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Trotz Rente und Arbeit: Kann Armut jeden treffen?

PlayZu Gast bei Sandra Maischberger v.l.n.r.: Heike Orzol (ehemalige Leiharbeiterin), Sarah-Lee Heinrich (wuchs mit Hartz IV auf), Gisela Quenstedt (Rentnerin), Michael Opoczynski (Wirtschaftsexperte), Oswald Metzger (Publizist), Ralf Stegner (stellv. SPD-Vorsitzender)
Trotz Rente und Arbeit: Kann Armut jeden treffen? | Bild: WDR / Oliver Ziebe

"Die Altersarmut wird uns überrollen." Der "Tafel Deutschland"-Chef schlug letzte Woche Alarm: Die Zahl der Rentner, die sich für gespendete Lebensmittel anstellen, sei in einem Jahr um 20 Prozent gestiegen. Ist das ein schlechtes Omen? Auch viele Berufstätige können schon heute von ihrer Arbeit nicht leben, trotz einer seit Jahren florierenden Wirtschaft. Wie ist das zu erklären? Bedeuten Niedriglöhne, Minijobs und Zeitarbeit einen unaufhaltsamen Weg in die Armut? Und kann zum Beispiel das SPD-Konzept einer Grundrente die Altersarmut reduzieren?

Gisela Quenstedt (Rentnerin)

Gisela Quenstedt
Gisela Quenstedt | Bild: WDR / Oliver Ziebe

Die 70-jährige Hamburgerin ist einer der 1,65 Millionen Menschen, die in Deutschland auf die Hilfe durch Lebensmittel-Tafeln angewiesen ist – und das, obwohl Gisela Quenstedt 41 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt und zwei Söhne großgezogen hat. Nach Abzug aller Fixkosten bleiben der gelernten Verlagskauffrau etwa 10 Euro am Tag zum Leben. "Für mich bedeutet Armut Verzicht", sagt die Rentnerin. Ein spontaner Restaurantbesuch sei finanziell ebenso wenig zu stemmen wie ein Urlaub.

Heike Orzol (ehemalige Leiharbeiterin)

Heike Orzol
Heike Orzol | Bild: WDR / Oliver Ziebe

"Von Zeitarbeit habe ich die Schnauze voll!" Fünf Jahre hat Heike Orzol über eine Zeitarbeitsfirma bei einem großen Supermarkt gearbeitet. Dabei verdiente sie wesentlich weniger als regulär Angestellte. Unmittelbar bevor Heike Orzol eine Gehaltserhöhung zugestanden hätte, bekam sie die Kündigung – zusammen mit dem Jobangebot, drei Monate später, zum unverändert niedrigen Lohn. Die Kassiererin klagte erfolgreich dagegen, verlor aber ihren Job.

Sarah-Lee Heinrich (wuchs mit Hartz IV auf)

Sarah-Lee Heinrich
Sarah-Lee Heinrich | Bild: WDR / Oliver Ziebe

"Hartz-IV-Kinder haben keine Rücklagen und kein Vitamin B. Es wird ihnen schwer gemacht, der Armut zu entkommen", kritisiert die 18-Jährige. Als Tochter einer alleinstehenden Hartz-IV-Empfängerin durfte sie als Schülerin von einem Minijob für 450 Euro nur 170 Euro behalten. In einem wütenden Tweet und offenen Brief machte Sarah-Lee Heinrich darauf aufmerksam. Oft werde gesagt, so die Abiturientin, Hartz-IV-Kindern fehle es an einem positiven Vorbild und deswegen würden sie später oft selbst in Armut leben. "Wenn diese Kinder dann aber entscheiden, es anders zu machen als ihre Eltern und sich in ihrer Jugend Geld dazuverdienen wollen, dann werden sie dafür abgestraft."

Michael Opoczynski (Wirtschaftsexperte)

Michael Opoczynski
Michael Opoczynski | Bild: WDR / Oliver Ziebe

Der ehemalige "WISO"-Moderator beobachtet die steigende Altersarmut mit Sorge: "Immer höhere Wohnkosten und immer weniger Rente – das ist eine Schere, die leider immer weiter auseinandergeht und immer mehr Menschen heftig trifft." Zudem wüssten viele jüngere Arbeitnehmer gar nicht, welches Risiko ihnen im Alter drohe, glaubt der frühere ZDF-Wirtschaftsexperte: "Es gibt immer mehr Menschen, die jetzt eine ordentlichen Verdienst haben, aber zu wenig vorsorgen und am Ende arm dastehen werden." Darauf hätte unser Staat leider noch keine befriedigende Antwort, warnt Michael Opoczynski.

Ralf Stegner, SPD (stellv. Vorsitzender)

Ralph Stegner
Ralph Stegner | Bild: WDR / Oliver Ziebe

"Jeder soll von seinem Gehalt und von seiner Rente leben können", sagt der SPD-Vize. Der Politiker setzt sich daher für die Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung ein: "Wer lange Jahre Beiträge gezahlt hat, sich um Kinder gekümmert oder Verwandte gepflegt hat, der muss Anspruch auf eine Solidarrente bekommen. Und es ist eine Frage der Würde, dass sie ohne den Gang zum Sozialamt beantragt werden kann." Darüber hinaus fordert Ralf Stegner ein Ende der prekären Beschäftigungen, einen Mindestlohn von 12 Euro und eine Kindergrundsicherung.

Oswald Metzger (Publizist)

Oswald Metzger
Oswald Metzger | Bild: WDR / Oliver Ziebe

"Im Gegensatz zur häufig kolportierten Falschmeldung ist das Hartz IV-Reformprojekt ein durchschlagender arbeitsmarktpolitischer Erfolg", sagt der ehemalige grüne Bundestagsabgeordnete. Der Publizist kritisiert die SPD für die Abkehr von der Agenda 2010. Mit dem geplanten Bürgergeld wolle die Partei Bezieher von Hartz IV "lieber mit großzügigeren Stilllegungsprämien ruhig stellen, statt sie zur Aufnahme von Erwerbsarbeit zu mobilisieren". In Bezug auf die Altersvorsorge fordert Oswald Metzger mehr Eigenverantwortung: "Alle, die glauben machen wollen, man könne im Alter allein von der gesetzlichen Rente leben, verkaufen das Volk für dumm."

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