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Neue Seidenstraße: Wie China nach Europa greift

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Neue Seidenstraße: Wie China nach Europa greift | Video verfügbar bis 01.08.2019 | Bild: Das Erste

Inhalt in Kürze:
– China investiert mit dem Projekt "Neue Seidenstraße" massiv in eine Infrastruktur, die einen Handel mit Europa ausweitet.
– Für Deutschland bedeutet dies Arbeitsplätze und einen Ausgleich für den instabilen Handelspartner USA.
– Der Verfassungsschutz erwartet eine Zunahme der Spionage-Aktvitäten und eine Verlagerung des Know-Hows nach China.
– Chinas Haltung zur EU scheint sich zu verändern: Weg von Spaltungsinteressen hin zur Zusammenarbeit mit der EU.

Bis zu 35 Züge verkehren jede Woche zwischen China und Duisburg
Bis zu 35 Züge verkehren jede Woche zwischen China und Duisburg. | Bild: Das Erste

Duisburg-Rheinhausen. Der Zug, der gerade einfährt, hat eine lange Reise hinter sich. Er kommt direkt aus China. 12 Tage hat die Fahrt gedauert. Bis zu 35 Züge verkehren jede Woche zwischen China und Duisburg – Tendenz stark steigend. Und damit wird das Projekt "Neue Seidenstraße" immer wichtiger für die Stadt, die seit Jahrzehnten unter hoher Arbeitslosigkeit leidet, erläutert der Oberbürgermeister von Duisburg, Sören Link: "Ich halte die 'Neue Seidenstraße' für ein Jahrhundertprojekt. Es ist eine Riesenchance für China, alle Anrainerstaaten, aber auch natürlich für Deutschland. Denn die Waren, die aus China hier in Europa ankommen, werden aus Deutschland entweder weitertransportiert oder sie werden hier verarbeitet und dann zum Kunden gebracht. Und natürlich auch umgekehrt." Und das bedeutet: Arbeitsplätze.

China baut die Infrastruktur massiv aus

Heute schon ist Duisburg der größte Binnenhafen der Welt. Erich Staake, der Vorstandsvorsitzende der Hafen AG, sieht im Ausbau der Neuen Seidenstraße weiteres Potential. Allerdings gibt er zu Bedenken, man müsse auch die eigenen Stärken in den Vordergrund stellen. "Noch haben wir die. Wir haben viel Know How. In der Logistik sind wir gerade eben wieder Weltmeister geworden. Wir haben die besten Logistik-Unternehmen der Welt. Da sind wir ganz eindeutig besser als die Chinesen. Das müssen wir einbringen." Denn China gibt Gas. Um den Handel zu stärken, investiert die Volksrepublik Milliarden in die Verkehrsinfrastruktur, nicht nur im eigenen Land. Das Ziel: Mehr Ware schneller als über die Weltmeere auf der Schiene nach Europa zu bringen. Und einige der neu entstandenen Routen führen nach Deutschland. Außer Duisburg zum Beispiel auch nach Hamburg oder Nürnberg.

Chinas Neue Seidenstraße soll den Handel nach Europa intensivieren. Einige der neu entstandenen Routen führen nach Deutschland. Außer in Duisburg zum Beispiel auch nach Hamburg oder Nürnberg.
Chinas Neue Seidenstraße soll den Handel nach Europa intensivieren. Einige der neu entstandenen Routen führen nach Deutschland.  | Bild: Das Erste
Große Pläne: ein riesiges Gelände im Businesspark Niederrhein soll als chinesisches Handelszentrum entstehen.
Große Pläne: ein riesiges Gelände im Businesspark Niederrhein soll als chinesisches Handelszentrum entstehen. | Bild: Das Erste

Doch es geht nicht nur um Logistik. In Duisburg trifft "Plusminus" die Chinesin Yaomin Wang von der Firma Starhai GmbH. Das Unternehmen will auf einem 60.000 Quadratmeter großen Gelände im Businesspark Niederrhein ein chinesisches Handelszentrum errichten, erklärt Yaomin Wang, Starhai GmbH: "Angegliedert werden sollen chinesische Unternehmen und chinesische Organisationen, aber auch europäische Unternehmen und Organisationen mit China-Bezug. Die innovative Technologie, zum Beispiel Medizintechnologie, aber auch andere Technologie."

Zum Beispiel aus dem Bereich Automotive. Also Branchen, in denen Deutschland weltweit ganz vorne ist. Die chinesischen Firmen, die sich hier ansiedeln, wollen davon profitieren. Geplant sind allein bei diesem Projekt Investitionen in Höhe von 260 Millionen Euro. Doch solche Kooperationen bergen auch Gefahren für die deutsche Wirtschaft, so Professor Sebastian Heilmann von der Universität Trier: "Die chinesische Industriepolitik ist darauf gerichtet, dass die Wertschöpfung in China stattfinden soll. Im Grunde sollen diese ausländischen Technologiegeber ersetzt werden durch chinesische Firmen. Und das ist natürlich auf deutscher Seite, wenn unsere Industrietechnologien, Automobil- natürlich oder Maschinenbau, wenn das in irgendeiner Form ersetzt werden soll durch chinesische Anbieter, heißt das, dass man aus dem Markt langfristig verschwindet."

