SENDETERMIN Mi, 15.08.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Ausländische Investoren: Grund für Jobangst?

PlayUnternehmen aus dem Ausland haben in den vergangenen Jahren mehr als 610 Millionen Euro in Thüringen investiert.
Ausländische Investoren: Grund für Jobangst? | Video verfügbar bis 15.08.2019 | Bild: dpa

Inhalt in Kürze:

– Ausländische Investoren, aus Amerika oder China, gewinnen immer mehr Einfluss bei deutschen Unternehmen.
– Wenn Hedgefonds oder Investoren nur kurzfristig Gewinn machen wollen, kann den Unternehmen eine Zerschlagung drohen.
– "Plusminus" fragt Experten nach Lösungen, wie Deutschland aktivistischen Investoren begegnen sollte.

Bei Thyssenkrupp herrscht Unruhe. Ausländische Investoren planen Umstrukurierungen.
Bei Thyssenkrupp herrscht Unruhe. Ausländische Investoren planen Umstrukurierungen. | Bild: Das Erste

Immer öfter machen ausländische Investoren Schlagzeilen, die ganze Unternehmen aufkaufen oder Konzerne in ihrem Interesse lenken wollen. Und diese Häufung ist durchaus ein Problem, so Marc Tümmler von der Deutschen Schutzvereinigung Werpapierbesitz: "Also die deutschen Unternehmen sind dem Einfluss der amerikanischen Hedgefonds ausgeliefert. Auf der anderen Seite kommt das billige chinesische Geld und kauft hier ein in Europa, und darauf haben wir keine Antwort, und das ist sehr tragisch für die deutsche Wirtschaft." Auch Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht diese Entwicklung kristisch: "Ja, die Gefahr ist enorm, dass wir zwischen China und den USA zerrieben werden."

Markus Grolms von der IG-Metall
Markus Grolms von der IG-Metall | Bild: Das Erste

Bei Thyssenkrupp haben sich amerikanische und schwedische Investoren eingekauft. Ihr Ziel ist es, mehr Geld zu verdienen durch Umstrukturierung. Aus Protest ist die Führungsspitze abgetreten. Der nun komissarische Aufsichtratschef Markus Grolms von der IG-Metall erklärt, wie solche Investoren vorgehen: "Grundmuster der Investoren: 'Wir erzeugen Unsicherheit.' Ein ganz großes Thema ist, wenn Interna aus Gremiensitzungen nach außen dringen. Da gehören die aber nicht hin. Es gibt Gremien, da finden Sitzungen statt, da werden Probleme diskutiert und gelöst, bis man mit den Lösungen nach draußen geht. Aber man trägt die Lösung der Probleme nicht in der Öffentlichkeit aus." Unser Reporter fragt nach: "Das heißt, es gibt U-Boote in den Aufsichtsgremien?" Grolms Antwort: "Dazu möchte ich keine Antwort geben."

Existenzkrise bei Thyssenkrupp

Marc Tümmler von der Deutschen Schutzvereinigung Werpapierbesitz
Marc Tümmler von der Deutschen Schutzvereinigung Werpapierbesitz | Bild: Das Erste

Die Interessen von Aktionären vertritt Marc Tümmler. Er erklärt, das Thyssenkrupp ja tatsächlich seit Jahren kaum noch Gewinne abwirft. Sind die Forderungen der Hedgefonds also richtig? Hier wägt Marc Tümmler bei seiner Antwort ab: "Es gibt natürlich Hedgefonds oder aktivistische Aktionäre, die an einem langfristigen Erfolg interessiert sind, dass das Unternehmen vielleicht auch noch in zehn oder zwanzig Jahren existent ist. Es gibt aber auch Investoren, die suchen nur diesen schnellen Euro, den kurzfristigen Gewinn. Das kann dazu führen, dass ein Unternehmen auseinanderdividiert wird, gar nicht mehr da ist und dann hat die Volkswirtschaft gar nichts davon."

Zerschlagung des Unternehmens?

