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Finanzinvestoren bei Rehakliniken

PlayPfleger schiebt ein Bett über einen Krankenhausflur
Finanzinvestoren bei Rehakliniken | Video verfügbar bis 28.03.2019 | Bild: dpa / Philipps Schulze/Daniel Reinhardt

– Deutschlands größter privater Reha-Anbieter, die Median-Kliniken, sind streng auf Rendite getrimmt
– Nach Übernahme durch Waterland, einen der profitabelsten Vermögensfonds der Welt, vor vier Jahren
– Starke Kritik an sinkenden Pflegestandards und auch Mitarbeiterstatus
– Laborergebnisse seien nicht mehr zu verantworten
– Versichertengemeinschaft muss Finanzhaie füttern

Nach einem Schlaganfall kam Elke H. im Juni 2015 in eine Rehaklinik des Median-Konzerns in Berlin-Kladow. Bei einem Besuch stellen ihr Ehemann und ihre Tochter fest, dass eine offene Wunde am Bein nicht versorgt wurde.  

Pfleger schiebt ein Bett über einen Krankenhausflur
 | Bild: dpa / Philipps Schulze/Daniel Reinhardt

Hans-Dieter H., Ehemann: "In der Rehaklinik haben sie wahrscheinlich nicht drauf geachtet und daher ist mir das aufgefallen. Die Wunde sah aus, die war ungefähr 8-10 Zentimeter groß." Rita B., Tochter: "Da gab es einmal eine Situation, da bin ich zum Pfleger hingegangen und habe gesagt, können Sie mal bitte kommen und bei meiner Mutter mal an der Trachialkanüle absaugen. Er nickte, kam, und hat sie dann umgebettet. Der hat mich überhaupt nicht verstanden."

Versorgungsfehler wegen Profitgier?

Nach einem Schlaganfall wird ein 85-jähriger Patient in der Median-Klinik Flachsheide untergebracht. Die Angehörigen erinnern sich mit Grausen.

Lutz W., Angehöriger: "Wir waren geschockt über seinen Pflegezustand unrasiert, ungewaschen."

Angelika S., Angehörige und ausgebildete Krankenschwester: "Er machte einen exikierten Eindruck, das heißt Austrocknung. Die Haut war trocken, die Zunge habe ich mir zeigen lassen. Die Sprache war verschwommen."

Vermögensfonds greift Arbeitnehmerstatus an

Seit Jahren werden die Median-Kliniken – Deutschlands größter privater Reha-Anbieter – streng auf Rendite getrimmt. 2014 übernahm Waterland die Klinikgruppe – einer der profitabelsten Vermögensfonds der Welt. Kurz darauf kündigt Median den Manteltarifvertrag, in der Folge Streiks und Klinikschließungen. Der Betriebsrat klagt über Nullrunden und Reallohnverlust für viele Beschäftigte, vor allem in den unteren Lohngruppen.

Professor Wilfried von Eiff ist einer der renommiertesten Experten für Krankenhausmanagement. Er kennt die Stellschrauben, wie Kliniken zu Profit Centern gemacht werden. Seine Einschätzung: "Sie haben nur eine Möglichkeit und das ist an der Kostenschraube zu drehen. Und das wird von solchen Finanzinvestoren natürlich auch gemacht. Sie bauen Personal ab, sie nehmen bestimmte Aufgabenstellungen nicht oder nur rudimentär wahr, wie beispielsweise eine Wundversorgung oder die Kontrolle von Tabletteneinnahmen oder die Organisation von ärztlichen Visiten, deren Anzahl dann reduziert wird. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, die letztlich allerdings alle eine Konsequenz haben: Sie wirken sich auf die Qualität der Medizin am Patienten aus."

Massenabfertigung von Reha-Patienten

Dazu passen die Erfahrungen von Sven B.. Wegen eines Rückenleidens bewilligte die Berufsgenossenschaft dem 42-jährigen Projektmanager eine Reha-Kur in der Median-Klinik in Bad Salzuflen. Es wurde fast nur in Großgruppen therapiert.

Sven B., Patient: "Die Physiotherapie war von 20 Jahre alten Patienten bis 60 Jahre alten Patienten, man hat keine Rücksicht genommen, wer was hat. Es wurde was durchgezogen. Es waren in drei Wochen sechs Anwendungen, die eigentlich auch für die Katz waren. Ich bin mit chronischen Rückenschmerzen reingekommen und bin mit denselben chronischen Rückenschmerzen – ohne auch nur annährend eine Verbesserung zu haben – nach den drei Wochen auch wieder entlassen worden."

Gruppen- statt Einzeltherapie – auch eine Methode, um Kosten zu sparen. Unsere Nachfragen zu diesen Fällen werden aus der Berliner Median-Zentrale nicht beantwortet. Man verweist auf Zertifizierungen, den Qualitätsbericht und merkt an: "Die Gesamtzufriedenheit unserer Patienten liegt bei 92 Prozent und bewegt sich damit oberhalb des Branchenschnitts."

Rückmietkauf – Der Beginn der Abwärtsspirale für Kliniken?

