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Virenattacke auf die Industrie - Hilfen für die Wirtschaft

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Virenattacke auf die Industrie + Hilfen für die Wirtschaft | Video verfügbar bis 11.03.2021 | Bild: Pixabay/mattthewafflecat

– Corona trifft viele Unternehmen hart
– Einige haben schon jetzt 20 Prozent Jahresumsatz verloren
– Finanzhilfen vom Bund zu dürftig – Schwarze Null muss gekippt werden
– Bei Quarantäne droht Aus von Jahrzehnte alten Betrieben
– Grenzen müssen für Handel offen bleiben

Die Sorgen vieler Unternehmen und ihren Beschäftigten über die Auswirkungen des Coronaviruses wächst. Plusminus hat die Entwicklung in einigen Branchen mal näher angeschaut - und die ist wirklich besorgniserregend. Kein Wunder, dass viele Unternehmer die versprochenen Finanzhilfen der Politik nur als Trostpflaster sehen

20 Prozent Umsatzverlust schon zu Beginn von Viruswelle

Diese Messebau-Firma in Maisach bei München hat einen nie da gewesenen Auftragseinbruch. Auf dem Hof steht ein kompletter Messestand, fertig verpackt für den Transport nach Südfrankreich – doch die dortige Messe wurde auf den Sommer verschoben. Zwei Millionen Euro hat der Familienbetrieb durch Corona schon verloren. 20 Prozent des gesamten Jahresumsatzes. Und ein Ende der Flaute ist nicht abzusehen. Statt Aufträgen hagelt es Stornierungen.
Die laufenden Kosten aber bleiben, jeden Monat betragen Löhne für die 80 Mitarbeiter rund 350.000 Euro.
In der hauseigenen Schreinerei überholen die Mitarbeiter gerade den Lagerbestand, um noch irgendwie beschäftigt zu sein.

Michael Lex, Geschäftsführer, Rappenglitz Gmbh: "Uns sind innerhalb von einer Woche eigentlich alle Aufträge für das Frühjahr 2020 weggefallen. Wir hatten eine sehr gute Auftragslage, wir haben gar keine Arbeit mehr für meine Mitarbeiter."

Nun hat er entschieden, Kurzarbeit anzumelden. Und hat seine Belegschaft darüber informiert. Die macht sich große Sorgen.

Hermann Eger, Mitarbeiter, Rappenglitz GmbH: "Jeder muss seine Miete weiterzahlen oder daheim das Haus in Schuss halten."

Keine Informationen zu Kurzarbeitergeld

Michael Lex ist froh, dass die Bundesregierung Kurzarbeit erleichtern will, doch Informationen dazu findet er noch nicht, auf den Internetseiten der Agentur für Arbeit keine aktuellen Hinweise.

Michael Lex, Geschäftsführer, Rappenglitz GmbH: "Wir hatten versucht ursprünglich einen Termin bei der Agentur für Arbeit zu bekommen, um uns überhaupt mal über jegliche Möglichkeiten zu informieren und sind da nur abgeblitzt.“ „Was würden Sie sich da wünschen?“ „Einfach eine bessere persönliche Beratung für kurzfristig betroffene Unternehmen."

Logistikfirmen müssen Lieferketten garantieren – trotz Corona

Ortswechsel: die Kukla-Logistik in München ist eine internationale Spedition für Lebensmittel mit Repräsentanzen auf der ganzen Welt. Sie bewegen 60.000 LKW-Ladungen im Jahr auf Schiene, Straße und Wasser.
Für den Fall, dass die Firma wegen Corona unter Quarantäne gestellt werden müsste, verlangen ihre Auftraggeber klare Notfallpläne, wie die Spedition die Lieferkette garantieren kann. Krisensitzung: für alle Mitarbeiter in Schlüssselpositionen werden Notebooks bestellt für die Arbeit von zuhause aus. Sonst wären sie die Kunden sofort los.

Knut Sander, Geschäftsführer, Robert Kukla GmbH: "Wenn wir jetzt zwei Wochen nicht arbeiten können, auf Grund der Tatsache, dass sich ein Mitarbeiter infizieren würde, würde es eine Firma, die es seit fast 80 Jahren gibt, in zwei Wochen wahrscheinlich nicht mehr geben. Weil in der Logistik, wir müssen Tag und Nacht verfügbar sein."

Frachtschiffe aus und nach China stecken fest

Für den Warenaustausch aus und nach Italien finden sie kaum LKW und Fahrer. Die Spedition beobachtet auf einer Frachtbörse einen Einbruch der verfügbaren Lieferkapazitäten um fast ein Drittel.
Doch größere Sorgen machen Geschäftsführer Knut Sander die Überseetransporte. Er hat gerade aktuelle Informationen aus China eingeholt. In einer Woche rechnet er mit einem ganz großen Einbruch der Lieferketten. Die Ursache:

Knut Sander, Geschäftsführer, Robert Kukla GmbH: "Dass wir sehr viele Container in den chinesischen Häfen haben, die dort nicht rauskommen, auf Grund der Tatsache, dass die LKW-Fahrer in Quarantäne sind, da die LKW-Fahrer die Container nicht aus den Häfen herausbewegen können, können sie auch nicht zurück nach Europa verschifft werden."

