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Mieten statt kaufen – ein neuer Trend?

PlayEin Schild, auf dem erklärt ist, wie man in einem Elektromarkt Waren mietet
Mieten statt kaufen - ein neuer Trend? | Video verfügbar bis 28.03.2019 | Bild: dpa / Paul Zinken

– Immer mehr Unternehmen bieten Waren zur Mehrfachnutzung an
– Schon 2.500 Miet-Produkte auf dem Markt
– Kleidung kann bis zu sieben Kunden dienen
– Auch Elektro- und Sportartikel können geliehen werden
– Ökologie statt Besitzdenken

Pakete auspacken macht dem kleinen Ludwig richtig Freude. Besonders, wenn seine Mutter wieder etwas zum Anziehen bestellt hat. Die Sachen sehen aus wie neu, sie sind es aber nicht immer. Kerstin B. mietet im Internet Kinderbekleidung, die zum Teil schon mehrmals getragen wurde. Wenn sie nicht mehr passt, wird sie zurück geschickt. 

Kerstin B.: "Ist für mich praktisch, weil ich keine neue Sachen kaufen muss. Ich finde es immer ziemlich anstrengend, für Kinder Sachen zu kaufen. Meine Kinder tragen schon seit der Geburt gebrauchte Sachen. Und ich brauche mich dann nicht darum kümmern, wie ich sie nachher weitergebe."

Nachhaltigkeit als Geschäftsprinzip

Die Kinderkleidung kostet oft zwischen einem und sieben Euro pro Monat. Und sie gehört dem Kunden, erreicht die Miete den Kaufpreis. Angeboten und aufbereitet werden die Sachen von Kilenda in Magdeburg. Die Firma  wurde vor vier Jahren von zwei Studenten gegründet. Inzwischen hat sie 30 Mitarbeiter.

Kinder stehen in einer Reihe
Grade erst gekauft, sind die Kleinen auch schon wieder rausgewachsen: Kinderklamotten sind ein Paradebeispiel für Mietgeschäfte. | Bild: dpa

Patrick Trübe, Geschäftsführer der Kilenda/Relenda GmbH: "Es steht wirklich die Langlebigkeit einer Sache im Zentrum, das heißt also Jacken werden besonders gut nachgefragt, Kleidung für besondere Anlässe wird gerne nachgefragt. Wann immer es Dinge sind, wo offensichtlich ist, dass es keinen Sinn macht, diese zu kaufen. Das sind Produkte, mit denen die Kunden meistens den Einstieg hinlegen und anschließend wird dann mehr und mehr Sortiment von uns bezogen."

Hochwertige Kleider für drei bis sieben Nutzer

Bei jedem Wechsel wird alles professionell gereinigt. Nach bisherigen Erfahrungen werden hochwertige Kleidungsstücke drei bis sieben Mal verwendet, bevor sie unbrauchbar werden. Inzwischen vermietet die junge Firma auch Kinderkleidung für einen großen Kaffeeröster. Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell – und zur Kundenbindung.

Patrick Trübe, Mitgründer und Geschäftsführer von Relenda: "Wir wollen den Kunden über sein Leben hinweg begleiten und wir haben uns entschieden, bei den Kleinsten anzufangen und damit auch ein Stück weit einen Bewusstseins-Wandel zu erreichen. Denn jetzt wächst eine Generation auf, für die es vollkommen selbstverständlich ist, Dinge nicht besitzen zu müssen, um sie nutzen zu können, sondern das Nutzen der Sache steht wirklich im Mittelpunkt."

Auch Sport- und Elektronikartikel im Test-Modus

Auch Traditions-Unternehmen sind inzwischen im Boot. Noch gibt es zwar den Katalog des Otto-Versands, aber "Gut" findet der Konzern inzwischen auch andere Vertriebswege. Seit etwa einem Jahr gehört auch das Vermieten dazu. Die Idee hatten eigene, junge Mitarbeiter in der Hamburger Zentrale. Im aktuellen Test-Modus können rund 100 Produkte aus dem Sport- und Elektronikbereich gemietet werden. Allerdings gibt es keine Kaufoption. Nach eigenen Angaben haben bisher rund 10.000 Kunden zugegriffen. Vor allem solche, die regelmäßig ihre Technik erneuern.

