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Kritik an Möbel XXXL

PlayEinige Mitarbeiter von XXXLutz äußerten sich über ihr Unternehmen kritisch.
Kritik an Möbel XXXL | Video verfügbar bis 09.05.2019 | Bild: dpa

Inhalt in Kürze:

  • Experten werfen XXXLutz vor, mit der Aufsplittung von Standorten Arbeitnehmerrechte zu unterlaufen, was XXXLutz bestreitet.
  • Das Unternehmen tue mutmaßlich einiges, um seine Bilanzen vor fremden Blicken zu verbergen. Vor allem aber: Bei XXXLutz sehen sie starke Indizien für illegale Leiharbeit. Ein Vorwurf, den das Unternehmen jedoch entschieden zurückweist.
  • Beweise kann am Ende nur der Zoll ermitteln.

Ein Handelsriese aus Österreich kämpft um die Vorherrschaft im internationalen Möbelhandel – und ist dabei offenbar nicht zimperlich, behaupten Kritiker wie Dirk Nagel von der Gewerkschaft Ver.di: "Also was die Arbeitnehmerfrage angeht, ist es eines der schlimmsten Unternehmen, mit denen ich jemals zu tun hatte". Möbel XXXLutz weist das zurück. Doch viele Beschäftigte haben Angst. So sagt uns eine Beschäftigte: "Als ich von der Übernahme gehört habe, habe ich sofort gedacht: 'Furchtbar, von denen kommt nie was Gutes'."

XXXL hat Mitarbeiter in ganz Europa

Jetzt äußern Experten erstmals öffentlich einen Verdacht, der das Geschäftsmodell des Möbelriesen ins Wanken bringen könnte. Peter Schüren ist Arbeitsrechtler an der Universität Münster und schätzt es folgendermaßen ein: "So scharf an der Grenze zur illegalen Arbeitnehmerüberlassung im großen Stil zu arbeiten – das sieht man nicht oft."

Der riesige rote Stuhl ist das Markenzeichen von XXXL – und riesig präsentiert sich auch die deutsche Firmenzentrale in Würzburg. XXXL hat sich von Österreich aus in Europa ausgebreitet, betreibt heute nach eigenen Angaben 255 Möbelhäuser in elf Ländern. Allein in Deutschland führt Lutz inzwischen 44 Häuser mit rund 11.000 Mitarbeitern. Im Unternehmensvideo verspricht Lutz den Beschäftigten eine gute Zukunft. Man sieht lächelnde Mitarbeiterinnen in Hochglanzbildern. Und man hört ein Versprechen: "Das Unternehmen verpflichtet sich zu 100-prozentiger Einhaltung aller Gesetze und Regeln der Fairness. Ein Unternehmen – ein Versprechen."

XXXL Lutz ist mittlerweile in vielen Ländern vertreten.
XXXLutz ist mittlerweile in vielen Ländern vertreten. | Bild: Das Erste

System ungünstig für Arbeitnehmervertretungen

Ver.di-Handelsexperte Dirk Nagel hat das Unternehmen anders kennen gelernt: "Also das entspricht nicht ansatzweise der Realität, wie wir sie wahrgenommen haben". Damit meint er unter anderem, dass sich die Position der Beschäftigten nach der Übernahme eines Möbelhauses oft verschlechtere, weil es plötzlich in verschiedene Firmen aufgeteilt wird. Hier das Möbelhaus , dort verschiedene kleinere Personalfirmen, die sich etwa um den Verkauf, das Lager oder die Montage beim Kunden kümmern. Auf diese Firmen wird das Personal verteilt. Das hat Folgen für die Arbeitnehmervertretung, erklärt Dirk Nagel. "Ein Möbelhaus wird oft mit 200 und mehr Beschäftigten betrieben, das heißt: neunköpfiger Betriebsrat und eine Freistellung. Je kleiner die Einheiten sind, desto kleiner sind die Betriebsratsgrößen und das nächste Problem ist, dass die Betriebsräte formal überhaupt nichts miteinander zu tun haben".

