SENDETERMIN Mi, 16.05.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Gefährliche Abgase: Politik verschleppt jahrelang die Nachrüstung von Stadtbussen

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Gefährliche Abgase: Politik verschleppt jahrelang die Nachrüstung von Stadtbussen | Video verfügbar bis 16.05.2019 | Bild: Das Erste

Inhalt in Kürze:

– Viele Stadtbusse sind Euro-5-Fahrzeuge und stoßen ungehindert gefährlichen Stickoxide aus. 
– Ein Grund: Die EU-Regelungen zur Abgasmessung sind lückenhaft, es wird oft nicht der tatsächliche Stickstoffoxidausstoß auf der Straße gemessen.
– Über die ungefilterte Emission von Stickoxiden bei Euro-5-Bussen wusste das Bundesumweltministerium schon 2010 Bescheid, doch erst im März 2018 wurde die Förderung der Nachrüstung von Katalysatoren auf den Weg gebracht
– Die neue Förderrichtlinie ist problematisch, weil die Kosten für eine Nachrüstung von Stadtbussen trotz der Fördermittel für die Verkehrsbetriebe hoch sind. 

Hagen in Nordrhein-Westfalen: Hier fährt im öffentlichen Nahverkehr eine der modernsten Busflotten Deutschlands. Ältere Diesel-Fahrzeuge werden seit Jahren aussortiert und mit Bussen der jeweils neuesten Abgasnorm ersetzt. Eigentlich wollten die städtischen Verkehrsbetriebe so dafür sorgen, dass die Luft in der Innenstadt sauberer wird.

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Gefährliche Stickoxide – ausgestoßen von Stadtbussen. | Bild: Das Erste

Doch ausgerechnet in der Stadt versagt ein großer Teil der Busse: Denn viele Euro 5-Fahrzeuge stoßen im normalem Verkehr völlig ungefiltert gefährliche Stickoxide aus. Wo viele Busse unterwegs sind, wird die Luft dadurch stark belastet. In der Verkehrsbranche ist das Problem seit langem bekannt.

Keine Abgasreinigung bei Euro-5-Bussen im Stadtverkehr

Der Abgasexperte Ralph Pütz von der Hochschule Landshut warnte schon 2011, dass bei Euro-5-Bussen in der Stadt die Abgasreinigung mit dem Harnstoff AdBlue nicht funktioniert: "Im Stadtverkehr habe ich niedrige Abgastemperaturen, teilweise unter 200 Grad, so dass dann keine AdBlue-Eindüsung erfolgt und auch keine Reduktion der Stickoxide mit Abgasnachbehandlung. Man fährt de facto mit NOx-Rohemissionen."

Gerade Linienbusse sorgen für verpestete Luft in den Städten.
Gerade Linienbusse sorgen für verpestete Luft in den Städten. | Bild: Das Erste

Das heißt: Tausende Linienbusse verpesten ungehindert die Städte. Wie kann das sein? Eigentlich sollten immer strengere Grenzwerte dafür sorgen, dass die Busse sauberer werden. So durften Busse der Euro 4-Norm ab 2006 noch 3,5 Gramm Stickoxid pro Kilowattstunde ausstoßen. Bei der Euro 5-Norm waren es ab 2009 nur noch 2 Gramm, ebenso bei der sogenannten EEV-Norm, die als besonders umweltfreundlich gilt.

Seit Anfang 2014 ist mit Euro 6 ein Grenzwert von 0,4 Gramm vorgeschrieben. Die neuen Euro-6-Busse müssen den Grenzwert auch im realen Betrieb einhalten. Und das tun sie tatsächlich, wie zahlreiche Messungen von Prof. Ralph Pütz bestätigen: "Euro-6-Busse liegen bei Stickoxiden auf nahe Null-Emissionsniveau."

EU-Regelungen zur Abgasmessung lückenhaft

Stickoxidemissionen im Vergleich
Stickoxidemissionen im Vergleich | Bild: Das Erste

Bei Euro-5 bzw. EEV-Bussen wurde dagegen laut EU-Vorgaben nur getestet, ob die Motoren den Grenzwert auf dem Prüfstand erfüllen. Die Emissionen im realen Betrieb auf der Straße spielen hingegen keine Rolle. Diese Gesetzeslücke nutzen einige Hersteller kräftig aus, hat Prof. Ralph Pütz feststellt: "Es gibt sogar Fahrzeughersteller, die erst ab 250 Grad Abgastemperatur überhaupt AdBlue eindüsen, wobei auf einigen Buslinien diese Abgastemperatur niemals erreicht wird. Das ist legal, weil eben bis Euro 5 der Testzyklus an der Praxis des Nahverkehrs völlig vorbeiging, und der Hersteller eben nur den vorgegebenen gesetzlichen Test erfüllen musste."