Heinz Gerhardt arbeitet seit rund 40 Jahren bei Thyssenkrupp.
Heinz Gerhardt arbeitet seit rund 40 Jahren bei Thyssenkrupp. | Bild: Das Erste

Angst vor der Zerschlagung von Thyssenkrupp hat auch Heinz Gerhard. Schon sein Vater und Großvater haben in diesem Stahlwerk gearbeitet. Es ist über hundert Jahre alt und heute noch in Betrieb: "Also mit diesem Unternehmen verbinde ich eigentlich mein gesamtes Standing, d.h. das ist mein Arbeitgeber, mein Geldgeber, der mich damit monatlich gut ausstattet bzw. auskömmlich ausstattet." Und das seit fast 40 Jahren. Er erklärt uns, wovor er Angst hat, wenn jetzt über eine Zerschlagung des Unternehmens durch Investoren spekuliert wird: "Bei einer Zerschlagung von großen Unternehmen geht natürlich die Mitbestimmung ganz klar zurück."

Mitspracherecht für Arbeitnehmer ist für Heinz Gerhardt wichtig, aber auch kulturelles Engagement, wie beim Saalbau der Philharmonie in Essen. Das wurde von Krupp über Steuern, aber auch direkt durch Spenden, finanziert. Heinz Gerhard befürchtet, dass so etwas wegfallen könnte: "Ich glaube, dass große Unternehmen mehr Verantwortung haben als für nur sich selbst zu sorgen, sondern dass sie fürs Allgemeinwohl einen Anteil zurückbringen sollten. Bei einer Gewinnmaximierung geht es um den Gewinn des Unternehmens und nicht mehr um das große Ganze und die Verpflichtung eines Unternehmens gegenüber der Gesellschaft."

Was hat der Hedgefond vor?

Der Hedgefonds Cevian hat öffentlich erklärt, er wolle den Konzern nicht zerschlagen. Doch was ist geplant?
Der Hedgefonds Cevian hat öffentlich erklärt, er wolle den Konzern nicht zerschlagen. Doch was ist geplant? | Bild: Das Erste

Der bei Thyssenkrupp aktive Hedgefonds Cevian hat öffentlich erklärt, er wolle den Konzern nicht zerschlagen und Arbeitnehmerinteressen beachten. Uns schreibt Cevian jedoch: "dass die derzeitige extrem komplexe Organisationsstruktur dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern nicht dient (...) Wir plädieren deswegen dafür, den einzelnen Bereichen einen wesentlich höheren unternehmerischen Freiheitsgrad einzuräumen. (...).“

Marcel Fratzscher vom DIW
Marcel Fratzscher vom DIW | Bild: Das Erste

Marcel Fratzscher vom DIW sieht die Gefahr, dass Deutschland seine Interessen nicht ausreichend wahrt: "Deutschland große Stärke ist die soziale Marktwirtschaft, die letztlich bedeutet, um langfristig Erfolg zu haben, müssen sie die Menschen mitnehmen. Das ist die große Stärke, die deutsche Unternehmen zu Weltmarktführern gemacht hat und da müssen wir in Deutschland schon aufpassen, dass wir nicht zwischen die Räder kommen.“

Wem gehören deutsche Unternehmen?

Wem gehören die größten 30 deutschen Unternehmen?
Wem gehören die größten 30 deutschen Unternehmen? | Bild: Das Erste

Wenn man die 30 größten Unternehmen im deutschen Aktienindex DAX betrachtet, sind die Eigentumsverhältnisse überraschend:

– Nur gut ein Drittel ihrer Aktien gehören laut einer Studie tatsächlich deutschen Anlegern.
– Bei knapp 11 Prozent lässt sich die Nationalität der Aktionäre nicht bestimmen. 
– Deutlich mehr als die Hälfte liegt inzwischen in ausländischer Hand.
– Der gößte Teil davon, insgesamt 20 Prozent, gehört amerikanischen Investoren.

20 Prozent sind in amerikanischer Hand.
Amerikanische Investoren sind sehr präsent in Deutschland. | Bild: Das Erste

Chinesische Investoren drängen auf den Markt

Nach der Finanzkrise begannen ab etwa 2008 Chinesen in großem Stil europäische Firmen zu kaufen. Für fast 36 Milliarden Euro allein im Jahr 2016.

Die bekannte Marke Medion wurde von Chinesen übernommen.
Die bekannte Marke Medion wurde von Chinesen übernommen. | Bild: Das Erste

In fast jedem Haushalt finden sich Medizinprodukte von Medisana, zum Beispiel Blutdruckmessgeräte oder Waagen. Auch Medisana ist inzwischen komplett in chinesischer Hand. Als der frühere deutsche Inhaber Kapitalgeber brauchte, waren ihm deutsche Banken zu zögerlich. Mit dem chinesischem Partner erhält er aus China viel einfacher und schneller Kredite. Ralf Lindner von der Medisana GmbH kann auch erklären, warum ihm chinesische Investoren lieber sind als amerikanische: "Mir missfällt das kurzfristige Denken, das Denken von Quartal zu Quartal, das kurzfristig von Ergebnis getriebene Denken der Amerikaner. Und dem gegenüber steht das langfristige Denken der Chinesen. Das hilft auch dem Mittelständler langfristig zu planen."

