SENDETERMIN Mi, 25.04.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Profifußball vs. Amateure: Warum die Schere weiter aufgeht

PlayDFB und DFL
Profifußball vs. Amateure: Warum die Schere weiter aufgeht | Video verfügbar bis 25.04.2019 | Bild: Das Erste

–2017 ist wieder ein Rekordjahr für 1. und 2. Bundesliga mit rund 4 Milliarden Euro Jahresumsatz.
–Amateurvereinen steht eine finanzielle Unterstützung vom DFB und mittelbar auch von der DFL zu.
–Amateurvereine klagen, es käme zu wenig Geld an. 
– Rechentricks führen dazu, dass nur wenig Geld in dem Amateurbereich fließt. 

Vereine müssen Kinder wegschicken

Fußball im Tor
Nicht alle Kinder können im Verein Fußball spielen, denen fehlt oft das Geld.  | Bild: dpa

Beim Amateurverein FT Gern in München sind über die Hälfte der Mitglieder Kinder. Sie lernen Fußball spielen und auch, was im Zusammenleben wichtig ist: Respekt und das Befolgen von Spielregeln. Doch es fehlt Geld. Das hat drastische Folgen mahnt Michael Franke vom FT Gern: "Wir schicken schon regelmäßig Kinder weg und das ist natürlich etwas, was einem richtig weh tut. Wenn man sich vorstellt, ein kleines Kind, dass gern Fußball spielen möchte oder sich überhaupt bewegen möchte und wir dann sagen, geht leider nicht, und wir können nicht einmal sagen, geht mal nach neben an, geht mal zum anderen Verein. Weil die die gleiche Situation haben."

Amateurvereinen wie der freien Turnerschaft München Gern steht eine finanzielle Unterstützung vom Deutschen Fußball-Bund DFB zu und mittelbar auch von der Deutschen Fußball Liga DFL. Das ist der Zusammenschluss der Vereine der 1. und 2. Bundesliga.

Amateurvereine beklagen Geldmangel

Doch Amateurvereine klagen: Es kommt zu wenig Geld an. Auch beim SV Pullach ist das Geld knapp. Der Verein aus der Bayern-Liga Süd ist so arm, dass er in der letzten Spielsaison nicht einmal aufsteigen konnte, obwohl er Tabellenerster war. Das Vereinsgelände müsste eine Tribüne haben. Die aber kann man sich hier nicht leisten, das täte weh, klagen die Fans.

Der deutsche Fußball Bund DFB und die Deutsche Fußball Liga DFL lassen die Amateure im Regen stehen, heißt es hier. Und das obwohl der Amateurbereich die Basis des Profifußballs sei!

Heinz Metz, Vorstand vom SV Pullach
Heinz Metz, Vorstand vom SV Pullach | Bild: Das Erste

Der Vorstand des SV Pullach ist verärgert: Zu wenig Geld für die fast 25 Tausend Amateurvereine. Dahinter stecke eine trickreiche Rechnung von DFB und DFL, so Heinz Metz vom SV Pullach: "Da bleiben nur 6 Millionen für den ganzen Amateurbereich übrig. Das ist alles ein bisschen im Hinterstübchen gelaufen zwischen DFL und DFB."

Tickreiche Rechnerei

Wie kommt es dazu? Der Grundlagenvertrag, kurz GLV regelt die Finanzbeziehungen zwischen DFB und DFL. Paragraph vier Absatz eins bestimmt: Die DFL überweist drei Prozent der Erlöse aus Medienrechten und Eintrittskartenverkauf, den so genannten "Pachtzins", an den DFB. Doch so läuft es nicht.

DFB und DFL
DFB und DFL vereinbaren Zusatzvereinbarungen – mit finanziellen Konsequenzen. | Bild: Das Erste

Frankfurt 2009. DFB und DFL beschließen eine geheime Zusatzvereinbarung. Die hebelt die im Grundlagenvertrag festgeschriebene Regelung aus. Und so sieht der Rechentrick aus: Die Pachtzinsen werden auf 26 Millionen Euro festgeschrieben und damit gedeckelt. Es könnten viele Millionen mehr aus den anteiligen Ticketerlösen und Medienrechten sein.

