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Roter Teppich für Erdogan: Die richtige Türkei-Politik?

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Roter Teppich für Erdogan | Video verfügbar bis 06.09.2019 | Bild: dpa

Roter Teppich für Erdogan: Ist das die richtige Türkei-Politik?

Es war für viele Menschen die vielleicht beste Nachricht des Sommers: die Ausreise von Mesale Tolu nach Deutschland. Sieben Monate hatte die Journalistin in einem türkischen Gefängnis gesessen. Verfolgt die politische Führung der Türkei damit jetzt auch einen neuen Kurs der Annäherung – kurz vor dem umstrittenen Staatsbesuch von Recep Tayyip Erdogan in Berlin? Soll die deutsche Regierung jetzt ihrerseits dem türkischen Staatspräsidenten entgegenkommen und das wirtschaftlich angeschlagene Land am Bosporus unterstützen? Oder wäre das der Kotau vor einem Autokraten?

Mesale Tolu (Journalistin)

Mesale Tolu
Mesale Tolu | Bild: dpa

Die Journalistin saß 2017 mehr als sieben Monate lang in türkischer Untersuchungshaft. Der Vorwurf: angebliche Terrorpropaganda. Zeitweise war ihr damals zweijähriger Sohn mit ihr im Gefängnis. Seit wenigen Tagen ist die deutsche Staatsbürgerin mit türkischer Abstammung zurück in Deutschland. Über ihre Ausreise, freue sie sich nicht wirklich, sagt Mesale Tolu, weil sie wisse, "dass sich in dem Land, in dem ich eingesperrt war, nichts verändert hat". Zur Fortsetzung ihres Prozesses will die gebürtige Ulmerin wieder in die Türkei reisen. Dort drohen ihr bis zu 20 Jahre Haft.

Günter Wallraff (Enthüllungsjournalist und Erdogan-Kritiker)

Günter Wallraff
Günter Wallraff | Bild: WDR / Max Kohr

Deutschland bekanntester Enthüllungsjournalist setzt sich regelmäßig für politische Gefangene in der Türkei ein, war als Prozessbeobachter auch bei der Verhandlung gegen Mesale Tolu in Istanbul. Der Schriftsteller verurteilt den "Kuschelkurs der Bundesregierung" gegenüber dem türkischen Präsidenten Erdogan und mahnt vor dessen Staatsbesuch in Deutschland: "Diesen Despoten empfängt man nicht mit aller Ehrerbietung." Günter Wallraff fordert dagegen, den Druck auf die Türkei zu erhöhen und sich für die misssachteten Menschenrechte einzusetzen. 

Elmar Brok, CDU (Europa-Abgeordneter)

Elmar Brok
Elmar Brok | Bild: WDR / Max Kohr

Der CDU-Außenpolitiker begrüßt den Staatsbesuch des türkischen Präsidenten in Deutschland: "Wir haben schon ganz anderen Staatsoberhäuptern mit Blut an den Händen den roten Teppich ausgerollt." Wenn wir nur noch mit Demokraten reden wollten, stünde Deutschland bald sehr einsam auf der weltpolitischen Bühne, ergänzt der Europa-Abgeordnete.Elmar Brok rät Deutschland und der EU, auf keinen Fall mit Ankara zu brechen. Dafür sei die Türkei ein zu wichtiger Partner, nicht nur in der Flüchtlingsfrage.

Cigdem Akyol (Erdogan-Biografin)

Cigdem Akyol
Cigdem Akyol | Bild: WDR / Max Kohr

"Die Türkei ist keine Diktatur. Wir sollten mit solchen Begriffen nicht so beliebig umgehen", sagt die Journalistin. Aber Erdogan sei ein Autokrat, vor dem ein großer Teil der Bevölkerung zittere, so die Biografin des türkischen Präsidenten. "Es deutet nichts darauf hin, dass sich die politische und wirtschaftliche Talfahrt in der Türkei demnächst ändern wird – und Erdogan ist immer noch sehr beliebt in großen Teilen der Gesellschaft", bilanziert die langjährige Türkei-Korrespondentin: "Schließlich habe er dem Land ein ganzes Jahrzehnt lang ungewohnte politische und ökonomische Stabilität beschert."

Erkan Arikan (Fernsehmoderator)

Erkan Arikan
Erkan Arikan | Bild: WDR / Max Kohr

"Deutschland muss Erdogan die Hand reichen", sagt der Leiter der türkischen Redaktion von WDR Cosmo, "auch wenn das vielen nicht gefällt". Die Wirtschaftskrise in der Türkei führe dazu, so Erkan Arikan, dass der türkische Staatspräsident sich wieder Europa zuwende: "Denn Erdogan hat zur Zeit keine anderen verlässlichen Partner." Für die Deutschtürken sei Erdogan zudem eine Identifikationsfigur, ergänzt der türkeistämmige Moderator und Journalist: "Er spricht den Deutschtürken aus der Seele und aus dem Herzen, deswegen ist er hier so beliebt."

Clemens Fuest (Chef des Ifo-Instituts)

Clemens Fuest
Clemens Fuest | Bild: dpa

Der Volkswirtschaftsprofessor warnt vor den Folgen der ökonomischen Krise am Bosporus. Die türkische Wirtschaft stehe am Abgrund, so Clemens Fuest: "Wir müssen uns massive Sorgen machen. Der türkischen Regierung ist es nicht gelungen, vertrauensbildende Maßnahmen für Investoren einzuleiten", erklärt der einflussreiche Ökonom und fordert: "Die Türkei sollte Hilfe beim Internationalen Währungsfonds beantragen. Die Europäer sollten diesen Weg unterstützen." 

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Westdeutscher Rundfunk
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