Die Firma Medisana sieht sich bislang bei chinesischen Investoren in guten Händen.
Die Firma Medisana sieht sich bislang bei chinesischen Investoren in guten Händen. | Bild: Das Erste

Die Zahl der Arbeitsplätze bei Medisana in Deutschland ist seit Einstieg der Chinesen sogar gestiegen. Aber sind diese Arbeitsplätze wirklich langfristig sicher? Ralf Lindner ist optimistisch: "Wir glauben, dass solange wir mit Wachstum ud Gewinn zum Unternehmenserfolg beitragen unser Unternehmen erhalten bleibt. Desweiteren denke ich, dass unser deutscher Markenkern und die Herkunft für den Vertrieb eine wichtige Rolle in China spielen und dass wir auch aus diesem Grund erhalten bleiben."

Ist Angst um die deutschen Arbeitsplätze unbegründet?

Nein, warnt Marcel Fratzscher vom DIW: "Die Sorge bei China ist, dass viele der Investitionen, die chinesische Unternehmen im Ausland tätigen, nicht wirklich marktwirtschaftlichen Zielen folgt, sondern staatlichen Zielen. Das heißt, wenn deutsche Unernehmen aufgekauft werden, müssen wir uns Sorgen machen, dass hier Arbeitsplätze durchaus abwandern können, weil der chinesische Staat sagt: 'Bitte bringt diese Jobs nach China.'"

Anstieg chinesischer Investitionen.
Anstieg chinesischer Investitionen. | Bild: Das Erste

 Deutschland in der Zange – Gibt es Auswege?

Deutschland ist in der Zange der Investoren aus den USA und China.
Deutschland ist in der Zange der Investoren aus den USA und China. | Bild: Das Erste

Amerikanische Hedgedfonds und chinesische Investoren gewinnen an Einfluss. Aber was könnten wir tun, um die Kontrolle über das, was in unserer Wirtschaft passiert, auch bei uns zu halten? Marc Tümmler von der Deutschen Schutzvereinigung Wertpapierbesitz wünscht sich mehr Initiative im eigenen Land: "Die Investoren in der ganzen Welt sind so klug, in die deutsche Wirtschaft zu investieren. Man kann ihnen dazu nur gratulieren. Und wir Deutschen schlafen schlichtweg."

Die Deutschen selbst könnten mehr Aktien deutscher Unternehmen kaufen.
Die Deutschen selbst könnten mehr Aktien deutscher Unternehmen kaufen.  | Bild: Das Erste

Deutsche sind ja eher Aktienmuffel. Was wäre, wenn wir selbst mehr deutsche Aktien kaufen und so selbst die Kontrolle behalten? Marc Tümmler sieht auch noch andere Lösungen: "Man könnte auch über etwas anderes nachdenken. Viele Staaten haben Staatsfonds. Das man dafür sorgt, dass der Staat mit dem Geld der Bürger in die deutsche Wirtschaft investiert, das fehlt in Deutschland komplett. Leider haben wir das nicht, andere Staaten haben das. Es wäre Zeit, dass da mal etwas passiert."

Eine zweite, staatlich organisierte Altersvorsorge auf Aktienbasis – ohne Zinsrisiko. Der Nebeneffekt wäre mehr Einfluss auf die Wirtschaft. Und es gibt noch weitere Ideen. Eine erklärt uns Marcel Fratzscher vom DIW: "Man darf auch diese Idee einer staatlichen Steuerung nicht unbedingt verteufeln. Auch wir brauchen in Europa bessere staatliche Rahmenbedingungen und auch eine klarere Setzung von Prioritäten, zum Beispiel bei Airbus. Das zeigt, dass auch eine staatliche Förderungsinitiative langfristig erfolgreich und notwendig sein kann, um Europa und gerade Deutschland langfristig zukunftsfähig zu machen."

 Bericht: Thomas Becker/ Michael Houben

Stand: 16.08.2018 17:22 Uhr