Spionage-Gefahr

Der Verfassungsschutz warnt vor Spionage.
Der Verfassungsschutz warnt vor Spionage. | Bild: Das Erste

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat in seinem vergangene Woche vorgestellten Jahresbericht eigens auf das Gefahrenpotenzial durch das neue chinesische Großprojekt hingewiesen. Im Bericht heißt es: "Die weltpolitische Situation und die politischen wie wirtschaftlichen Ambitionen Chinas lassen eine weitere Intensivierung der Spionageaktivitäten erwarten." Die neue Seidenstraße, im internationalen Politjargon heißt sie "One Belt One Road"-Initiative.

Die "One Belt One Road Initiative" beschäftigt auch die EU.
Die "One Belt One Road Initiative" beschäftigt auch die EU. | Bild: Das Erste

In Brüssel ist sie bisher kaum ein Thema, zumindest offiziell. Doch EU-Delegierte in China haben längst auf die Brisanz hingewiesen. Sie mahnen die 27 EU-Mitgliedsländer, Zitat: "(Die) Einführung (der 'Belt and Road'-Initiative) läuft der Handelsliberalisierung der Europäischen Union zuwider und öffnet ein Tor für subventionierte chinesische Firmen. Doch davon dringt beim Gipfel Mitte Juli in Peking nichts nach außen. Bei dem Treffen zwischen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk wirbt Chinas Ministerpräsident Li um einen verstärkten Handel mit der EU. Drohende Verluste aus einem Handelskonflikt mit den USA will man mit der EU ausgleichen. Da kommt das "One Belt One Road"-Projekt gerade recht.

Chinas Haltung zur EU im Wandel

China baut aus und ändert offenbar seine Haltung gegenüber der EU.
China baut aus und ändert offenbar seine Haltung gegenüber der EU. | Bild: Das Erste

Das war nicht immer so: Budapest im vergangenen Jahr. Bei den sogenannten "16+1"-Gesprächen zwischen China und 16 osteuropäischen Staaten setzt die Volksrepublik noch auf eine Spaltung der EU. Ungarn erhält Zusagen für ein drei Milliarden Dollar schweres Infrastrukturprojekt. Und stimmt schon zuvor gegen die EU, als es um einen gemeinsamen Beschluss zu Menschenrechtsverletzungen in China geht. Beim zentral- und osteuropäischen Zentrum für Asien-Studien an der Uni Budapest beobachtet Tamás Matura den aktuellen Kurswechsel der bisherigen chinesischen Politik der Spaltung Europas: "China ist nicht glücklich darüber, dass manche Zentraleuropäische Länder, allen voran Ungarn, China und die "16+1" benutzen, um gegen die EU, Brüssel und Berlin zu intrigieren. China ist darüber nicht glücklich, auch wenn Zentraleuropa für China wichtig ist, die EU ist viel wichtiger."

Wie kann Deutschland von einer Zusammenarbeit mit China profitieren?

Jetzt kommt es darauf an, dass Europa dafür sorgt, dass nicht nur China von der Neuen Seidenstraße profitiert.
Jetzt kommt es darauf an, dass Europa dafür sorgt, dass nicht nur China von der Neuen Seidenstraße profitiert. | Bild: Das Erste

Beim Besuch von EU-Kommissionspräsident Juncker in Washington im Juli dieses Jahres ist die Stabilität der transatlantischen Beziehungen auf dem Prüfstand. Ein wachsender Handel mit den USA ist nicht zu erwarten, sagen Wirtschaftsexperten. Auch auf der ersten Großveranstaltung in Deutschland speziell zur Neuen Seidenstraße vergangene Woche weist Prof. Gabriel Felbermayr vom ifo Institut darauf hin: "Die Zukunft spielt in Eurasien, und, das müssen wir uns ehrlich machen, nicht in der transatlantischen Volkswirtschaft." Doch die EU ist bisher nicht vorbereitet auf das chinesische Mammut-Projekt, beklagen sogar EU-Delegierte in China. Zitat: "Die EU muss proaktiv reagieren und eigene ökonomische und politische Interessen und Ziele formulieren …" Nur dann wird die "Neue Seidenstraße" auch für die deutsche Wirtschaft ein Erfolgsprojekt – und keine chinesische Einbahnstraße.

Bericht: Johannes Thürmer/ Sabina Wolf
Standt: August 2018

Stand: 02.08.2018 10:57 Uhr

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