Genau das untersuchte die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main. In einem internen Aktenvermerk heißt es im vergangen Jahr, Zitat: "Die …Zusatzvereinbarung…muss als Förderung des Profifußballs (DFL) zu Lasten des Amateurfußballs…, eingeordnet werden." Eine brisante Einschätzung der Behörde.

Rechenmaschine, Geldscheine
Rechentricks zu Lasten der Amateurvereine? | Bild: WDR

Und dann gibt es noch Rechentrick zwei: Der DFB überweist der DFL jährlich 20 Millionen Euro mit einer seltsamen Begründung: U.a. für die "Anerkennung" der Abstellungsverpflichtung der Nationalspieler soll Geld fließen.

Geheime Zusatzvereinbarungen

Trainingseinheit beim SV Pullach.
Trainingseinheit beim SV Pullach. | Bild: Das Erste

Dabei ist die Abstellung in den Statuten ohnehin klar geregelt. Die Vereine müssen ihre Spieler dem DFB für Länderspiele zur Verfügung stellen und bekommen dafür Geld vom DFB. Sportrechtsexperten kritisieren die zusätzliche Vergütung scharf, diese Zusatzvereinbarung sei nicht haltbar. Außerdem: Für die deutschen Nationalmannschaftsspieler, die bei ausländischen Clubs spielen, zahlt der DFB nichts. Warum zahlt er dann an die DFL?

Insgesamt führen Rechentrick eins und zwei zu dieser Aufrechnerei: 26 Millionen gedeckelte Pachtzinsen von der DFL an den DFB. 20 Millionen – vom DFB an die DFL wegen der Nationalspieler. Es verbleiben sechs Millionen beim DFB. Nur noch diesen Rest schüttet der DFB an die Amateure aus.

Engelbert Kupka, Ehrenpräsident bei der SPVGG Unterhaching
Engelbert Kupka, Ehrenpräsident bei der SPVGG Unterhaching | Bild: Das Erste

Engelbert Kupka, Ehrenpräsident des SpVgg Unterhaching klagt, die Amateurvereine seien zum größten Bettelorden Deutschlands geworden. Er ist darüber empört, wie DFB und DFL die Zusatzvereinbarung rechtfertigen: "Den Amateuren würde kein Nachteil erwachsen. Das ist einfach eine grobe Unwahrheit und so kann es nicht bleiben."

Anfang 2017 gründet er die Aktion "Rettet den Amateurfußball". Doch im Dezember, auf dem außerordentlichen Bundestag des DFB wird die Zusatzvereinbarung in einer Abstimmung angenommen. Auch von Vertretern der Amateure: Doch warum?

Michael Franke, Vorstand vom FT Gern
Michael Franke, Vorstand vom FT Gern | Bild: Das Erste

Michael Franke, Chef des Amateurvereins FT Gern ist davon überzeugt, dass die die Zusatzvereinbarung zwischen dem Deutschem Fußball-Bund DFB und der Deutschen Fußball Liga DFL den Amateuren nicht ausreichend bekannt war:

"Weil wir eben alle nebenbei noch berufstätig sind, hat da niemand die Möglichkeit. Wir sind hier so voll mit allen möglichen Dingen, die in der Regel nichts mit Fußball zu tun haben, das ist ja das Dramatische. Wir befassen uns damit, ob die Wasserhähne noch funktionieren, ob die Heizung noch funktioniert, ob die Flutlichtlampe ausgetaucht werden muss. Und darüber hinaus noch sich über Verbandsthemen Gedanken zu machen, ist schlichtweg nicht möglich."

Amateurnachwuchs ist wichtig

Als Phillip Lahm beim FT Gern anfing, konnte der Verein noch alle Kinder aufnehmen. Nationalspieler wie Lahm bescheren dem Profifußball Milliardenumsätze. Doch warum bekommen Amateurvereine, die Talente groß machen, dann weniger Geld, als im Grundlagenvertrag ursprünglich vorgesehen? Alles laufe korrekt, sagen DFB und DFL, allerdings nicht vor unserer Kamera.

(Bericht: Sabina Wolf)
(Stand: Ende April 2018)

Stand: 26.04.2018 18:38 Uhr

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