SENDETERMIN Mi, 07.03.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Alternativen zum Diesel: Verschläft Deutschland die Zukunft?

PlayDas erste Brennstoffzellen-Taxi in Korea.
Alternativen zum Diesel: Verschläft Deutschland die Zukunft? | Video verfügbar bis 07.03.2019 | Bild: dpa

– Asiatische Herrsteller setzen verstärkt auf Brennstoffzellenautos: Mit Wasserstoff betrieben sind sie sehr umweltfreundlich.
– Deutsche Autobauer hinken bei dieser Technologie hinterher, obwohl die Grundlagen dafür in Deutschland erforscht wurden.
– Die Forschung in eine Produktion zu überführen ist in Deutschland nicht gelungen. Experten sind darüber entsetzt.

Das erste Brennstoffzellen-Taxi in Korea.
Das erste Brennstoffzellen-Taxi in Korea. | Bild: dpa

Gerade zeigen Autohersteller aus aller Welt auf dem Genfer Autosalon die neusten Trends und Fahrzeuge der Zukunft. Was besonders auffällt: die asiatischen Hersteller setzen hier vor allem auf alternative Antriebe. Und das sind nicht nur batterieelektrische Fahrzeuge, sondern immer stärker auch Brennstoffzellenautos, die mit Wasserstoff betrieben werden und nichts als Wasserdampf ausstoßen. Fahrzeuge also, die wir hier in Deutschland angesichts drohender Fahrverbote gut gebrauchen könnten. Doch obwohl die deutschen Wissenschaftler in diesem Bereich weltweit führend sind, warten Märkte auf der ganzen Welt vergebens auf deutsche Brennstoffzellenautos.

Entsetzen bei Wissenschaftlern – Unverständnis im Ausland: Verlieren ausgerechnet deutsche Autos den Anschluss an den Markt? Zumindest hier in Norwegen könnte das bald so sein. Wir treffen Birgit Liodden. Sie lebt und arbeitet in Oslo. Und sie liebt wie viele Norweger deutsche Autos. Schon ihr Großvater schwor auf den VW Käfer. "Ich bin immer deutsche Autos gefahren: Volkswagen, Audi, Mercedes. Das ist mein erstes asiatisches Auto. Ich hätte nie gedacht, jemals ein nicht-deutsches Auto zu fahren. Mein Großvater würde sich im Grab umdrehen."

Wasserdampf statt schädlicher Abgase

Wasserstoffautos auf dem Vormarsch
Wasserstoffautos punkten, weil sie keine schädlichen Gase ausstoßen. | Bild: Das Erste

Birgit fährt jetzt einen Toyota Mirai, ein Brennstoffzellen-Fahrzeug. Und solche Antriebsarten werden in Deutschland in Serie zurzeit überhaupt nicht hergestellt. Dabei sind sie sehr umweltfreundlich und werden in Norwegen deswegen stark gefördert. Aus dem Auspuff kommen keinerlei schädliche Abgase – nur Wasserdampf. Doch das ist nicht der einzige Vorteil der Brennstoffzelle: "Mit einem Wasserstoffauto darf ich auf der Busspur fahren und kostenlos auf öffentlichen Parkplätzen parken," erzählt Birgit Liodden begeistert. "So bin ich schneller und billiger unterwegs als mit anderen Autos."

Üppige Kaufanreize

Wasserstoffautos werden in Norwegen mit niedrigen Steuern gefördert.
Wasserstoffautos werden in Norwegen mit niedrigen Steuern gefördert. | Bild: Das Erste

Auch bei der Anschaffung kommt der Staat den Norwegern beim Wasserstoff entgegen. Wir sind bei Birgits Autohändler. Er erklärt, dass beim Kauf eines Brennstoffzellen-Autos kaum Steuern anfallen. So verzichtet der Staat zum Beispiel auf die Mehrwertsteuer und andere Abgaben. Damit kostet Birgits Auto hier fast 30 000 Euro weniger als in Deutschland – dem Land, das seit Jahrzehnten ganz vorne ist bei der Erforschung von Wasserstoffantrieben.

In Deutschland entwickelt – in Asien umgesetzt

Die Grundlagen für die Wasserstofftechnologie wurden sogar in Deutschland entwickelt.
Die Grundlagen für die Wasserstofftechnologie wurden sogar in Deutschland entwickelt. | Bild: Das Erste

Eigentlich ist die Wasserstoff-Technologie eine überwiegend deutsche Erfindung. Schon vor 20 Jahren wurde zum Beispiel am Flughafen München eine Tankstelle für Wasserstoff-Autos und Busse eingeweiht, die es damals als Pilotprojekt gab. Heute ist die Tankstelle stillgelegt. Denn wie so oft ist das Problem: Wenn Forschungsvorhaben auslaufen, passiert nichts mehr, egal wie erfolgreich sie waren.

