motor, der Wohlstand und Arbeitsplätze sichere. Den Streit um Fahrverbote und Tempolimit findet der "Welt"-Chef hysterisch und kritisiert Grüne und Umweltschutzorganisationen, die sich mit "Freiheit schwertun und anderen Leuten gerne ihren Lebensstill vorschreiben würden". Der leidenschaftliche Porsche-Fan fährt schon mal 300 km/h auf deutschen Autobahnen und sagt: "Befürworter des Tempolimits wollen anderen den Spaß verderben."

Marin Ivankovic (Dieselfahrer)

Marin Ivankovic
Marin Ivankovic | Bild: WDR / Max Kohr

Der Diplom-Kaufmann ist Fahrer eines Dieselautos und ab dem 1. April betroffen vom Fahrverbot in Stuttgart. "Wir haben drei Kinder, die wir morgens in die Kita bringen, in die Schule fahren müssen, danach zur Arbeit. Und nach der Arbeit die Kinder holen, sie zum Sport fahren, zum Musikunterricht. Das kriegen wir ohne Auto überhaupt nicht hin", sagt Marin Ivankovic. Besonders ärgert sich der 48-Jährige darüber, "dass ich ab April mein Auto nicht einmal mehr vor meinem Haus parken darf".

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