Bei XXXLutz trifft man auf verschiedene kleinere Personalfirmen, die für das Möbelhaus tätig werden.
Bei XXXLutz trifft man auf verschiedene kleinere Personalfirmen, die für das Möbelhaus tätig werden. | Bild: Das Erste

Unsicherheit bei Arbeitnehmern

So sei es schwieriger, Arbeitnehmerinteressen gebündelt durchzusetzen. Dazu komme oft die Angst der Beschäftigten, einen Betriebsrat zu gründen, so Nagel. Das bestätigen uns Verkäuferinnen verschiedener Standorte in verdeckten Interviews: "Wir hätten Angst, einen Betriebsrat zu gründen, denn man weiß nie, wem man vertrauen kann. Letztlich ist es die Angst, seinen Job zu riskieren, wenn man sich zu sehr für Arbeitnehmerinteressen einsetzt."

XXXLutz weist das zurück und schreibt: "In der XXXLutz-Gruppe sind 32 Betriebsratsgremien mit weit über 300 Betriebsräten aktiv." Ver.di als größte Handelsgewerkschaft versichert hingegen, man habe inzwischen keinen Einfluss mehr in den Möbelhäusern.

Was steckt hinter der Unternehmensstruktur?

Wie kleinteilig XXXL aufgestellt ist, zeigt ein Blick ins Handelsregister: Wir finden allein in Deutschland mehr als 160 Gesellschaften. Alle haben dieselbe Adresse: den deutschen Lutz-Firmensitz in Würzburg. Auffällig: Für alle diese Firmen haftet eine einzigePerson mit ihrem privatenVermögen: Julia K. Trotzdem darf sie kaum eine dieser Firmen vertreten. Diese Konstruktion habe möglicherweise einen bestimmten Grund, sagt der Gesellschaftsrechtler Thomas Casper von der Universität Münster.

Der Gesellschaftsrechtler Thomas Casper blick für "Plusminus" auf das System von XXXLutz.
Der Gesellschaftsrechtler Thomas Casper blick für "Plusminus" auf das System von XXXLutz. | Bild: Das Erste

Sobald nämlich eine natürliche Person – also ein Mensch – für eine GmbH & Co. KG als so genannter Komplementär haftet, muss das Unternehmen seine Zahlen zu Gewinn, Verlust oder Schulden nicht mehr veröffentlichen. Thomas Caspers erklärt das genauer: "Normalerweise ist der Komplementär dazu da, das Unternehmen zu führen. Dies ist hier nicht der Fall, weil die Dame nicht vertretungsberechtigt ist. Sie hat also nur für die Schulden einzustehen, das erweckt den Eindruck als sei sie nur eine Strohfrau, damit wir hier einen persönlich haftenden Gesellschafter haben, um die Publizitätspflichten zu vermeiden."

XXXLutz erklärt dazu Folgendes: "...dass es sich hier um eine völlig übliche und rechtlich einwandfreie Vorgehensweise handelt."

Merkwürdigkeiten im Unternehmenskonstrukt

Lutz mag sich offenbar nicht gern in die Karten schauen lassen. Soweit alles legal. Aber dann wird’s dubios: "Plusminus" liegen verschiedene Verträge vor. Sie regeln das Verhältnis der Möbelhäuser mit den Firmen, in die das Personal ausgelagert wird. Arbeitsrechtler Peter Schüren von der Universität Münster findet, die Bezahlung der formal unabhängigen Gesellschaften, sei merkwürdig geregelt. Laut den Verträgen erstattet das Möbelhaus den Firmen lediglich ihre Kosten– und legt noch ein Prozent als Gewinn oben drauf.