Firmen brauchen Liquiditätshilfe – Schwarze Null muss kippen

Heute in München. Clemens Fuest ist einer der führenden deutschen Wirtschaftswissenschaftler: Er unterstützt zwar das aktuelle Hilfspaket der Regierung, fordert darüber hinaus aber noch mehr Engagement.

Prof Clemens Fuest, Ifo Institut: "Wir brauchen außerdem Liquiditätshilfen für Unternehmen, da gibt es unterschiedliche Wege. Man kann Steuerzahlungen stunden, zinslos, das heißt, das Geld einfach später einsammeln, der Staat kann sich ja derzeit für Nullzinsen verschulden, insofern kostet ihn das nicht viel.
Wenn dann am Ende mit diesen Maßnahmen die schwarze Null nicht mehr zu halten ist, dann ist das kein Drama, wir sind in einer Krisensituation. Die schwarze Null ist eine gute Maßgabe für wirtschaftlich solide Zeiten."

Handelsflucht von einem Land zum anderen                                 

Noch versuchen viele Unternehmen die Schäden klein zu halten, wie die Firma Wanzl aus Leipheim bei Augsburg. Weltmarktführer für Einkaufswagen. Eigentlich sollten die in China produziert werden. Doch wegen des Coronavirus musste Wanzl sein Werk in Shanghai vorübergehend schließen – und die Produktion nach Tschechien und Deutschland verlagern. Dann das nächste Problem: In Bayern nutzt Wanzl unter anderem Stahl aus Italien, das besonders vom Coronavirus betroffenen ist. Um so früh wie möglich über Lieferengpässe auf dem Laufenden zu sein, hat die Firma eine “Taskforce Corona“ eingerichtet.

Markus Spengler, Leiter Logistik, Wanzl GmbH & Co. KGaA: "Die Taskforce hat ein morgendliches Meeting, wo wir die aktuelle Situation täglich neu bewerten und geeignete Maßnahmen einleiten, damit wir die Lieferfähigkeit aufrechterhalten."

Grenzen müssen für Handel offen bleiben

Mögliche Reaktionen: Produktionen verlagern oder Stahl aus anderen Ländern bestellen. Doch damit ist es nicht getan: Der Stahl muss schließlich auf der Straße oder auf der Schiene zu Wanzl kommen können. Dafür müssen die Grenzen offenbleiben und der Verkehr funktionieren. Die Firma fordert von der Politik daher vor allem Planungssicherheit.

Markus Spengler, Leiter Logistik, Wanzl GmbH & Co. KGaA : "Damit die Wirtschaft nicht zum Erliegen kommt, benötigen wir in so einer Situation von der Politik klare, verbindliche und zuverlässige Aussagen, damit die Wirtschaft sich dementsprechend darauf einstellen kann."

Legt Virus bald deutsche Wirtschaft lahm?

Noch läuft der Betrieb und die Lager bei Wanzl sind gefüllt. Doch niemand kann sagen, wie lange noch. Die Politik beschwichtigt und versucht Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

Schutzanzug am Fertigungsband
Schutzanzug am Fertigungsband | Bild: picture alliance/Wang Jianwei/Xinhua/dpa

Peter Altmaier, CDU, Bundeswirtschaftsminister: "Wir passen unsere Maßnahmen fortlaufend an, wir haben auch Entlastungsmaßnahmen im Paket. Das alles wird derzeit zwischen dem Bundesfinanzministerium und dem Bundeswirtschaftsministerium abgestimmt und sie werden sehr bald die Ergebnisse hören. Es geht darum, dass dieses Virus die deutsche Volkswirtschaft nicht infiziert."

Der Messebauer Michael Lex hofft derweil mit Kurzarbeit den Umsatzeinbruch wegen des Coronavirus abfedern und überstehen zu können.

Michael Lex, Geschäftsführer, Rappenglitz GmbH: "Unser primäres Ziel ist in dieser Coronakrise, wie ich es schon nennen möchte, ist es alle Mitarbeiter zu halten. Wir möchten keinem einzigen Mitarbeiter kündigen müssen wegen Corona."

Da ist eine gewaltige Kraftanstrengung nötig, damit der Auftragsschock keine Unternehmen zerstört, die eigentlich kerngesund sind.

Ein Beitrag unserer Kollegen Reinhard Weber, Johannes Lenz, Karsten Böhne vom BR

Stand: 12.03.2020 11:14 Uhr

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