Ein Schild, auf dem erklärt ist, wie man in einem Elektromarkt Waren mietet
Nicht nur Klamotten kann man mieten. Auch andere Märkte springen auf den Zug auf. | Bild: dpa / Paul Zinken

Tim Herrmann, Otto - News & Stories Manager: "Wir haben jetzt nach dem ersten Jahr festgestellt, dass die Produkte in einem sehr guten Zustand zurückkommen, dass wir auch die Chance haben, sie in einen Zustand zu versetzen, dass man sie als neuwertig bezeichnen kann. Worauf sich die Kunden verlassen können, dass sie keine gebrauchte Ware bekommen, wo deutliche Gebrauchsspuren oder Schäden zu sehen sind und dafür sorgen wir in einer Produktaufbereitung, dass die Ware wieder aufbereitet werden und geben sie dann auch in den Kreislauf zurück." 

 "Mieten statt kaufen" wird zu einem immer wichtigeren Geschäft. Da sind sich Wissenschaftler sicher, die sich mit der so genannte Share-Economy befassen. Aktuell haben sie allein in Deutschland schon mehr als 2500 Mietangebote registriert.

Immer mehr Konzerne springen auf den Miettrend auf

Dr. Dominika Wruk, Projektleiterin, Institut für Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim: "Ich gehe davon aus, dass der Besitz nach wie vor eine dominante Stellung haben wird und dass Teilen dies nicht komplett verdrängen wird in den nächsten Jahren. Es wird aber alltäglicher, dass wir zusätzlich zu dem Besitz, Autos, Werkzeuge oder auch Kleidung tauschen und teilen."

Auch große Elektronik-Ketten sind eingestiegen. In fünf Berliner Filialen testet Mediamarkt zusammen mit der Firma Grover direkt vor Ort, wie das Mieten ankommt. Meistens geht es um hochwertige und teure Teile. Action-Kameras, Smartphones oder Kopfhörer zum Beispiel.

Michael Malessa, Filialleiter Mediamarkt: "Da natürlich die Kunden auch gerne anfassen, ausprobieren und eine intensive Beratung vor Ort haben wollen, war es eine logische Konsequenz, in einem Multichannel-Unternehmen, das auch hier auf die Fläche zu bringen. Und es kannibalisiert nicht den Verkauf, sondern ergänzt ihn."

Umweltfreundlich ja – aber nur bei Konsequenz

Bei empfindlicher Elektronik ist die professionelle Aufbereitung besonders wichtig. Die Teile dürfen zwar gebraucht sein, aber nicht verschlissen - und schon gar nicht defekt. Bleibt die Frage der Nachhaltigkeit. Schont der Trend zum Mieten die Umwelt – oder führt er am Ende sogar zu mehr Konsum? Kommt drauf an, sagen die Experten.

Menschen mit Einkaufstüten in einer Fußgängerzone
Eigentum oder Miete? Sicher auch eine Frage der Einstellung. Noch. | Bild: dpa

Dr. Dominika Wruk, Projektleiterin, Institut für Mittelstandsforschung - Universität Mannheim: "Das spart Geld, das spart Arbeit, das spart Müll und natürliche Ressourcen und schont damit die Umwelt. Ob das tatsächlich der Fall ist, hängt aber natürlich davon ab, wie ich mich sonst im Konsum verhalte. Wenn ich das eingesparte Geld dafür nutze, dass ich drei Mal im Jahr eine Flugreise mache, dann werden die Vorteile dadurch natürlich zunichte gemacht und es hat keine ökologische Wirkung in der Summe." 

Familie B. plant keine zusätzlichen Reisen. Aber die Vorteile sind kaum zu schlagen. Kerstin B.: "Ich brauche mich nicht auf den Flohmarkt stellen und wenn sie getragen sind, dann weiß ich auch, dass die Schadstoffe draußen sind. Denn dann sind sie ja schon mehrmals gewaschen, also für mich in allem sehr praktisch."

Nutzen statt besitzen? Wie wohl der Markt in Zukunft aussehen wird? Eine spannende Frage.

Ein Beitrag von Lars Ohlinger

Stand: 29.03.2018 12:23 Uhr

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Saarländischer Rundfunk
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