Arbeitsrechtler Peter Schüren von der Uni Münster
Arbeitsrechtler Peter Schüren von der Uni Münster | Bild: Das Erste

Für den Arbeitsrechtler Peter Schüren eine ungewöhnliche Sache: "Das ist ne ziemlich trostlose Beziehung, wenn ich meinem Vertragspartner sage, bei mir kriegst Du ein Prozent Gewinnaufschlag und Du musst offen legen, was Du für Kosten hast und dafür bekommst Du ein Prozent drauf – das deutet eine extrem starke Abhängigkeit an. Also einem Unternehmen, das am Markt auftritt, würde man solche Bedingungen nicht verpassen".

Indizien für illegale Leiharbeit

Einige Mitarbeiter von XXXLutz äußerten sich über ihr Unternehmen kritisch.
Einige Mitarbeiter von XXXLutz äußerten sich über ihr Unternehmen kritisch. | Bild: dpa

In Peter Schüren keimt ein weitreichender Verdacht: illegale Leiharbeit! Denn so rechne man gewöhnlich mit Leiharbeitsfirmen ab, sagt er. Weiteres Indiz für ihn, eine genaue Beschreibung, was das Personal tun soll, fehle:"Für mich sieht das nach Arbeitnehmerüberlassung aus und nicht nach einer echten Dienstleistung. (...) Das heißt: Das Möbelhaus besteht als Organisation weiter und die kleinen Dienstleister haben keine andere Aufgabe als Personal zu beschäftigen und in das große System Möbelhaus reinzuschicken. Und das ist bei uns nur als legale Arbeitnehmerüberlassung in engen Grenzen erlaubt. Ansonsten ist es verboten".

Baut einer der größten Möbelhändler Europas sein Geschäft in Deutschland womöglich auf illegaler Leiharbeit auf? Wir überprüfen bei der Bundesagentur für Arbeit für mehr als 100 solcher Firmen, ob sie eine Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung haben. Das Ergebnis: Nein! Sie dürften ihre Beschäftigten also nicht ans Möbelhaus verleihen.Tun sie auch nicht, sagt XXXLutz. Und die Kostenerstattung mit einem Prozent oben drauf, ist laut XXXL Lutz: "... eine durchaus auch in anderen Branchen weit verbreitete Handhabung, gegen die nichts einzuwenden ist."

Kann man XXXLutz illegale Leiharbeit nachweisen?
Kann man XXXLutz illegale Leiharbeit nachweisen? | Bild: Das Erste

Ein Fall für den Zoll

Ist der Verdacht der illegalen Leiharbeit also unberechtigt? Die Behörde, die das ermitteln müsste, ist der Zoll. Wir treffen einen ehemaligen leitenden Zollbeamten: Hans-Dieter Kainzbauer-Hilbert hat mehr als 30 Jahre lang beim Zoll zu illegaler Arbeitnehmerüberlassung ermittelt. Auch ihm zeigen wir die Verträge. Seine Einschätzung:"Wenn diese Verträge so durchgeführt werden, dann haben wir – denke ich mal – einen eindeutigen Fall von unerlaubter illegaler Arbeitnehmerüberlassung mit der Rechtsfolge, dass Verleiher und Entleiher ein Bußgeld bezahlen müssen".

Zudem müssten die wirtschaftlichen Vorteile einer illegalen Leiharbeit zurückgezahlt werden. Laut Kainzbauer-Hilbert wäre das keine kleine Summe: "Und bei langen, umfassenden Geschäftsbeziehungen kann das in die 100tausende oder eine Millionen gehen".

Und was passierte mit den Beschäftigten? Hierzu äußert sich Arbeitsrechtler Peter Schüren wie folgt: "Wenn man illegal überlassen wird, wird man kraft Gesetzes Arbeitnehmer von dem, der sich den Arbeitnehmer ausgeliehen hat". Wir fragen nach, was das bedeutetn würde. Schürens Antwort: "Das Möbelhaus hätte ganz, ganz viele Mitarbeiter". Denn die würden demnach schlagartig wieder Beschäftigte des jeweiligen Möbelhauses.

Bericht: H. Kordes/ E. Dietrich

Stand: 11.05.2018 16:42 Uhr

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