Bundesumweltamt weist schon 2010 auf Problem hin


Recherchen von Plusminus und BR Recherche zeigen: Schon 2010 schickt das Umweltbundesamt eine Stellungnahme an das Bundesumweltministerium. Die Behörde hatte eine Studie aus den Niederlanden zum Thema "NOx-Emissionen von Nutzfahrzeugen" ausgewertet und war zu dem Schluss gekommen, dass die Stickoxidemissionen von Euro 5-Fahrzeugen trotz Abgasreinigung unter "innerstädtischen Fahrbedingungen höher sind, als angenommen." Schon damals schlugen die Beamten dem Ministerium Lösungen vor. Abhilfe könnten eine bessere "Motorsteuersoftware" und der "Einsatz von Vorkatalysatoren" schaffen. Dazu heißt es: "Beide Methoden sind grundsätzlich mögliche Mittel, um die NOx-Emissionen vor allem in Innenstädten zu senken."

Bundesumweltministerium: Keine Rechtsgrundlage für Nachrüstung

Blick ins Innere eines Busses
Nachrüstsysteme für bessere Luft sind auf dem Markt zu haben. | Bild: Das Erste

Doch das Umweltministerium bleibt untätig. In den folgenden Jahren fordern Verkehrs- und Umweltverbände immer wieder, die Linienbusse durch die Nachrüstung von Katalysatoren sauberer zu machen. Das Bundesumweltministerium allerdings sieht sich weiterhin nicht in der Lage, zu handeln. In einem Schreiben an die Deutsche Umwelthilfe vom März 2015 heißt es: "Nach hiesigem Kenntnisstand erfüllen die Hersteller (…) die Anforderungen der EU-Abgasvorschriften, so dass keine rechtliche Handhabe besteht, um technische Verbesserungen am Fahrzeug zu ‚verlangen‘." Dabei wären solche Verbesserungen durchaus möglich. Die Firma HJS aus Menden im Sauerland bietet schon seit 2006 Nachrüstsysteme an, um Stickoxide zu reduzieren. Gefragt waren die bisher vor allem in England, wie Jan Ebbing von der Firma HJS erklärt: "Die bisherige Erfahrung ist, dass die deutliche Nachfrage aus dem europäischen Ausland kommt und weniger aus dem deutschen Markt."

Drohende Fahrverbote und Kehrtwende

Neue Förderrichtline des BMVI
Neue Förderrichtline des BMVI für saubere Luft – kommt diese zu spät? | Bild: Das Erste

Im November 2017 jedoch die Kehrtwende in Deutschland: Unter dem Druck drohender Fahrverbote verspricht die Regierung jetzt, die Nachrüstung von Bussen mit Steuermitteln zu fördern. Ende März 2018 stellt das Verkehrsministerium dafür 107 Millionen Euro bereit. Dies geschieht im Rahmen des "Sofortprogramms Saubere Luft 2017 bis 2020". Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer versichert: "Schon bald wird die Luft in den Städten deutlich besser." Die Hagener Verkehrsbetriebe haben bereits einen Bus von der Firma HJS nachrüsten lassen. Die neue Abgasanlage liefert während der Fahrt mittels mehrerer Sensoren ständig Daten, wie stark der Stickoxid-Ausstoß reduziert wird. Jan Ebbing vom Nachrüstspezialisten HJS ist mit dem Resultat zufrieden: "Das eingebaute System hier, kann man sehen, leistet im Durchschnitt über die letzten 24 Stunden gemittelt eine Stickoxid-Minderung von 93,4 Prozent." Würden alle Euro-5-Busse nachgerüstet, könnte die Stickoxid-Belastung in Deutschland im Schnitt um mehr als 2 Prozent sinken. Dies hat der ADAC ausgerechnet. Klingt nicht viel. Doch an Orten, wo viele Busse fahren, würde die Luft tatsächlich deutlich sauberer.

Förderung der Nachrüstung zu gering?

Doch die Sache hat einen Haken: Einen Bus nachzurüsten, kostet rund 20.000 Euro. Davon übernimmt der Staat maximal 60 Prozent, in größeren Städten wie Hagen sind es sogar nur 40 Prozent. Die Verkehrsbetriebe müssten also nochmals richtig viel Geld investieren. Werner Flockenhaus, Betriebsleiter der Hagener Straßenbahn AG, fordert: "Wünschenswert wäre, dass die Förderquote erhöht wird, wie in anderen Ländern in Europa, da wird zu 100 Prozent gefördert, das wäre wünschenswert.

Die Nachrüstung ist kostspielig und wird nur zum Teil vom Bund gefördert.
Die Nachrüstung ist kostspielig und wird nur zum Teil vom Bund gefördert. | Bild: Das Erste

Bisher scheint die Resonanz denn auch eher verhalten: Nach Angaben des Verkehrsministeriums wurden bundesweit erst 550 Stadtbusse zur Nachrüstung angemeldet, die überwiegende Mehrheit davon Busse der Schadstoffklasse Euro 5. Dabei sind laut Verkehrsminister Andreas Scheuer rund 28.000 Busse potentiell nachrüstbar.

(Bericht: Arne Meyer-Fünffinger, Josef Streule)
(Stand: Mitte Mai 2018)

Stand: 17.05.2018 12:37 Uhr

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