Eine andere Maßnahme, um schnell Cash zu machen: Das so genannte Sale-and-lease-back-Geschäft, zu Deutsch: Rückmietkauf. Bald nach dem Erwerb für eine Milliarde Euro verkauft Waterland 40 Median-Immobilien für rund 705 Millionen Euro an den US-Fonds Medical Properties Trust. Jetzt müssen die Kliniken ihre eigenen Gebäude mieten, zu derben Konditionen: Rund zehn Prozent des Kaufpreises wird jährlich als Miete fällig. Festgelegt für die nächsten 27 Jahre. Plus jährlichem Inflationsausgleich, plus Wartung und Instandhaltung.

Klinikmanagement-Experte Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff – Medizinökonom – meint dazu: "Wenn ich zu einem solchen Sale-and-lease-back-Verfahren greife, dann greife ich sozusagen auch das Tafelsilber an. Und das kann ich nur einmal mobilisieren, denn es ist doch ein Eingriff in die Substanz eines Krankenhauses."

Auch im Laborbetrieb gab es Veränderungen. 23 Jahre lang war Günther L. bei Median in Bad Salzuflen beschäftigt. Ein Job, der höchste Genauigkeit verlangte. Aber: "Die neuen Vorgaben waren, dass ich eigentlich überhaupt keine Kontrolle mehr über die Blutproben hatte. Keine Qualität mehr kontrollieren konnte. Vorher wurde jede Probe einzeln, Röhrchen für Röhrchen begutachtet, ist der Name drauf, kann ich das Material überhaupt verwenden, ist es zeitkritisch?", so Günther L.

Unzuverlässige Blutwerte dank Zentrallabor

Ein Zentrallabor veränderte die Abläufe und verzichtete auf solche Kontrollen. Nach den Beobachtungen des Assistenten wurden die Blutproben in Plastikbeuteln gesammelt und lagen oft mehrere Stunden, bevor ein Kurier die Tüten aus sämtlichen Median-Kliniken der Gegend abholte.

Günther L., Laborassistent Internistische Diagnostik: "Ich weiß ganz genau, dass, wenn man so mit den Blutproben umgeht, dass das vorprogrammiert ist, dass falsche Werte rauskommen"

Wir zeigen die Fotos des Assistenten Isabella Fischbach, seit 25 Jahren Fachärztin für Laboratoriumsmedizin und auf Qualitätskontrollen spezialisiert. Sie erklärt: "Da sehen wir ein hämolytisches Serumröhrchen, was man quasi nicht mehr messen könnte, weil die Ergebnisse hier werden zu sehr beeinflusst sein, von den zerfallenen Blutzellen, als dass man korrekte Ergebnisse rausgeben könnte."

Labormitarbeiter lehnen Haftung für Blutproben ab

Hämolytisch heißt, die roten Blutkörperchen lösen sich auf und verhindern eine genaue Analyse. Einige Blutwerte machten nicht nur den Laborassistenten stutzig, sagt er uns: "Ich wurde angesprochen von Ärzten und Ärztinnen, ob das denn so richtig sein kann. Es kam dazu dann, dass mehrfach bei Patienten auch Blutentnahmen wiederholt werden mussten."

Zweifel an diesem Umgang mit Blutproben hatten offenbar auch seine Vorgesetzten. In einer E-Mail heißt es: "Die Kollegen aus dem Bereich Diagnostik verpacken die Proben seit dem 01.01.2016 nach den Anweisungen und Vorgaben (...) und übernehmen dafür keine Haftung."

Die Berliner Median-Zentrale erklärt dazu, dass: "...ein aktueller Leitfaden (...) in unseren Kliniken besteht, welcher auf anerkannten Standards basiert... und (…) die korrekte Durchführung der Präanalytik regelt..."

Abweichungen von diesen Standards seien nicht bekannt. Auch das beauftragte Labor bestreitet einen unsachgemäßen Umgang mit Blutproben.

Versichertengemeinschaft füttert die Finanzhaie

Wegen dieser Auseinandersetzung ist Günther L. inzwischen seinen Job los. In der benachbarten Median-Klinik in Bad Salzuflen haben zahlreiche Fachkräfte im Sommer selbst gekündigt. Das örtliche Gesundheitsamt musste die Einrichtung nach Beschwerden mehrfach kontrollieren. Größter Auftraggeber von Median sind .... wir alle. Die Beiträge der Versichertengemeinschaft finanzieren die Rendite des Investors. Mindeststandards wie beispielsweise Tariflohn werden von der Deutschen Rentenversicherung nicht verlangt. Die beruft sich auf "Vertragsfreiheit" und das "Recht auf Selbstbestimmung"... das Recht der Finanzinvestoren.

Aber: Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff, CKM - Centrum für Krankenhausmanagement Münster: "Ist es eigentlich sinnvoll, in dieser Weise Finanzierung zu betreiben und da sage ich nein. Weil: Wir haben im Gesundheitssystem eine andere Aufgabe. Wir haben die Aufgabe, kranke Menschen zu versorgen bzw. zur Prävention beizutragen. Und das sind langfristig orientierte Aufgabenstellungen."

Aber langfristig hat Waterland nie geplant. Spätestens 2020 will der Konzern die Median-Kliniken wieder losschlagen und – wie in der Finanzbranche üblich – ordentlich Kasse machen. Fragt sich nur, in welchem Zustand sie dann sind und wer die Folgekosten trägt.

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Stand: 28.03.2018 22:40 Uhr

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