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Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol?

PlayDiverse Flaschen mit Alkohol
Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol? | Video verfügbar bis 26.04.2019 | Bild: dpa

Rund 95 Prozent der Deutschen trinken Alkohol. 9,5 Millionen sogar in "gesundheitlich riskanter Form", erklärt das Bundesgesundheitsministerium. Jedes Jahr sterben hierzulande mindestens 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. Deshalb fordert jetzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen von der Politik, nach dem Vorbild anderer EU-Länder stärker gegen den Alkoholkonsum vorzugehen. Also: deutlich höhere Preise, geringere Verfügbarkeit und Ende der Werbung. Muss uns der Staat besser vor Alkohol schützen? Sollten wir alle deutlich weniger trinken? Oder gehört der Bier- und Weingenuss einfach zu unserer Lebensart? 

Uli Borowka (Ex-Fußballprofi und Alkoholkritiker)

Uli Borowka
Uli Borowka | Bild: WDR / Max Kohr

Der ehemalige Abwehrspieler von Werder Bremen kritisiert den gedankenlosen Umgang mit Alkohol im Alltag. Überall werde man mit Alkohol konfrontiert – versteckt in Lebensmitteln, direkt neben der Schokolade an der Supermarktkasse oder in der Werbung während Fußballübertragungen. "Ich muss Obacht geben, mein Leben lang", sagt Uli Borowka, der 16 Jahre lang alkoholsüchtig war. Der 55-Jährige macht die Politik dafür verantwortlich, dass nicht mehr gegen die Alkoholindustrie getan wird: "Politiker reden immer viel über die Gefahren der Sucht. Aber am Ende greifen sie nicht durch."

Nina Bott (Schauspielerin, Co-Abhängige)

Nina Bott
Nina Bott | Bild: WDR / Max Kohr

"Die Alkoholsucht meiner Mutter war ein Selbstmord auf Raten." Im Alter von zehn Jahren bemerkte Nina Bott, dass ihre Mutter die Kontrolle verlor. "Getrunken wurde bei meinen Eltern schon immer, das war damals völlig normal. Aber dann wurde es immer mehr." Die Mutter der Schauspielerin schaffte es, mit dem Trinken aufzuhören, doch zu spät: Sie starb an den Folgen im Alter von 51 Jahren. Die Moderatorin trinkt selber kaum Alkohol und ist überzeugt: "Die meisten Leute machen sich etwas vor. Wer täglich ein Glas Rotwein trinkt, ist für mich ein Alkoholiker."

Monika Schneider (Bewohnerin eines Altenheims für Suchtabhängige)

Monika Schneider
Monika Schneider | Bild: WDR / Max Kohr

Seit rund zehn Jahren lebt die 72-Jährige in einem Düsseldorfer Altenheim, das eine spezielle Station für suchtabhängige Senioren hat. "Ich bin alkoholabhängig und möchte keinen Entzug machen", sagt die frühere Arzthelferin. Drei Mal am Tag bekommt sie ein Glas Sekt, um ihre Sucht zu kontrollieren. "Alles fing an, als mein Sohn mit 21 Jahren verstarb", erinnert sich Monika Schneider. "Von da an trank ich heimlich eine Flasche Sekt am Tag." Trotz Abhängigkeit gehe es ihr heute gut: "Seitdem ich im Heim bin, hat sich meine Gesundheit stetig verbessert."

Bernhard Sitter (Brauereibesitzer und Gastronom)

Bernhard Sitter
Bernhard Sitter | Bild: WDR / Max Kohr

Der Gastronom aus dem Bayerischen Wald verteidigt den Genuss von Alkohol – so lange er verantwortungsbewusst und moderat konsumiert werde. "Es gehört zur deutschen Kultur, sich gemütlich zusammenzusetzen, und es ist einfach lustiger, wenn da ein bisschen was getrunken wird", sagt Bernhard Sitter, der Deutschlands erstes Bierhotel betreibt. Verbote oder höheren Steuern auf Alkohol findet der Brauereibesitzer falsch: "Das bringt doch nichts. Das sieht man an den Skandinaviern, bei denen Alkohol so teuer ist. Die fahren dann über die Grenze, um sich ins Koma zu saufen."

Henning Hirsch (trockener Alkoholiker)

Henning Hirsch
Henning Hirsch | Bild: WDR / Max Kohr

Schon als Student trank Henning Hirsch viel Alkohol – früh war ihm klar: "Ich bin abhängig!" Trotzdem gelang dem Politikwissenschaftler ein erfolgreicher Start ins Berufsleben. Jahrelang arbeitete er als selbstständiger Marketingberater, heiratete und bekam drei Kinder. Gleichzeitig trank er täglich bis zu zwei Flaschen Wodka und einen Kasten Bier. Als Hirsch 2008 das erste Mal zusammenbrach, reagierte sein Umfeld erstaunt: "Von dir hätten wir das nie gedacht!" Hirsch verlor sein Unternehmen, lebte auf der Straße und schaffte schließlich vor sechs Jahren nach 30 Entzügen den Abschied vom Alkohol.

Prof. Dr. Helmut Seitz (Alkoholforscher und Mediziner)

Prof. Dr. Helmut Seitz
Prof. Dr. Helmut Seitz | Bild: WDR / Max Kohr

"Die ständige Verfügbarkeit von Alkohol ist ein Problem", glaubt der Direktor des Alkoholforschungszentrums der Universität Heidelberg. Schon das eine Glas Rotwein am Abend sei für viele Menschen bereits zu viel. Auch geringe Mengen Alkohol könnten Darm- und Brustkrebs auslösen. "Alkohol ist so gefährlich, weil man glaubt, er wäre nicht gefährlich", sagt Helmut Seitz. "Wenn Sie Alkohol heute als Medikament auf den Markt bringen wollten, würde keine Gesundheitsbehörde der Welt dies zulassen – viel zu toxisch."

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