Das ärgert deutsche Wissenschaftler, z.B. an der Hochschule RheinMain, die in der Wasserstoff-Technologie weltweit eine Spitzenrolle einnimmt. Die Einschätzung von Prof. Birgit Scheppat, die seit vielen Jahren in diesem Bereich forscht: "Deutschland ist unheimlich gut in der Grundlagenforschung, in der Prototypenherstellung. Und wenn dann der Sprung in die Serienfertigung, in die Industrie kommt, dann wird es schwierig."

Deutsche Technologie made in Korea

Ganz anders läuft es in Südkorea. Wir sind beim Autohersteller Hyundai. Dort zeigt man uns den neuen Nexo, schon das zweite Brennstoffzellen-Serienmodell des Unternehmens. Hyundai setzt konsequent auf Wasserstoff, wie Saehoom Kim, Direktor der Wasserstoff-Sparte, erklärt: "Wir alle wollen eine saubere Umwelt haben. Und wir alle haben Probleme mit den Treibhausgasen. Deshalb müssen wir zu alternativen Energien wechseln, die unserer Umwelt nicht schaden."

Wasserstoffautos auf dem Vormarsch
Die Pläne deutscher Autobauer bei der Brennstoffzellentechnologie. | Bild: Das Erste

Ab Sommer ist der Nexo auch in Deutschland erhältlich. Die Reichweite liegt bei 800 Kilometern pro Tankfüllung. Kein Vergleich also zu einem rein batteriebetriebenen Elektrofahrzeug. Und wann kommen die ersten deutschen Serienmodelle? Wir fragen bei den Herstellern nach. Die Antwort vom Volkswagen-Konzern: "Audi plant für den Anfang des nächsten Jahrzehnts ein Kleinserienfahrzeug mit Brennstoffzellenantrieb (…)." Bei BMW ganz ähnlich: "Die nächste Fahrzeuggeneration von BMW mit Brennstoffzellen wird Anfang des nächsten Jahrzehnts (…) der Öffentlichkeit vorgestellt."

Können deutsche Autobauer noch nachholen?
Können deutsche Autobauer noch nachziehen? | Bild: Das Erste

Immerhin: Bei Mercedes soll im Sommer ein GLC als Brennstoffzellen-Version kommen. Aber nur in kleiner Stückzahl, denn: "Nicht zuletzt mit Blick auf die noch geringe Anzahl an Wasserstoff-Tankstellen, wird die Markteinführung jedoch vorerst selektiv sein."

Boom bei Wasserstoff-Tankstellen

Derzeit werden sehr viele Wasserstofftankstellen neu errichtet in Deutschland.
Derzeit werden sehr viele Wasserstofftankstellen neu errichtet in Deutschland. | Bild: Das Erste

Dabei tut sich gerade beim Tankstellennetz jede Menge. In keinem Land der Welt werden derzeit so viele Wasserstofftankstellen neu errichtet wie in Deutschland. Im nächsten Jahr werden es insgesamt schon 100, in fünf Jahren sogar 400 sein. Was auch hier fehlt, sind Fahrzeuge. Und es geht nicht nur um PKW. Wir treffen Busunternehmer Christian Winzenhöler in Frankfurt. Er hat zwei Mercedes-Wasserstoff-Busse in Betrieb. Bekommen hat er sie nur über Umwege aus einem beendeten Forschungsprojekt. Gerne hätte er weitere Busse. Nur: Er bekommt keine! Auch kein anderer deutscher Hersteller kann liefern, wie er gegenüber "Plusminus" berichtet: "Ich finde es sehr schade, dass ein deutsches Unternehmen so wie wir es sind als Mittelständler auf die Industrie zugeht und sagt, wir wollen etwas tun, wir wollen etwas machen. Und die Industrie leider keine Alternativen bietet."

Anfragen nur aus Fernost

Auch die Forscher würden gerne mit der Industrie kooperieren. Aber an die Hochschule RheinMain kommen nur Kooperations-Anfragen aus Asien. Aus Deutschland: nichts. Prof. Birgit Scheppat, Hochschule RheinMain mit einem alarmierenden Fazit: "Deutschland pennt an dieser Stelle. Deutschland vergibt mal wieder eine Chance. Und wird sich hinterher sehr ärgern, dass sie dieses Fenster der Möglichkeiten, wie man so schön sagt, nicht genutzt haben. "

Zurück in Norwegen. Auch hier wartet man sehnsüchtig auf Brennstoffzellen-Autos von BMW, Audi, Mercedes & Co. Die Botschaft an die deutsche Autoindustrie ist eindeutig. Roger Hertzenberg vom Tankstellenbetreiber Uno X Hydrogen formuliert es eindringlich: "Es gibt da nichts mehr zu warten. Forscht, entwickelt und bringt etwas auf den Markt!"

(Bericht: Martina Schuster/Johannes Thürmer)
(Stand: Anfang März 2018)

Stand: 08.03.2018 08:57 Uhr

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