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Missbrauch in der katholischen Kirche

PlayBetende Hände katholischer Geistlicher
Missbrauch in der katholischen Kirche: aufklären oder vertuschen? | Video verfügbar bis 26.09.2019 | Bild: dpa

Aufklären oder vertuschen?

"Erschüttert", "traurig", "ein großes Versagen der Kirche" – so äußern sich nicht Kirchenkritiker, sondern die deutschen Bischöfe selbst. Anlass ist die von ihnen in Auftrag gegebene Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Sie enthüllt, dass sich von 1946 bis 2014 mindestens 1670 Kleriker an Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Die Kirche habe jahrelang den sexuellen Missbrauch verschwiegen, die Täter meist geschützt. Strafrechtlich verfolgt wurden nur die wenigsten. Und die Studie, so sagen Kritiker, sei bestenfalls der Anfang der Aufklärung. Ist die katholische Kirche jetzt wirklich bereit, das Problem offensiv anzugehen? Hat der Staat in der Vergangenheit zu wenig getan, um die Opfer zu schützen, und muss er jetzt die Kirche zur vollständigen Aufklärung zwingen? Oder werden Übergriffe weiter vertuscht und die  Opfer alleine gelassen? Welche Rolle spielt dabei die Sexualmoral in der katholischen Kirche?

Stephan Ackermann (Bischof von Trier)

Stephan Ackermann (Bischof von Trier)
Stephan Ackermann  | Bild: WDR / Melanie Grande

"Wir wissen um das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs, das durch die Ergebnisse der Studie belegt wird. Es ist für uns bedrückend und beschämend", sagt der Bischof von Trier. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz ist überzeugt: "Bei der Studie handelt es sich um eine umfangreiche und sorgfältige Erhebung." Das Ziel sei, so der Geistliche, "mehr Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche zu erhalten und zwar um der Betroffenen willen, aber auch alles dafür tun zu können, dass sie sich nicht wiederholen."

Wolfgang Niedecken (Rockmusiker, "BAP")

Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedecken  | Bild: WDR / Melanie Grande

Der Kölner Musiker ist von den Ergebnissen der Missbrauchsstudie nicht überrascht: "Die Zahlen erschüttern, verwundern mich aber auch nicht." Der "BAP"-Gründer kritisiert, die katholische Kirche habe nichts anderes getan, als nur das zuzugeben, was überhaupt nicht mehr zu leugnen sei. Wolfgang Niedecken selbst erlebte als Jugendlicher Anfang der 60er Jahre Übergriffe von einem Pater in einem katholischen Internat. 1980 trat der Kölsch-Rocker aus der Kirche aus.

Claudia Mönius (Missbrauchsopfer eines katholischen Pfarrers)

Maischberger Maischberger Missbrauch in der katholischen Kirche: 26.09.2018
Claudia Mönius  | Bild: WDR / Melanie Grande

Als Kind wurde die damalige Ministrantin in Nürnberg fünf Jahre lang von ihrem Pfarrer missbraucht, mehrmals in der Woche bis zum Alter von 16 Jahren. Der Geistliche nutzte die schwierige familiäre Situation des Mädchens aus. Ihre Mutter war suchtkrank, der Vater von Kriegserlebnissen traumatisiert. Erst Jahrzehnte später zeigt Claudia Mönius den Pfarrer an, doch der Fall ist verjährt. Das Bistum erfährt davon, der zuständige Bischof entschuldigt sich. Der heute 90-jährige Täter jedoch schweigt und ist weder juristisch belangt noch von der Kirche bestraft worden.

Matthias Katsch (Sprecher des Betroffenenverbands "Eckiger Tisch")

Matthias Katsch (Sprecher des Betroffenenverbands "Eckiger Tisch")
Matthias Katsch  | Bild: WDR / Melanie Grande

Der Opfervertreter hält die Studie im Auftrag der Kirche für unzureichend: "Eine Organisation von Tätern darf sich nicht selbst aufarbeiten." Zudem zeige die Untersuchung nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Man erfahre nicht die Namen der Täter, und genauso wenig würden die verantwortlichen Bischöfe genannt, die das System aus sexuellen Übergriffen über Jahrzehnte gedeckt und perfektioniert hätten, kritisiert der Unternehmensberater und fordert eine "unabhängige, staatliche Untersuchungs- und Aufarbeitungskommission". "Ein Priester, der ein Kind missbraucht, darf nicht länger Priester sein", fordert der Sprecher der Initiative "Eckiger Tisch". Matthias Katsch wurde selbst Opfer sexuellen Missbrauchs, als er von 1973 bis 1981 Schüler an der Berliner Jesuitenschule "Canisius-Kolleg" war.

Christiane Florin (Journalistin)

Maischberger Maischberger Missbrauch in der katholischen Kirche: 26.09.2018 Christiane Florin (Journalistin)
Christiane Florin | Bild: WDR / Melanie Grande

Die Redakteurin des Deutschlandfunk ("Religion und Gesellschaft”) sieht die Ursachen für die Missbrauchstaten auch im Selbstverständnis der katholischen Kirche. "Es gibt institutionelle Bedingungen, die das Verbrechen und das Vertuschen ermöglichen." Trotz aller Differenzierung, die man bei den Motiven der Täter vornehmen müsse, seien "katholische Komponenten" nicht zu übersehen: die Sexualmoral, der Zölibat, der Korpsgeist, das Amtsverständnis. Statt "folgenloser Buß- und Bet-Gesten” müssten endlich die "verkniffene Sexualmoral und die narzisstische Versuchung für die allmächtigen Priester” hinterfragt werden, fordert Christiane Florin.

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